Der Fernsehmensch braucht das Spektakel - Analyse nach dem „Wetten, dass ..?“-Sturz

Der schwere Unfall bei “Wetten, dass..?“ erregt die Gemüter. Es wird über Quotendruck und Sensationsgier im TV diskutiert. Danach wird es weitergehen wie immer - Anders funktioniert es nicht. Eine Analyse.

Vor einigen Jahren hatte ein blinder Automechaniker eine unglaubliche Idee: Er bewarb sich bei „Wetten, dass ..?“ mit dem Vorschlag, am Steuer eines Rennwagens den Hockenheimring abzufahren. Die Redakteure der ZDF-Show trafen sich mit dem Mann und sahen, dass er es tatsächlich schaffen könnte. Sie überlegten, die komplette Strecke mit Fangseilen auszustatten, lehnten die Wette dann aber doch ab, weil sie ihnen zu gefährlich erschien.

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Bei RTL hätten sie womöglich anders entschieden als im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das seine Grenzen sehr wohl kennt. Der Sturz des Wettkandidaten Samuel Koch, der sich am Samstag bei einem Salto über ein fahrendes Auto schwer verletzte, hat eine Diskussion über Quotendruck und die Jagd nach dem immer Spektakuläreren entfacht. Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser fände es gut, „wenn man wieder zu den alten ungefährlichen Wetten zurückkehrt“.

Schwerer Unfall verursacht Abbruch von "Wetten, dass..?"

Schwerer Unfall verursacht Abbruch von "Wetten, dass..?"

Welche alten Wetten meint er? Die mit dem Motorradfahrer, der 1999 mit seiner Maschine eine Skisprungschanze hinauf- und wieder hinunterfuhr, um den Weltrekord im Weitsprung zu brechen? Oder die mit dem Waghalsigen, der vor sechs Jahren an einem 100 Meter langen Seil am Berliner Sony-Center hochkletterte?

Es stimmt nicht, dass früher alles besser und ungefährlicher gewesen sei. Und es gäbe wohl nichts Langweiligeres als eine „Wetten, dass ..?“-Sendung mit sechs Bastelwetten. Nach der abgebrochenen Sendung aus Düsseldorf hat Moderator Thomas Gottschalk beteuert, „dass ich aus den Wetten immer unnötigen Druck herausnehme“. Intern soll er aber auch gesagt haben, dass man nicht jede Gefahr vermeiden könne: „Dann sind wir wieder beim Kindergeburtstag und blasen Kerzen aus.“

Wie seine antiken Vorgänger will auch der moderne Fernsehmensch keinen Kindergeburtstag, er braucht das Spektakel, das nicht immer schön ist. Eine der besten Quoten holte die Pro-7-Show „Schlag den Raab“, als Stefan Raab mit dem Mountainbike stürzte und bewusstlos liegen blieb. Brot und Spiele sind keine Erfindung der Neuzeit. Helden kann es nur geben, weil sie auch fallen können. So funktioniert Unterhaltung.

Den 30 Jahre alten Samstagabendklassiker „Wetten, dass ..?“ wird es auch weiterhin geben, wie Programmdirektor Thomas Bellut gestern versicherte. Vielleicht wird die Redaktion die Wetten bald noch verantwortungsvoller auswählen. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass die erste Sendung nach dem Unfall deutlich mehr Zuschauer einschalten werden, als es zuletzt der Fall war.

Von Matthias Lohr

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