Starkoch über Skandale

Müller: Flatscreen oft wichtiger als Essen

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Das Bewusstsein für Lebensmittel muss sich verändern, findet Starkoch Nelson Müller.

Essen - Meldungen über Lebensmittelskandale überschlagen sich derzeit. Kein Wunder, so lange den Verbrauchern ein Flatscreen-Fernseher mehr wert ist als gutes Essen, findet Nelson Müller.

Ja, auch Sternekoch Nelson Müller hat sich schon einmal eine Tiefkühl-Lasagne in den Ofen geschoben, gesteht er. Doch das war in einer anderen Zeit. In einer Epoche, wo im stressigen Alltag eines Koch-Azubis kein Raum war, die Dinge zu hinterfragen. Für Nelson Müller haben die Berichte über Betrug mit Pferdefleisch im angeblichen Rinderhack einmal mehr klar gemacht: Qualität muss ihren Preis haben - und damit meint er nicht unerschwinglichen Kaviar, sondern die Selbstverständlichkeiten im Verbraucher-Kühlschrank.

"Ein Liter Milch ist eine Art Gold"

„Einen Liter Milch in der Hand zu halten, das ist eine Art Gold“, sagt er, und seine Augen blitzen, als denke er an einen glücklichen Moment mit Freunden. „Es ist das Produkt eines Lebewesens, wir können damit so unglaublich viel anstellen, es ist ein vollwertiges Lebensmittel“, schwärmt der Sternekoch. Mit ruhiger Stimme und einer zurückgenommenen Freundlichkeit spricht Müller beim Treffen in seiner Kochschule über das, was ihn traurig stimmt: „Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, warum so viele Lebensmittel so günstig sind.“

Skandale nicht verwunderlich

So sei er gar nicht verwundert gewesen zu hören, dass Kriminelle beim Fleisch panschen, um dem Preisdruck standzuhalten: „Mir ist schon lange klar: Irgendetwas läuft kräftig falsch in der Lebensmittelindustrie“, und das liegt aus Sicht Müllers zu allererst am Ess- und Kaufverhalten vieler Menschen. „Wertschätzung für Lebensmittel ist in unserer Kultur verloren gegangen, leider.“

Lebensmittelskandale in Deutschland

Vergammelt, verseucht, falsch deklariert - Lebensmittelskandale haben Verbraucher in Deutschland schon mehrfach verunsichert. © dpa
März 2013: 10 000 Tonnen vergifteter Mais wurden zu Tierfutter verarbeitet. Allein in Niedersachsen sind mehr als 3500 Bauernhöfe beliefert worden. © dpa
Februar 2013: Millionen Eier aus Freiland- und Bodenhaltung sowie von Bio-Betrieben wurden als angebliche Bio-Eier verkauft, obwohl die Legehennen nicht vorschriftsgemäß gehalten. © dpa
Januar 2013: In mehreren europäischen Ländern wird in Supermarktprodukten neben dem angegebenen Rindfleisch auch Pferdefleisch gefunden. Mitte Februar tauchen auch in Deutschland Fertiggerichte mit falsch deklariertem Fleisch auf. © dpa
2012: Nach dem von Behörden verhängten Produktionsstopp in einer Brotfabrik bei München meldet die Bäckereikette Müller-Brot Insolvenz an. Kontrolleure fanden wiederholt Mäusekot und Speisereste von früheren Produktionen in Maschinen der Bäckerei. © dpa
2011: In Deutschland sterben rund 40 Menschen an den Folgen des gefährlichen EHEC-Darmkeims. Die Behörden warnen vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate. Später stellt sich heraus: EHEC war von belasteten Sprossen aus Ägypten ausgelöst worden. © dpa
2010: Mit Dioxin belastetes Bio-Futtermittel eines niederländischen Herstellers wird in elf Bundesländer geliefert. Vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden viele Biohöfe gesperrt. © dpa
2008: Vergammelter Mozzarella aus Italien landet auch auf deutschen Käsetheken. Insgesamt sollen rund 11 000 Tonnen des mit Würmern und Mäusekot verunreinigten Käses europaweit als frische Ware in Supermärkten angeboten worden sein. © dpa
Lebensmittelskandale in Deutschland
2005: Mindestens 50 Betriebe und Lager in mehreren Bundesländern sind in Geschäfte mit verdorbenem Fleisch verwickelt. Große Mengen wurden zu Döner, Bratwurst und Geflügelnuggets verarbeitet. Besonderes Aufsehen erregte ein Unternehmer aus dem bayerischen Deggendorf: Er importierte tonnenweise Schlachtabfälle aus der Schweiz, deklarierte sie um und verkaufte sie an Lebensmittelproduzenten im In- und Ausland. © dpa
2005: In zwei Filialen einer Supermarktkette werden bei Hannover Mitarbeiter beim Manipulieren von Fleischverpackungen ertappt. Sie hatten Hackfleisch mit abgelaufenem Verbrauchsdatum neu verpackt und so das Verfallsdatum verlängert. Mitarbeiter und Kunden anderer Supermärkte melden sich mit ähnlichen Vorwürfen. © dpa
2001: Mit dem in der EU verbotenen Antibiotikum Chloramphenicol belastete Shrimps aus Asien gelangen über die Niederlande nach Deutschland. Die EU beschließt, die Einfuhr von Shrimps, Geflügel, Honig und Kaninchenfleisch aus China zu verbieten. © dpa
1997: Ein Skandal um illegale Rindfleisch-Importe aus Großbritannien verunsichert die Verbraucher. Aus Angst vor der Rinderseuche BSE werden in Deutschland Tausende Tiere getötet, der Konsum von Rindfleisch geht drastisch zurück. Als Auslöser der Krankheit gilt die Verfütterung von Tiermehl und Tierfett, die 2001 europaweit verboten wird. © dpa

Nicht nur weil es seine Leidenschaft ist und ihm ein gutes Auskommen beschert, rührt Müller in so vielen Kochprojekten mit. Er will auch Botschafter für eben diese Wertschätzung sein: Er gibt Kochkurse, in denen er mit den Teilnehmern in den Großhandel fährt und grundlegendes Kochhandwerk vermittelt. So oft es geht, arbeitet er noch in seinem Restaurant mit, entwickelt dort kulinarische Schätze, die ihm 2011 einen Michelin-Stern einbrachten.

Mit seinen Fernseh-Auftritten gehört Müller längst zur oberen Riege der löffelschwingenden Bildschirmgesichter. Zuletzt testete für das ZDF erst Billig-Bio-Lebensmittel und dann No-Name-Produkte. In Zeiten verunsicherter Verbraucher wurde die jüngste Sendung prompt zum Quotenerfolg mit 4,41 Millionen Zuschauern. Ihm selbst gefällt das erfolgreiche Format: „Auch wenn wir die Zusammenhänge nicht bis in alle Tiefe behandeln können, wir regen doch dazu an, über die Dinge nachzudenken.“

Schließlich ist die Liebe zum Essen auch Erziehungssache. Für Nelson Müller gilt das allemal: Der gebürtige Ghanaer, der mit vier Jahren nach Deutschland kam, hat noch vage Erinnerungen an lange Schlangen vor einer Brothütte in seinem Herkunftsland, weil es nicht immer alles zu kaufen gab. Zum Kochen kam Nelson Müller über seine Pflegefamilie, bei der er aufwuchs und die ihm seinen Nachnamen gab.

Lebensmittelmythen - Hätten Sie's gewusst?

Hilft Cola bei Magen-Darm-Infekten? Gerade bei Durchfall sollte man auf Cola verzichte und lieber ungesüßten Kräutertee oder stilles Mineralwasser trinken. © dpa
Ist helles Brot ungesünder als dunkles? Die Farbe des Brotes sagt nichts darüber aus, ob es gesund ist oder nicht. Es zählt, was drin ist: Weizen- oder Vollkornbrot. Nur Brot aus Vollkornmehl enthält das volle Korn. Die Bezeichung "Vollkornbrot" sollte auch auf der Packung stehen.   © dpa
Verursachen frisch gebackene Teigwaren Magenschmerzen? Ja. Frisches Brot ist weich, wird weniger gekaut und in großen Stücken heruntergeschluckt. Dabei kann viel Luft in den Magen gelangen und der Körper verdaut langsamer. Man bekommt Blähungen und Magenschmerzen. © dpa
Dürfen Muscheln nur in Monaten mit "r" verzehrt werden? Nein. Muscheln dürfen das ganze Jahr über gegessen werden. Die alte Volksweisheit stammt noch aus der Zeit, in der es die heutigen Kühlmethoden noch nicht gab. Tipp: Muscheln aus kontrollierter Zucht kaufen und auf einwandfreie Kühlkette achten. © dpa
Macht Spinat stark? Nein. In 100 Gramm Spinat stecken nur 3 Milligramm Eisen - und nicht wie lange Zeit angenommen 35 Milligramm. Das ist zu wenig, um als wahres Kraftpaket für den Körper zu gelten. Gesund ist Spinat aber trotzdem. © dpa
Sind Karotten gut für die Augen? Ja, denn sie enthalten Betakarotin, eine Vorstufe des Vitamn A, das wichtig ist für Abwehrkräfte, Wachstum, Haut, Schleimhäute und Augen. Ein Mangel an Vitamin A kann zu Nachtblindheit führen. Dem kann man mit Betakarotin in gewissen Maßen vorbeugen. © dpa
Dürfen Gerichte, die Pilze enthalten, aufgewärmt werden? Ja, wenn die Gerichte gekochte Pilze enthalten. Man sollte sie auf über 70 Grad erhitzen. Gerichte mit rohen Pilzen sollte man dagegen nicht aufbewahren. © dpa
Ist "Tafelwasser" gesund? Ja. Tafelwasser ist lebensmittelrechtlich gesehen Trinkwasser aus der Leitung, das die Hersteller mit Mineralwasser, Meerwasser, Kochsalz sowie weiteren Zusatzstoffen wie Kalium und Natrium versetzen. Es kann bedenkenlos getrunken werden. © dpa
Nimmt man ab, wenn man "Light"-Produkte isst? Nein. Viele "Light"-Produkte haben fast genauso viele Kalorien wie ihre vollfetten Pendants. Außerdem sorgt das Gewissen dafür, dass man sich gerne noch einen Nachschlag nimmt. © dpa

Im Hause Müller gehörten gemeinsame Mahlzeiten genauso dazu, wie das Gärtnern im eigenen Garten. Dort lernte Nelson als kleiner Junge schon den Unterschied zwischen einer mühsam gehegten und gepflegten Gartentomate und einem Supermarktprodukt kennen. „Genauso wie man Werbespots gegen Volkskrankheiten macht, muss man auch staatlich fördern, dass Kinder wieder den Bezug zu Lebensmitteln bekommen“, findet der Koch.

Für sein Restaurant „Schote“ in Essen kann er auf die Jagd nach den geschmackvollsten Produkten vertrauenswürdiger Lieferanten gehen. Müller weiß aber, dass die Welt des Lebensmittelmarktes ein komplizierter Dschungel ist, in dem Bio nicht zwangsläufig besser ist als konventionelle Produkte. In dieser Welt sind Lieferketten oft schwer nachvollziehbar. Und Verbraucher müssen vom Essen leben und nicht, so wie er, für das Essen.

Fernseher wichtiger als gutes Essen

Der Koch weiß auch, dass nicht ganz Deutschland plötzlich Feinschmeckergaumen bekommt. „Aber solange vielen Menschen ein fetter Flatscreen-Fernseher wichtiger ist als gutes Essen auf dem Tisch, wird es wieder Lebensmittelskandale geben“, sagt Nelson Müller.

dpa

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