Neuer Star mit altem Soul

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Michael Kiwanuka

Berlin - Die noch junge Karriere des Michael Kiwanuka ist eine der schönsten Erfolgsgeschichten der oft so durchkalkulierten Popmusik von heute. Der Brite mit ugandischen Wurzeln befindet sich auf Erfolgskurs.

Ein junger schwarzer Sänger, Brite mit ugandischen Wurzeln, wird für seine sensible Mischung aus Folk und Soul als Hoffnungsträger bejubelt - und bestätigt die hohen Erwartungen auch noch. Michael Kiwanuka heißt der etwas andere Retro-Star der Saison - ein bescheidener Künstler aus dem glanzlosen Londoner Viertel Muswell Hills. Und, wie man jetzt bei seinen Konzerten feststellen konnte, auch ein toller Live-Musiker.

Selbst wenn man davon ausgehen kann, dass Kritiker hin und wieder voneinander abschreiben, so war die fast einhellige Nennung des 25-Jährigen als heißester Newcomer 2012 doch eine Sensation. Vor allem die einflussreiche BBC legte sich zur Jahreswende für den bis dahin nur durch einige Singles hervorgetretenen Singer/Songwriter ins Zeug, andere Pop-Auguren folgten.

Als Kiwanukas Debütalbum “Home Again“ im März endlich erschien, schwirrten die ehrenvollen Vergleiche nur so durch den Raum: An Bill Withers, Otis Redding oder Richie Havens erinnere diese so zarte wie würdevolle Musik, also an einige der größten Soul-Sänger früherer Jahrzehnte. Auch die geschmackvollen Arrangements des ähnlich unbekannten Produzenten Paul Butler fanden reichlich Beifall. Aber “Sound of 2012“? Man fragte sich schon, was an diesen demütigen, zunächst recht unspektakulären Songs zeitgemäß sein sollte.

Vermutlich ist es gerade das Erfolgsgeheimnis von Retro-Musikern wie Michael Kiwanuka, Adele oder Lana Del Rey, dass sie eben nicht krampfhaft modern sein wollen. Dass sie dazu auch stehen. Dass sie älteren Hörern ein nostalgisches Gefühl vermitteln und jüngeren Fans eine musikalische Zeitreise in eine Ära versprechen, die sie selbst nur aus Erzählungen ihrer Eltern kennen.

So wirkt Musik auf unseren Körper

Musikwirkung auf den Körper
Elektropop (z.B. Lady Gaga, Alejandro):  Bei einem Tempo über 72 bmp haben Musikstücke insbesondere auf Frauen aufputschende Wirkung. Frequenz: 80 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Rock/Pop (z. B. U2 – Beautiful Day): Gut für Männer, da sie häufig zu höheren Blutdruck als Frauen neigen. Ihre Leistung wird durch hohe motorische Erregung beeinträchtigt. Aus diesem Grund führen bei Männern tendenziell ruhigere, fließende Klänge zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit. Frequenz: unter 72 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Akustik/Folk/Blues (z. B. Jack Johnson – Wasting Time): Ruft stärkste Reaktion des Körpers hervor, da das Tempo einem verlangsamten Herzrhythmus ähnlich dem Schlafzustand entspricht. Dabei kommt es beim Zuhörer zur größten Entspannung, zur Beruhigung der Atmung und zur Entkrampfung der Muskulatur. Frequenz: 60 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Klassik (z. B. Wolfgang Amadeus Mozart – „Lacrimosa“ aus dem Requiem):  Die klassischen Klänge im langsamen Tempo helfen bei Schlafstörungen und lösen körperliche Verspannungen. Daher wird heute häufig in Zahnarztpraxen oder OP-Sälen klassische Musik zur präoperativen Angstreduktion der Patienten abgespielt. Frequenz: 65 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Oper (z. B. Guiseppe Verdi – „Triumphmarsch“ aus der Aida): Kann die Konzentrationsfähigkeit fördern und sich positiv auf den Blutdruck auswirken. So führte Verdis emotional mitreißende Opernmusik aus Aida in wissenschaftlichen Untersuchungen zu einer Blutdrucksenkung um durchschnittlich 5 mmHg bei den Zuhörern. Frequenz: 100 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Heavy Metal (z. B. Metallica – Enter Sandman): Das Lied beschleunigt die Herz-Kreislauf-Aktivität, da das Tempo dem Herzschlag während höherer Belastungen entspricht. Daher kommt es zu einer aufputschenden Wirkung. Frequenz: über 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Hard Rock (z. B. AC/DC – Highway To Hell): Hard Rock-Musik im schnellen Tempo wie dieser Klassiker kann zum Abbau von Aggressionen beitragen und helfen, Ängste und Frustrationen zu überwinden. Frequenz: im Mittel bei ca. 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Latino-Pop (z. B. Shakira – Waka Waka): Der beschwingte, lateinamerikanische Rhythmus im schnellen Tempo bringt das Herz-Kreislauf-System in Schwung und kann helfen, melancholische Augenblicke zu überbrücken. Frequenz: ca. 125 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Chanson (z. B. Beispiel: Udo Jürgens – Aber bitte mit Sahne): Hat einen anregenden Effekt, hilft gegen Müdigkeit. Hat eine Stimmung-aufhellende Wirkung und verbessert die Leistungsfähigkeit. Frequenz: 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Schlager (z. B. Jürgen Drews – Ein Bett im Kornfeld): Das mittlere Tempo erzeugt Ausgeglichenheit und hilft gegen Stress-Symptome. Kann darüber auch motivationssteigernd wirken. Frequenz: 110 Hz. © dpa

“Ja, ich bin ein Fan dieser Musik“, sagt Kiwanuka im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa über seine bis in die Sixties reichenden Einflüsse. “Sie kommt einfach aus mir raus.“ Während schwarze Musik vor 40 Jahren jedoch oft einem politischen Impuls folgte, etwa in den wegweisenden Alben der Kiwanuka-Vorbilder Marvin Gaye oder Curtis Mayfield, beschränkt sich der Brite in seinen Texten aufs Private: “Mich beschäftigen gewöhnliche menschliche Geschichten. Einen Song zu schreiben, das hat für mich etwas Therapeutisches. Wenn es dem Hörer damit genauso geht, umso besser.“

Die Therapie des Michael Kiwanuka, seine überaus angenehme Soul/Pop-Mixtur, funktioniert für hunderttausende Plattenkäufer blendend. In Großbritannien schoss “Home Again“ auf Platz 4 der Charts und wurde rasch vergoldet. In Norwegen, Schweden und Belgien kletterte das Album in die Top 10, in Deutschland bis auf Rang 17. Und auch live weiß der Mann mit dem Folkie-Fusselbart zu begeistern.

Nach ersten Konzerten im Vorprogramm der Grammy-Abräumerin Adele trat Kiwanuka jetzt vor seinem eigenen Publikum auf - etwa am Montagabend im ausverkauften Berliner Postbahnhof. Wer dem Hype bisher noch skeptisch gegenüber stand, dürfte danach überzeugt gewesen sein. Unterstützt von einer fünfköpfigen Band, hauchte Kiwanuka seinen ohnehin seelenvollen Liedern noch mehr Gefühl und Herzenswärme ein. “I'm Getting Ready“ oder “Always Waiting“ interpretierte er als Gospel-Folk, den Album-Opener “Tell Me A Tale“ ließ er zu einer mitreißenden Funk-Jazz-Jamsession ausfransen.

Bei aller Konzert-Euphorie: Noch sieht sich Michael Kiwanuka vor allem dem Erbe der schwarzen Musik früherer Jahrzehnte verpflichtet, das Eigenständige fehlt ihm bislang. Seine angeraute Soul-Stimme ist großartig, seine Ausstrahlung extrem sympathisch - den Hoffnungsträger-Status verdient er allemal. Das zweite Album des Londoner Talents wird die Antwort geben, ob mehr daraus wird.

Werner Herpell, dpa

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