Nobelpreisträgerin von Freund bespitzelt

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Herta Müller wurde von ihrem 2006 gestorbenen Freund Oskar Pastior für den rumänischen Geheimdienst bespitzelt.

Berlin - Ihr enger Freund Oskar Pastior hat ihr seine Vergangenheit als Securitate-Spitzel verschwiegen - diese Entdeckung muss Herta Müller geschockt haben.

Herta Müller wirkt, als würde sie nichts ahnen. Klein und schmal sitzt die Literaturnobelpreisträgerin im Berliner Theater am Schiffbauerdamm und erzählt von ihrem 2006 gestorbenen Freund Oskar Pastior. Das Schicksal des rumäniendeutschen Lyrikers ist der Kern ihres Romans “Atemschaukel“, für den sie 2009 den Nobelpreis bekam.

Die deutschen Literatur-Nobelpreisträger

Theodor Mommsen (1817-1903) erhielt 1902 den Preis für seine "Römische Geschichte“. © dpa
Rudolf Eucken (1846-1926) erhielt 1908 den Nobelpreis für eine in zahlreichen seiner Werke vertretene ideale Weltanschauung. © dpa
Paul von Heyse (1830-1914) erhielt 1910 den Nobelpreis für das "von Auffassung geprägte Künstlertum". © dpa
Gerhart Hauptmann (1862-1946) erhielt 1912 den Nobelpreis für seine "reiche, vielseitige, hervorragende Wirkung auf dem Gebiet der dramatischen Dichtung". © dpa
Thomas Mann (1875-1955) erhielt 1929 den Nobelpreis für Literatur für seinen ersten Roman „Buddenbrooks“. © dpa
Hermann Hesse (1877-1962) erhielt 1946 den Literaturnobelpreis für sein Gesamtwerk. © dpa
Nelly Sachs (1891-1970) erhielt den Nobelpreis für Literatur „für ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren.“ © dpa
Heinrich Böll (1917-1985) erhielt 1972 den Preis “für eine Dichtung, die durch ihre Verbindung von zeitgeschichtlichem Weitblick und liebevoller Gestaltungskraft erneuernd in der deutschen Literatur gewirkt hat“. © dpa
Günter Grass (1927) erhielt 1999 den Preis, „weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat“. © dpa
Die in Rumänien geborene Herta Müller (1953) ist die neue Nobelpreisträgerin. Die Königlich-Schwedische Akademie in Stockholm begründete ihre Auswahl unter anderem mit der Reinheit der Dichtung, die Müllers Werken innewohne. Müller zeichne "mittels der Verdichtung der Poesie und der Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit". © dpa

Kurz vor der Lesung an diesem Donnerstagabend hatten die Ticker die ungeheuerliche Meldung geliefert: Oskar Pastior war von 1961 bis 1968 unter dem Decknamen “Otto Stein“ Informant des rumänischen Geheimdienstes Securitate. Der Münchner Germanist Stefan Sienerth hat in Pastiors Akte eine entsprechende Verpflichtungserklärung entdeckt, die der Dichter unter dem Druck eines Verhörs abgegeben hatte.

Der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Freitag) sagt Müller, sie sei sehr bestürzt über diese Entdeckung. Als sie davon vor einigen Wochen erstmals erfuhr, habe sie “Erschrecken, auch Wut“ verspürt: “Es war eine Ohrfeige.“ Ihre nächste Reaktion sei aber Anteilnahme und Trauer gewesen.

Hat Herta Müller schon länger geahnt, dass der geliebte Freund trotz der scheinbar rückhaltlosen Vertrautheit diesen dunklen Punkt vor ihr geheim gehalten, ja vielleicht sogar geleugnet hat? War er besonders erpressbar, weil er die Entdeckung seiner Homosexualität fürchtete? Bei der Lesung am Donnerstagabend lässt sich Herta Müller nichts anmerken. Immer wieder ist an diesem Abend von der Securitate die Rede, diesem krakenhaften, alle Lebensbereiche lähmenden Ungeheuer - aber nie in Zusammenhang mit Oskar Pastior.

Stattdessen schildert die Schriftstellerin in ihrer dichten, atemberaubenden Sprache, welche Bedeutung der Freund für sie und ihren preisgekrönten Roman über das Schicksal der in russische Lager deportierten Rumäniendeutschen hatte. “Es war das große Glück, dass er mir über die Lager erzählt hat - in so genauen, poetischen Erinnerungen, dass ich sagte, wir schreiben das Buch zusammen.“

Dazu kommt es nicht. Pastior, 26 Jahre älter als die heute 57- jährige Müller, stirbt 2006 unerwartet während der Frankfurter Buchmesse - der Georg-Büchner-Preis konnte ihm nur noch posthum verliehen werden. “Ich hatte vier große Hefte mit Notizen und vielleicht 30, 40 Seiten Text, die wir getippt hatten“, erzählt Müller. “Das war wie ein Brachland.

Zunächst gibt sie den Gedanken auf, das Buch zu schreiben: “Ich hatte ja in erster Linie einen sehr nahen Freund verloren. Ich musste mich verabschieden von dem Wir“. Doch nach einem Dreivierteljahr wagt sie sich langsam wieder an die Notizen heran, rekonstruiert die Geschichten so gut es geht in seinem Sinne, schreibt mit dem Gedanken an sein Schicksal weiter. “Ich habe ihn gezwungen, noch ein bisschen zu leben, als ich an dem Buch gearbeitet habe.“

In der Lesung herrscht Stille. Der Berliner Publikum ist betroffen von der Schilderung, es ist ein sehr persönlicher Einblick. Was die Schriftstellerin wirklich fühlt, lässt sich nur erahnen. Schon einmal hat sie einen geliebten Menschen an den Geheimdienst verloren - als ihre einst beste Freundin Theresa sie nach der Übersiedelung in den Westen auszuspionieren versuchte. Die Erinnerung daran ist in den Roman “Herztier“ (2007) eingeflossen, aus dem die Autorin an diesem Abend auch liest. Über Theresa sagt sie einmal: “Sie konnte nicht merken, dass “Du und Ich“ vernichtet war.“

dpa

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