Fans malen sich Bärte

Österreich ist im Wurst-Wahn - Kritiker rudern zurück

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Umjubelt: Conchita Wurst wurde am Wiener Flughafen von hunderten Journalisten und etwa tausend Fans begrüßt.

Wien. Conchita Wursts Sieg beim Eurovision Song Contest löste eine Welle der Begeisterung aus. Mit Bärten bemalte Fans und hunderte Journalisten begrüßten die Diva bei ihrer Rückkehr am Flughafen in Wien. Und selbst ihre schärfsten Kritiker rudern nun zurück.

Das ist Travestie:
Travestie (französisch travesti „verkleidet“) ist eine Kunstform, bei der eine Person in die Rolle des gegenteiligen Geschlechts schlüpft. Wenn Männer Frauen darstellen, werden sie auch als Drag Queens (andersherum als Drag Kings) bezeichnet. Bekannte Travestiekünstler sind Olivia Jones oder Lilo Wanders. Travestiekünstler versuchen in der Regel, die eigenen männlichen oder weiblichen Attribute durch die des jeweils anderen Geschlechts zu ersetzen. Bei Conchita Wurst ist das anders: Ihr Bart ist ein Merkmal der sonst divenhaften Kunstfigur. Üblicherweise ist mit der Verkleidung nicht der Wunsch verbunden, auch wirklich dem anderen Geschlecht anzugehören (Transsexualität). Die Übergänge sind aber fließend. (sib)

Sonntagvormittag, Flughafen Schwechat, An die Tausend Fans sind gekommen, der „Queen of Austria“ ihre Reverenz zu erweisen. So viel Andrang war weder bei Madonna noch bei Robbie Williams. Und das am Muttertag, dem in Österreich deutlich mehr Aufmerksamkeit zukommt als in Deutschland. Wenn das Alpenland nicht gerade den Eurovision Song Contest gewinnt - also seit 1966 (Udo Jürgens „Merci Chérie“) praktisch immer. Heuer aber verlegen zahlreiche Familien den Muttertag an den Flughafen. Um eine/n zu feiern, die/der das traditionelle Geschlechterrollen-Korsett sprengt und damit auch noch rauschenden Erfolg hat - Tom Neuwirth alias Conchita Wurst.

Als Flug 302 aus Kopenhagen um 11.44 Uhr landet, haben sich die Fans, viele mit aufgemaltem Vollbart, schon fast heiser gegrölt. „Rise like a Phoenix“ beherrschen sie perfekt. Konfettiregen, ausgelassener Jubel, als Conchita Wurst mit strahlendem Lächeln den Pokal in die Höhe hebt. Ihr zur Seite ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, der ihren Sieg in der mit rund 500 Journalisten königlich bestückten Pressekonferenz als „Höhepunkt meiner Karriere“ bezeichnet.

Seiner Karriere? Im Vorfeld war sein Vorgehen, „die Super-Wurst“ (Tageszeitung „Österreich“) ohne Publikumsvoting ins Rennen zu schicken, harsch kritisiert worden. Angesichts des Sieges dürfte dies, außer Bundespräsident Heinz Fischer, der den Alleingang bei aller Freude noch einmal mahnend erwähnte, keinen mehr interessieren.

Die plattesten Wurst-Witze

Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), Vizekanzler Michael Spindelegger (ÖVP) und die Spitzenfunktionäre der anderen Parteien gratulieren per Facebook und Twitter; Heinz-Christian Strache, der Chef der rechtsgerichteten FPÖ. ist erst durch einen Shitstorm zu einem lauwarmen Glückwunsch „bei aller Unterschiedlichkeit von Auffassungen“ zu bewegen. Dafür zeigt sich Stefan Petzner, Ex-Vorsitzender des ebenfalls rechts orientierten BZÖ, ehemals Jörg Haiders Intimus, überwältigt: „Sie hat geschafft, was wir bei der Fußball-WM nie erleben werden.“ Selbst Brachial-Komiker Alf Poier („verschwulte Zumpferl-Romantik“) rudert zurück („Hut ab, Conchita!“) - so feiert die Homophobie derzeit „nur“ mehr in den Blogs der konservativen Kronenzeitung („Sieg der Abnormalität“) fröhliche Urständ.

Der Kampf um den Austragungsort für 2015 ist bereits ausgebrochen. Stadthalle Wien, Wörtherseestadion Klagenfurt oder gar Salzburg? Der Kabarettist Gerald Fleischhacker empfiehlt: „Die Hypo Alpe Adria hat einen schönen Saal.“

von Verena Joos

Zur Person

Conchita Wurst ist die Kunstfigur des Österreichers Tom (eigentlich Thomas) Neuwirth (25), geboren in Gmunden. Er wuchs in einem Dorf in der Steiermark auf und bemerkte schon zu Schulzeiten, dass er schwul ist. Mit 14 ging er ins Internat und besuchte die Modeschule, holte später sein Abitur nach und machte eine Ausbildung zum Modedesigner. 2006/2007 belegte Neuwirth in der ORF-Castingshow „Starmania“ den zweiten Platz. Im Gegensatz zu Conchitas Auftreten sind Neuwirths Träume eher konventionell: Er hätte gern eine Eigentumswohnung in Wien. (sib)

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