Schockrocker Manson präsentiert in Gemälde

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Schock-Rocker Marilyn Manson vor seinen Bildern.

Wien - Rockstar Marilyn Manson steht für skandalträchtige Auftritte und schrilles Äußeres. Jetzt hat er zu Pinsel und Aquarellfarbe gegriffen. Eine Schau in Wien zeigt seine Kunst.

Während Marilyn Manson (41) als Musiker noch regelmäßig Skandale heraufbeschwören kann, hat er es als Künstler deutlich schwerer: Ein Zwitterwesen mit übergroßen Brüsten, eine Frauen mit offenem Bauch und gespreizten Schenkeln, ein Mann mit abgebissenen Fingern - ähnlich explizite Bilder hängen seit Jahrzehnten in jedem guten Sammlerhaushalt. Dementsprechend ohne Aufregung startet diesen Mittwoch die Schau “Genealogies of Pain“ mit Aquarellbildern Mansons und Kurzfilmen von David Lynch im Project Space der Wiener Kunsthalle.

In nur einem Raum zeigt die Kunsthalle bis 25. Juli rund zwanzig mittelformatige Bilder des Musikers. Herzchen ohne Titel hängen neben der Darstellung einer an Mund und Genitalien verletzten Frau - alles in hell-bunten Aquarellfarben gehalten. “The carpenter“ (der Schreiner) heißt ein Bild, dass ein Gesicht mit vier Nägeln im Kopf zeigt. Bei “Skoptic Syndrome“ schnürt sich ein abgemagerter Mann selbst sein Geschlechtsteil ab. Die Formensprache erinnert ein wenig an den expressionistischen Maler Egon Schiele, auffallend ist die Diskrepanz zwischen der sanften Maltechnik und dem dargestellten Grauen.

Die brutalen Morde der Manson-Family

Im August 1969 schockten bestialische Morde Amerika. Im Land ging der Geist von „Flower Power“ und „Freier Liebe“ um. Da brachte eine Hippie-Sekte in Kalifornien scheinbar wahllos Menschen um. Anführer des bizarren Kults: Charles Manson. © AP
Ende der 1960er Jahre scharte Manson leichtgläubige, desillusionierte, obdachlose und drogenabhängige junge Leute (bevorzugt Frauen) um sich. Sie lebten unter anderem auf Spahn's Movie Ranch in Kalifornien. Dort verbreitete der kriminelle Guru (Manson hatte bereits etliche Jahre im Knast gesessen) seine kranke Weltanschauung. © AP
Sein Ziel: Ein Rassenkrieg zwischen Weißen und Schwarzen. Mit brutalen Aktionen gegen die weiße Oberschicht zum einen und gegen die schwarze Unterschicht zum anderen wollte die Family beide Seiten gegeneinander aufhetzen.  © AP
Für die „weiße Oberschicht“ standen in der verrückten Weltanschauung Mansons beispielhaft Hollywood-Regisseur Roman Polanski und seine Frau, die Schauspielerin Sharon Tate (auf einer Party fotografiert). © AP
In der Nacht auf den 9. August 1969 erhielten drei  Family-Mitglieder von Manson den Auftrag, in das Haus von Polanski und Tate in Los Angeles (Bild) einzudringen und jeden Anwesenden zu töten. Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Charles Watson taten wie ihnen geheißen: Sie schlichen sich auf das Gelände. Auf dem Weg zum Haus stoppten sie das Auto des Studenten Stephen Parent (18). Tex Watson erschoss ihn mit vier Kugeln. © AP
Dann stürmten die drei in das Haus, wo gerade eine Party stattfand. Mit Küchenmessern stachen sie auf jeden ein, den sie fanden. Mit insgesamt 102 Messerstichen tötete die Manson-Family vier Menschen. Das Bild zeigt alle Opfer der Mordnacht: Von links  Voityck Frykowski, Sharon Tate, Stephen Parent, Jay Sebring und Abigail Folger. © AP
Die Leiche von Sharon Tate wird am Morgen des 9. August 1969 aus dem Haus weggebracht. Tragisch: Tate war zum Zeitpunkt ihrer Ermordung hochschwanger. Sie starb unter 16 Messerstichen. Mit ihrem Blut schrieb Susan Atkins das Wort „PIG“ (deutsch: „Schwein“) an die Haustür. © AP
Der Tatort am Morgen des 9. August 1969: Auf dem Boden vor dem Haus sind Blutflecken zu sehen. Wie die Polizei später rekonstruierte, hatten sich die Opfer Frykowski und Folger noch bis in den Vorgarten geschleppt. Auf Jay Sebring hatten die Killer mehrfach eingestochen und ihn im Haus mit mehreren Schüssen getötet. © AP
Einen Tag später ermordeten die drei Hippie-Killer, dieses Mal begleitet von Leslie Van Houten, den Industriellen Leno LaBianca und seine Frau Rosemary. Mit Blut wurden unter anderem die Parolen „Tod den Schweinen“ und „Erhebt Euch“ an die Wände des Hauses geschrieben. Das Bild zeigt (von links) Susan Atkins, Patricia Krenwinkel and Leslie Van Houten nach ihrer Verhaftung. © AP
Am 12. Oktober 1969 fand auf der Barker Ranch im Death-Valley-Nationalpark (Bild), wo Manson und seine Anhänger inzwischen hausten, eine Polizei-Razzia statt. Die Beweisstücke führten im Lauf der kommenden Wochen zur Verhaftung Mansons und seiner Anhänger. © AP
Die Barker Ranch gibt es noch heute - so wie Manson und seine Anhänger sie hinterlassen haben. Im Garten stehen diese Stühle mit Einschusslöchern. Die Family hatte sie für Schießübungen genutzt. © AP
Das Innere der Barker Ranch. Auf einem Tisch liegt heute auch eine Zeitschrift, in der über die perversen Morde der Family berichtet wird. Vermutlich hat ein Manson-Fan sie dort hingelegt. © AP
Kultort Barker-Ranch: Ein Mann fotografiert die alte Zufluchtstätte der Manson-Family. © AP
Die verfallene Barker Ranch von aussen gesehen. © AP
1970 begann der Prozess gegen Manson und die Mörder aus dem Kreis seiner Family. Das Verfahren sorgte für ein beispielloses Medieninteresse. © AP
Manson inszenierte sich vor Gericht als Irrer, als das Böse schlechthin. Vor dem Richter erklärte er: „Ich bin der Teufel.“ Sicher ist: Die Family plante weitere Morde. Bei bis zu sechs noch heute ungeklärten Morden gelten die Hippie-Killer als verdächtig. © AP
Am 29. März 1971 verurteilte eine Jury in Los Angeles Charles Manson und die drei angeklagten Frauen zum Tod in der Gaskammer. Auf dem Weg zur Urteilsverkündung (Foto) lachen die durchgeknallten Family-Mitglieder. © AP
Im Oktober wurde auch ein Todesurteil gegen Charles Watson (Mitte) ausgesprochen. © AP
Charles Manson nach der Urteilsverkündung: In seine Stirn hatte er sich während des Prozesses ein Hakenkreuz geritzt. © AP
Manson und die anderen Verurteilten hatten Glück: Schon 1972 erklärte der Oberste Gerichtshof von Kalifornien die Todesstrafe  für verfassungswidrig, die Urteile wurden in „lebenslang“ umgewandelt. 1978 wurde die Todesstrafe wiedereingeführt. Für die Verurteilten im Manson-Prozess blieb diese Entscheidung aber unwirksam. © AP
Im Juli 1985 wurde Charles Manson nach San Quentin gebracht und seit März 1989 sitzt er im kalifornischen Staatsgefängnis in Corcoran (Kings County) ein. Das Bild stammt von einer Anhörung im Jahr 1986. © AP
Auf dem linken Bild ist Manson zu sehen, wie er im März 2009 aussah, das rechte zeigt ihn nach seiner Festnahme vor fast 40 Jahren. Im Mai 2007 wurde sein mittlerweile elftes Bewährungsgesuch abgelehnt, das nächste Gnadengesuch kann er frühestens im Jahr 2012 einreichen. © AP
Susan Atkins (Mitte) mit ihren Mittäterinnen Patricia Krenwinkel (links) und Leslie Van Houten sitzen ebenfalls bis heute im Knast. Seit Jahren bemühen sich auch Mansons Mithäftlinge um vorzeitige Entlassung. Ihre Gesuche wurden bis heute insgesamt achtzehn Mal abgelehnt.  © AP
Der heute 74-Jährige Manson hat vermutlich keine Chance mehr, jemals wieder das Gefängnis zu verlassen. Er bereut seine Taten bis heute nicht. © AP
Susan Atkins, bei der ein unheilbarer Gehirntumor festgestellt wurde, hat 2008 einen Antrag auf „Entlassung aus Mitleid“ gestellt. Doch der wurde am 15. Juli 2008 abgelehnt. Ihre nächste Anhörung ist für kommenden September angesetzt. Dann könnte sie freikommen. © AP
Debra Tate, Schwester der ermordeten Sharon Tate, setzt sich bis heute dafür ein, dass alle fünf Verurteilten nie wieder freigelassen werden. © AP
Er verdient am Mythos Manson: Schock-Rocker Marilyn Manson. Wie er beteuert, soll sein Name keine Verehrung von Charles Manson ausdrücken. Er wolle in seinem Pseudonym nur die beiden Extreme US-amerikanischer Popularität, Marilyn Monroe und C harles Manson, zusammenfassen. © AP
Allerdings veröffentlichte der Schock-Rocker ein Lied von Charles Manson (My Monkey) auf seinem Album Portrait of an American Family. Auch die Band System of a Down zeigt sich zum Teil von Charles Manson inspiriert, etwa mit dem Song ATWA auf dem Album Toxicity. Auch 40 Jahre nach den bestialischen Morden vom August 1969 lebt der irre Manson-Mythos noch. Das Monster wurde zur Pop-Ikone. © dpa

“Ich versuche so zu malen, wie ich träume, deshalb benutze ich Aquarellfarben“, erklärt ein schwarzgewandeter und zurückhaltend auftretender Manson am Montagabend. Die Kunst sei kein Hobby von ihm, sondern inzwischen fast wichtiger als die Musik. Beide Rollen möchte Manson aber gerne trennen: “Ich möchte mir meine Anerkennung als Künstler nur verdienen, weil ich Künstler bin.“ Für Kunsthallen- Direktor Gerald Matt waren die Bilder Mansons bei der ersten Begutachtung eine positive Überraschung: “Manson ist jemand, der so etwas wie ein menschliches Grundthema mit seinen Arbeiten anspricht.“ Er macht in den Werken die Faszination des Bösen aus, das Zwielicht zwischen Moral und Verbrechen, Zerstörung und Ästhetik.

Diese Themen sind in der Ausstellung die Verbindung zwischen Manson und Lynch, die beide gut befreundet sind. Der Musiker hatte 1997 im Lynch-Film “Lost Highway“ eine Gastrolle. In Wien sind sehr frühe Kurzfilme aus den Jahren zwischen 1967 bis 1973 zu sehen, die alle die Ästhetisierung von Gewalt und die Verletzlichkeit des Körpers zum Thema haben. “The Amputee“ zeigt beispielsweise, wie eine Pflegerin die Beinstümpfe einer Behinderten reinigt. “David Lynch ist in seinem Herzen ein Künstler, der nur zufällig ein Regisseur ist“, sagt der Musiker Manson, der sich eigentlich als Künstler sieht.

dpa

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