30 Jahre Tote Hosen: Campino im Interview

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Rockt seit 30 Jahren die Bühnen Deutschlands:  Campino von den toten Hosen.

Berlin - Seit 30 Jahren stehen die "Toten Hosen" nun bereits auf der Bühne. Im Interview lässt Frontmann Campino die Hosen runter und spricht über Drogen, Trennungsgedanken und Geld.

Die Toten Hosen feiern gerade ihr 30. Jubiläum. Mit Sänger Campino sprach dapd-Korrespondent Stephan Köhnlein über Geld, Drogen, Nostalgie und das neue Album “Ballast der Republik“, das am Freitag (4. Mai) erscheint.

30. Band-Jubiläum, eine Reihe von Konzerten, neues Album - was ist denn im Moment die Frage, die Ihr am öftesten beantworten müsst.

Campino: Natürlich werden wir oft auf das Band-Jubiläum angesprochen, ob wir etwas bereut haben, ob wir etwas anders gemacht hätten. Aber wenn wir das detailliert beantworten würden, würde das jeden Rahmen sprengen.

So wirkt Musik auf unseren Körper

Musikwirkung auf den Körper
Elektropop (z.B. Lady Gaga, Alejandro):  Bei einem Tempo über 72 bmp haben Musikstücke insbesondere auf Frauen aufputschende Wirkung. Frequenz: 80 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Rock/Pop (z. B. U2 – Beautiful Day): Gut für Männer, da sie häufig zu höheren Blutdruck als Frauen neigen. Ihre Leistung wird durch hohe motorische Erregung beeinträchtigt. Aus diesem Grund führen bei Männern tendenziell ruhigere, fließende Klänge zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit. Frequenz: unter 72 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Akustik/Folk/Blues (z. B. Jack Johnson – Wasting Time): Ruft stärkste Reaktion des Körpers hervor, da das Tempo einem verlangsamten Herzrhythmus ähnlich dem Schlafzustand entspricht. Dabei kommt es beim Zuhörer zur größten Entspannung, zur Beruhigung der Atmung und zur Entkrampfung der Muskulatur. Frequenz: 60 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Klassik (z. B. Wolfgang Amadeus Mozart – „Lacrimosa“ aus dem Requiem):  Die klassischen Klänge im langsamen Tempo helfen bei Schlafstörungen und lösen körperliche Verspannungen. Daher wird heute häufig in Zahnarztpraxen oder OP-Sälen klassische Musik zur präoperativen Angstreduktion der Patienten abgespielt. Frequenz: 65 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Oper (z. B. Guiseppe Verdi – „Triumphmarsch“ aus der Aida): Kann die Konzentrationsfähigkeit fördern und sich positiv auf den Blutdruck auswirken. So führte Verdis emotional mitreißende Opernmusik aus Aida in wissenschaftlichen Untersuchungen zu einer Blutdrucksenkung um durchschnittlich 5 mmHg bei den Zuhörern. Frequenz: 100 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Heavy Metal (z. B. Metallica – Enter Sandman): Das Lied beschleunigt die Herz-Kreislauf-Aktivität, da das Tempo dem Herzschlag während höherer Belastungen entspricht. Daher kommt es zu einer aufputschenden Wirkung. Frequenz: über 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Hard Rock (z. B. AC/DC – Highway To Hell): Hard Rock-Musik im schnellen Tempo wie dieser Klassiker kann zum Abbau von Aggressionen beitragen und helfen, Ängste und Frustrationen zu überwinden. Frequenz: im Mittel bei ca. 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Latino-Pop (z. B. Shakira – Waka Waka): Der beschwingte, lateinamerikanische Rhythmus im schnellen Tempo bringt das Herz-Kreislauf-System in Schwung und kann helfen, melancholische Augenblicke zu überbrücken. Frequenz: ca. 125 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Chanson (z. B. Beispiel: Udo Jürgens – Aber bitte mit Sahne): Hat einen anregenden Effekt, hilft gegen Müdigkeit. Hat eine Stimmung-aufhellende Wirkung und verbessert die Leistungsfähigkeit. Frequenz: 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Schlager (z. B. Jürgen Drews – Ein Bett im Kornfeld): Das mittlere Tempo erzeugt Ausgeglichenheit und hilft gegen Stress-Symptome. Kann darüber auch motivationssteigernd wirken. Frequenz: 110 Hz. © dpa

Habt Ihr denn so viel falsch gemacht?

Campino: In meinen Augen gibt es keinen dümmeren Spruch als “Ich bereue nichts“. Wenn wir in 30 Jahren nichts gelernt hätten, wäre das schade. Man kann viele Dinge nicht mehr ändern. Aber mit dem Wissen von heute, hätten wir sicher vieles anders gemacht.

Gab es denn auch Momente, in denen ihr kurz davor wart, euch zu trennen?

Campino: Die gab es häufiger. Aber nicht aus einer Sattheit heraus, sondern in Momenten größter Verzweiflung. Als das ganze Drogen-Konsumieren kein Spaß mehr war, sondern zu einer wirklichen Gefahr wurde - für einzelne von uns, aber auch für das ganze Band-Gefüge. Als man so dicht war, dass man egoman und größenwahnsinnig wurde, den Überblick verlor, als wir egoistische Züge entwickelten, die wir vorher nicht hatten. Aber wir haben Gott sei Dank immer die Kurve gekriegt.

Bis wann ging denn Eure Drogenzeit?

Campino: Das ist schwierig, es gab verschiedene Phasen. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass sich eine große Problemrunde zusammensetzt und dann wird alles gut. Es gab Zeiten, da hat sich die Situation normalisiert, und dann riss es wieder ein. Mal war es heimlich, dann wieder offiziell. Das ist auch nicht ohne Schaden an uns vorbei gegangen. Einige Freunde sind an Heroin gestorben. Es hat ganz schön gekracht.

Ist das 30. Band-Jubiläum etwas Besonderes für Dich?

Campino: Ich finde, es schadet nicht, einmal zu würdigen, dass es etwas Besonderes ist, dass man so lange miteinander befreundet ist und man nach all den Jahren und Abenteuern noch immer zusammen an Bord ist. Da geht es auch um das Glück, das man würdigt. Man sollte das nicht als selbstverständlich abtun. Das fände ich respektlos all denen gegenüber, die ähnlich motiviert ins Rennen gegangen sind und es nicht gepackt haben. Von daher ist die 30 schon eine ganz gute Hausnummer.

dapd: Aber Ihr blickt auch nach vorn?

Campino: Ja, wir versuchen, den Kontrapunkt zu setzen, indem wir sagen: An genau diesem Punkt muss ein neues Album her. Das ist unsere Existenzberechtigung für das Jahr 2012. Daran wollen wir gemessen werden. Im Windschatten fällt es dann auch leichter zurückzublicken. Es wird tragisch, wenn ein Publikum die neuen Lieder nur erträgt, um dann die Klassiker zu hören. Aber von solchen Oldie-Abenden sind wir hoffentlich noch ein paar Jahre entfernt.

Was denkst Du, wenn Du alte Bilder und Videos ansiehst? “Mann, sahen wir geil aus“ oder eher “Um Gottes Willen“?

Campino: Eine Mischung - aber mit einer guten Portion um “Gottes Willen“ dabei. Nostalgie kann man am besten wieder loswerden, wenn man sich die Bilder von früher anguckt und die Tonaufnahmen hört. Außerdem sahen wir früher oft ungesünder aus als heute. Gleichzeitig kann ich mich erfreuen an der Naivität, die wir damals hatten. Aber es ist auf jeden Fall gut, dass wir nicht mehr so sind. Die Vergangenheit fühlt sich okay, aber das Nach-Vorne-Schauen ist auch eine feine Sache.

Ihr geltet als Punks, habt Euch früher selbst so bezeichnet. Fühlst Du Dich noch als Punk?

Campino: Wenn ich mit alten Freunden aus dieser Zeit zusammensitze, dann brauchen wir darüber nicht zu reden - über unser Gefühl und das Wissen, woher wir kommen. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre war die Bewegung ganz scharf definiert. Heutzutage, wo es tausend verschiedene Meinungen und Interpretationen gibt, was Punkrock sein soll, fühlen wir uns unwohl, uns in dieses verbale Schlachtgetümmel hineinzuwerfen. Es ist für mich allein schon schwierig genug, Sprachrohr für die Toten Hosen zu sein. Aber wir brauchen da keine Mythen erfinden. Wir haben uns viele Sachen von früher erhalten. Es ist kein Zufall, dass in unserem Umfeld lauter Leute rumlaufen, die schon seit Jahrzehnten dabei sind. Wir achten darauf, dass die Preise für Tickets und Merchandising am unteren Ende bleiben, wir sind immer noch nicht mit einem Lied in irgendeiner Kommerzreklame gewesen - und man möge uns glauben: Es hat reichlich Angebote gegeben.

Eine Werbesong der Toten Hosen ist also ein absolutes No

Campino: Entweder ist es ein No Go - oder es ist so teuer, dass es noch keiner bezahlen konnte (grinst).

Welche Rolle spielt für Dich Geld?

Campino: Es ist ein unglaublicher Luxus, sich darüber keine Sorgen machen zu müssen. Ich weiß aber, was es heißt, wenn man kein Geld hat und wie unglücklich das machen kann, wenn es existenziell wird. Deshalb ist Geld bis zu einer gewissen Zone immens wichtig - in diesem Land vor allem. Aber es wird immer unwichtiger, je lockerer man disponieren kann. Ich bin niemand, der an materiellen Dingen hängt. Ich brauche keinen Sportwagen und kein Boot. Ich kann solche Dinge bewundern, aber ich muss sie nicht haben. Ich bin jahrelang mit einem Pizza-Service-Auto rumgefahren, ich machte mir einen Spaß daraus , dass mir die Leute das nicht zugetraut haben. Die Dinge, an denen ich hänge, sind leider nicht mit Geld zu kaufen.

Euer neues Album “Ballast der Republik“ wirkt getragener, weniger aggressiv als der Vorgänger “In aller Stille“ Kannst Du dem zustimmen?

Campino: Wir haben versucht, uns auf unsere alten Qualitäten zu besinnen. Mehr Melodie, mehr Gesang und weniger Härte. Wir haben nämlich bei der letzten Platte manchmal das Lied als solches vergessen. Bands die brachial reinhauen, die Geschwindigkeitsrekorde brechen, gibt es genug. Ich hoffe, dass wir auf der neuen Platte mehr Lieder haben, die überzeugen.

Wart Ihr denn alle wirklich so schrecklich traurig über den Tod von Rex Gildo, wie ihr in “Traurig einen Sommer lang“ singt?

Campino: Der Song ist natürlich eine Persiflage. Das ist für mich eine Lockerungsübung, das Gegenteil von getragen. Inhaltlich versuchen wir, wieder optimistischer und lockerer zu werden. Ich will die Leute nicht ständig runterziehen. Und “Traurig einen Sommer lang“ ist für uns ein absoluter Joke. Die “Bild“-Zeitungs-Schlagzeile über Rex Gildo “Er wollte nie wieder Hossa singen“ hängt heute noch bei mir in der Wohnung. Aber sein Tod war Rock'n'Roll. Respekt.

Der letze Song des Albums “Vogelfrei“ ist eine Uptempo-Nummer über den Tod...

Campino: Für mich gehört der Tod zum Leben und ich finde es seltsam, wie er in unser Gesellschaft tabuisiert wird. Und sich auszumalen, dass da am Ende eine tolle Party auf uns wartet, das musste auch mal gemacht werden.

Du wirst im Sommer 50 Jahre alt. Auch ein besonderes Jubiläum für dich?

Campino: Ich habe den Vorteil, dass ich mich schon seit vielen Jahren wie 50 fühle. Wenn jetzt der offizielle Stempel kommt, dann überrascht mich das nicht. Meine erste Midlife-Crisis hatte ich in der Schule, als ich zum zweiten Mal hängen geblieben bin. Da hieß es immer: Andreas Frege, sie sind doch der Älteste hier. Sie sollten es besser wissen... Da kam ich mir schon deutlich zu alt vor. Das trage ich ein Leben lang mit mir rum - und so langsam gewöhne ich mich dran.

dapd

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