In Ahlheimer Kaserne aufgenommen

Fern der Heimat: Ein Leben in Ungewissheit

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Einer von vielen mit ungewissem Schicksal: Redwan Abas kommt aus Syrien und war zwischenzeitlich auch in der Alheimer Kaserne in Rotenburg untergebracht. Im Klinikum Bad Hersfeld musste er sich wegen Gefäßproblemen behandeln lassen.

Bad Hersfeld. Heute hier, morgen dort: Redwan Abas lebt im Ungewissen, in der Fremde. Der 46-Jährige stammt aus Syrien, sein Kind ist gestorben, sein Körper vernarbt.

Er ist einer von vielen Syrern, die seit dem Beginn des Bürgerkriegs 2011 nach Deutschland gekommen sind. 

In gebrochenem Englisch, mit Gesten und der Hilfe von Arabisch sprechenden Assistenzärzten am Klinikum in Bad Hersfeld versucht Abas sich mitzuteilen. Als er zum wiederholten Mal vom Tod seines Kindes erzählt, laufen Tränen sein Gesicht hinab.

Der 46-Jährige hat seine Heimat verlassen, die Familie zurückgelassen und zuletzt für etwa zwei Monaten in der Alheimer Kaserne in Rotenburg gelebt, die seit August Hessische Erstaufnahme-Einrichtung ist. 824 Menschen sind dort derzeit untergebracht, darunter 302 Syrer. Mit fünf anderen Männern teilte sich Abas ein Zimmer.

Im Bad Hersfelder Klinikum war er jüngst wegen Problemen mit der Blutversorgung. Nach einer ersten Operation in der Türkei waren weitere Behandlungen notwendig. Abas zeigt die Narben auf Oberkörper und Beinen. Eigentlich aber möchte er seinen Gesundheitszustand nicht so in den Mittelpunkt stellen. Zu groß ist offenbar die Sorge, als kranker Mann nicht in Deutschland bleiben zu dürfen.

In Aleppo bombardiert

Warum er seiner Heimat den Rücken kehrte? In Aleppo wurde sein Haus von einer Bombe getroffen, so schildert es Abas. Dabei sei sein 17 Jahre alter Sohn ums Leben gekommen. Auf dem Handy zeigt der 46-Jährige ein Foto des jungen Mannes. Zwei weitere Kinder habe er, eine 15 Jahre alte Tochter und einen 22-jährigen Sohn. Vor kurzem sei auch sein Vater tödlich verletzt worden. Vieles von Abas’ Geschichte bleibt ungewiss, zu schwierig ist die Verständigung. Nachprüfen lässt sie sich ohnehin nicht. Über den Land- und Seeweg bis nach Griechenland führte ihn wohl sein Weg. Gerne würde der Syrer seine Familie nachholen, sagt er, und beantwortet mit einer entsprechenden Handbewegung auch die Frage, warum er sich überhaupt allein auf den Weg gemacht hat: zu teuer. Ein zwischenzeitlicher Versuch seiner Familie, in die Türkei zu gelangen, sei an der Grenze gescheitert. „Deutschland gut“, sagt Abas mit einem freundlichen Lächeln, das durch einen warmen Händedruck ergänzt wird. Wie es für ihn weitergeht, ist ungewiss. Nach dem Krankenhausaufenthalt ging es für den Familienvater gleich weiter – nach Gelnhausen, im Main-Kinzig-Kreis.

Vom Schicksal berührt

Vom Schicksal des ihm fremden Mannes ergriffen zeigt sich Kurt Gyurcsic, der den Syrer in der Raucherecke des Klinikums kennengelernt und ihn ermutigt hat, seine Geschichte öffentlich zu machen. „Wir sind ins Gespräch gekommen, soweit möglich, und das, was er erzählt hat, hat mich sehr schockiert“, sagt der Mann im Bademantel.

Abas’ Zimmernachbar, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist von dieser Öffentlichkeit nicht eben begeistert. Berührt hat ihn die Situation des Syrers dennoch. Gemeinsam mit seiner Frau und Bekannten habe er sich um einen Koffer und Kleidung bemüht. „Es geht nicht um Geld, sondern erstmal um Praktisches für den Alltag“, sagt der Mann. „Die Woche, in der wir gemeinsam in einem Zimmer lagen, hat mich über Vieles nachdenken lassen.“

Zwar beherrscht das Thema Flüchtlinge die Medien und den Alltag, doch aus der Nähe betrachtet ist vieles plötzlich anders. „Wir müssen akzeptieren, dass es uns vielleicht etwas schlechter gehen wird, aber anderen dafür etwas besser“, meint Abas’ Zimmergenosse. Er hat dem 46-Jährigen seine Telefonnummer gegeben. „Er soll mich anrufen, wenn er Deutsch kann“, erklärt der Herr freundlich, aber bestimmt. „Herr Abas ist ein sehr angenehmer Mensch. Ich hoffe, dass er bleiben und seine Familie nachholen kann.“

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