Flüchtlinge im Landkreis

Vor sechs Jahren kam Hanibal nach Waldeck-Frankenberg - jetzt beginnt er ein Studium

Noch lernt Hanibal Semere Negasi in Korbach. Ende des Monats wird er jedoch nach Thüringen ziehen, wo er ab dem Wintersemester studiert.
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Noch lernt Hanibal Semere Negasi in Korbach. Ende des Monats wird er jedoch nach Thüringen ziehen, wo er ab dem Wintersemester studiert.

In unserer Serie „Fünf Jahre nach der Flüchtlingskrise“ stellen wir Geflüchtete vor und Menschen, die ihnen hier im Landkreis Waldeck-Frankenberg geholfen haben. Heute: Hanibal Semere Negasi. Der Eritreer wird jetzt ein Studium beginnen.

Korbach – Die Umzugskartons sind quasi schon gepackt, Ende September zieht Hanibal Semere Negasi nach mehr als sechs Jahren weg aus Waldeck-Frankenberg. In Thüringen wird der Flüchtling aus Eritrea ein Wirtschafts-Studium beginnen.

Früh war klar, dass seine Familie aus Eritrea fortwill, denn: „Wer 14 Jahre alt ist, muss zum Militär“, sagt Negasi. Das wollten seine Eltern weder für ihn, noch für seine zwei Jahre jüngere Schwester. Als der Sohn zehn war, ging die Familie deshalb in den Sudan. Auch, wenn die Kinder dort zur Schule gehen konnten: Ein besseres Leben wäre auf Dauer nicht möglich gewesen. Nach dreieinhalb Jahren entschloss sich der damals gut 13-Jährige deshalb zur Flucht.

Mit einigen Freunden ging es zunächst nach Libyen. „Drei Mal war ich dort im Gefängnis“, erinnert er sich. Einmal zum Beispiel, als eine Flucht mit einem Schiff übers Mittelmeer scheiterte. Der Schiffsmotor ging kaputt, die Polizei sammelte die Menschen von Bord ein und sperrte sie weg. Irgendwann gelang ihm die Flucht aus dem Gefängnis und auch die Überfahrt nach Italien klappte endlich. Weil schon einige Verwandte in Deutschland waren, wollte er ebenfalls her kommen, erzählt er.

2014 kam er zunächst in eine Erstaufnahme-Einrichtung in Frankfurt. Drei Monate war er in der größten Stadt Hessens, bleiben wollte er aber nicht – obwohl er selbst ein Stadt-Mensch ist. Der Grund ist simpel: „Auf dem Land kann man die deutsche Kultur besser kennenlernen, in der Stadt gibt es keine Schützenfeste beispielsweise. Dort ist alles zu sehr Multi-Kulti.“

Er kam in die Wohngruppe „Madiba“ in Höringhausen, in der unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben. Wohl gefühlt habe er sich anfangs dort nicht, alles war fremd. Doch er konzentrierte sich aufs Lernen: Sprache, Kultur, Schule. In Sachsenhausen ging er zur Schule. Die Flüchtlinge aus der Wohngruppe bekamen auch in der Freizeit Deutschunterricht, Negasi biss sich durch, lernte viel – und wechselte aufs Arolser Gymnasium.

Die elfte und zwölfte Klasse besuchte er dort, aber der Druck, den er sich selbst machte, war groß, sagt er. „Ich wollte es schaffen.“ Nach Rücksprache mit den Lehrern verließ er die Schule nach der zwölften Klasse, besuchte dann das Fröbelseminar in Korbach. Er absolvierte die Ausbildung zum Sozialassistenten und machte gleichzeitig das Fachabi.

Das Fröbelseminar schloss er Ende 2019 mit einem letzten Praktikum ab, das er in der Wohngruppe absolvierte, in der er früher selbst lebte. Und seit Januar arbeitet er im Haus „Madiba“, zumindest noch bis zum Ende des Monats. Den jungen Flüchtlingen dort will Hanibal Semere Negasi auch ein Vorbild sein, ihnen zeigen, dass sie es – wie er selbst – auch schaffen können.

Zum Studium verschlägt es ihn jetzt nach Schmalkalden in Thüringen. Durchaus bewusst hat er sich für Ostdeutschland entschieden. „Nicht alle im Osten sind AfD-Wähler – so wie nicht alle Flüchtlinge kriminell sind“, sagt Negasi. Auch, wenn sich seine Verwandten durchaus Sorgen machten. Er selbst sei nicht besorgt. Einen echten Kampf habe er schon hinter sich, das Studium dort werde er auch schaffen.

Für einen internationalen Wirtschaftsstudiengang hat er sich entschieden, arbeiten möchte Negasi dann nach dem Master-Abschluss in einer internationalen Firma. Ob in Deutschland oder einem anderen Land, das weiß er noch nicht. Eigentlich, so sagt er, möchte er Deutschland etwas zurückgeben und bleiben. Aktuell hat er subsidiären Schutz.

Er weiß die Hilfe im Land zu schätzen: „Diese Menschlichkeit gibt es nicht in jedem Land“, sagt er. Zudem biete das Land viele offene Türen. Die Lebenserfahrung vieler Flüchtlinge könne man nutzen, sagt er, auch trotz möglicher sprachlicher Defizite. „Man sollte allen Menschen eine Chance geben, sich zu integrieren. Das ist keine Kritik, sondern ein Wunsch.“

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