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2022 war kein gutes Jahr für den Wald in Waldeck-Frankenberg

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Von: Martina Biedenbach

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Infolge des Sturms wurde eine große Fläche im Wald komplett gerodet, weil das Unwetter dort viele Bäume zerstört hatte.
Symbolbild © Wittekopf

Stürme, Trockenheit, Schädlinge und Brände. 2022 war kein gutes Jahr für die Wälder im Landkreis Waldeck-Frankenberg.

Waldeck-Frankenberg – „Das Jahr 2022 war erneut von Extremen geprägt. Den Windwurfereignissen Ylenia, Zeynep und Antonia im Februar dieses Jahres folgte ein trocken-heißer Sommer“, bilanziert Dr. Stephan Willems, Leiter der Stiftungsforsten Kloster Haina. Die Folge: weiter massenhafte Schäden – Forstleute sprechen von Kalamitätsgeschehen.

Andreas Schmitt, Leiter des Forstamts Frankenberg-Vöhl, bestätigt diese Entwicklung: „Die Wälder haben unter der erneuten Dürre ab Juni weiter gelitten. Wenngleich es vor allem im Frühjahr Perioden mit ausreichenden Niederschlägen gab, hat der enorm warme, windige und trockene Sommer dem Waldökosystem weiter zugesetzt. Sowohl Alt- als auch Jungbestände sowie Kulturen zeigen im Jahr 2022 starke Schäden oder sind abgestorben.“

Von den Stürmen war in der Region das Forstamt Burgwald am schlimmsten betroffen. 60 000 Festmeter fielen ihnen zum Opfer, davon allein 40 000 Festmeter Fichtenholz, schildert Forstamtsleiter Eberhard Leicht. Da es im Burgwald – anders als in anderen Forstbetrieben – noch nennenswerte Fichtenbestände gibt, ging es dort erneut um die schnellstmögliche Aufarbeitung von Bäumen, an denen Borkenkäferbefall festgestellt wurde.

Juli 2022: Großer Waldbrand im Burgwald

„Zu allem Überdruss“, so Leicht, kam es – begünstigt durch lang anhaltende Trockenheit – im Juli auch noch zu einem Waldbrand im südlichen Burgwald. Ein Feldbrand griff zwischen Schönstadt und Oberrosphe auf den Wald über. Circa 25 Hektar waren betroffen.

In der Folge der Schadensereignisse, auch der Schäden aus den Vorjahren, sind in den Wäldern viele tausend Hektar Freiflächen entstanden. Sie wiederzubewalden, ist eine riesige Herausforderung, sagen alle drei Forstbetriebsleiter. Gerade die wenigen auf den Schadflächen verbliebenen Bäume waren von den Stürmen geworfen worden. „Ein hoher Verlust, denn sie sollten über natürliche Ansamung und Verjüngung einen wichtigen Beitrag zur Begründung der nächsten Waldgeneration leisten“, sagt Andreas Schmitt.

Dr. Stephan Willems, der Leiter der Stiftungsforsten, macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: „Eine der größten Herausforderungen in der gegenwärtig turbulenten Zeit ist die Gewinnung einer ausreichenden Zahl qualifizierter und motivierter Mitarbeiter/innen.“

Details zu der Entwicklung in den Wäldern, die die drei Forstbetriebsleiter beschreiben, haben wir hier als Fragen und Antworten zusammengefasst.

Welche Schäden haben die Stürme Ylenia, Zeynep und Antonia im Februar 2022 angerichtet?

Die Schäden sind enorm. Alleine 60.000 Festmeter fielen im Burgwald dem Sturm zum Opfer, 30.000 Festmeter bei den Stiftungsforsten Haina und 25.000 Festmeter im Forstamt Frankenberg-Vöhl. Zum Vergleich: 100 Festmeter Holz entsprechen vier Lkw-Ladungen. „Aufgrund des über die ganze Fläche verteilten Windwurfes gestaltete sich die Aufarbeitung als sehr aufwendig und hat erhebliche Arbeitskapazitäten gebunden“, schildert der Leiter der Stiftungsforsten Kloster Haina (SKH), Willems.

Was waren die hauptsächlichen Herausforderungen 2022?

Da nennen alle Forstbetriebsleiter die Wiederbewaldung der Schadflächen mit einem klimastabilen, artenreichen Mischwald. Es handelt sich um viele Tausend Hektar Freiflächen. Im Bereich des Burgwalds beziffert Leiter Eberhard Leicht sie auf 1500 Hektar. Das entspricht etwa 2000 Fußballfeldern. Eine weitere Herausforderung ist die Verkehrssicherung, also die Entnahme von Bäumen, die auf Straßen und Wege zu stürzen drohen. Der enorme Arbeitsaufwand geht mit Personalknappheit einher.

Andreas Schmitt, Leiter des Forstamts Frankenberg-Vöhl
Andreas Schmitt, Leiter des Forstamts Frankenberg-Vöhl © Biedenbach, Martina

„Die Möglichkeiten für Förster und Försterinnen sind auf dem Arbeitsmarkt so gut wie noch nie. Sie können sich annähernd die Region und künftigen Arbeitgeber aussuchen. Haina und der ländliche Raum Nordhessens genießen bei vielen potenziellen Mitarbeitern nicht unbedingt eine entsprechende Beliebtheit. Die Fluktuation im Team der SKH bleibt hoch und nicht planbar“, beschreibt Willems die Lage.

Wie soll die Wiederbewaldung erfolgen?

Die Wiederbewaldung erfolgt laut der drei Forstbetriebsleiter mit unterschiedlichen Strategien, von der Naturverjüngung über Saat bis hin zur Pflanzung. „Bis zum gesicherten Anwuchs sind alle diese Flächen mehrere Jahre zu begleiten. Als weitere arbeitsintensive Daueraufgabe ist die Nachzucht einer ausreichenden Zahl von Jungbäumen zu sehen“, schildert Forstamtsleiter Schmitt.

Die Stiftungsforsten haben im Frühjahr 2022 circa 60.000 junge Bäumen gepflanzt, vorwiegend Eichen und Bergahorn. Wegen der Trockenheit sei in vielen dieser Kulturen mit erheblichen Ausfallzahlen zu rechnen. „Das tatsächliche Ausmaß wird erst im Frühjahr 2023 zu erkennen sein. Teilweise ist selbst in den Eichenkulturen mit Ausfällen von 30 Prozent und mehr zu rechnen“, sagt Willems.

Im Forstamt Burgwald kam noch ein Waldbrand auf einer Fläche von 25 Hektar hinzu. Welche Schäden verursachte er?

Für eine abschließende Beurteilung der Brandschäden an den Waldbäumen sei es noch zu früh, sagt Forstamtsleiter Leicht. Erkennbar sei aber bereits jetzt, dass viele Kiefern, Birken, Ebereschen und auch einige Eichen, wenn auch nicht vollständig verbrannt, so doch durch die große Hitze zum Absterben gebracht wurden. Wie die Natur nun die durch das Feuer entstandenen Wunden ausheile, werde wissenschaftlich untersucht.

Wie sieht die Einnahmesituation bei den Forstbetrieben aus?

„Die Aufnahmefähigkeit des Holzmarkts war vor allem in der ersten Jahreshälfte groß, es konnten daher für die Erzeuger auskömmliche Preise erzielt werden, die auch auf das gesamte Wirtschaftsjahr bezogen eine entsprechende Liquidität ermöglichten. Da die getätigten Umsätze jedoch zu größten Teilen Schadholz aus Stürmen und Käferbefall betrafen, muss berücksichtigt werden, dass die allermeisten Erlöse mit Substanzabbau in den Waldbeständen einhergehen. Das heißt Vermögensverluste.“

Diese Zusammenfassung von Eberhard Leicht sehen im Wesentlichen auch die beiden anderen Betriebsleiter so. Willems weist zudem darauf hin, dass die Nachfrage nach Industrie- und Brennholz „bei sehr guten Preisen nicht zu befriedigen“ sei. Neukunden könnten nur in Ausnahmefällen und mit überschaubaren Mengen berücksichtigt werden.

Welche Befürchtungen haben die Forstbetriebsleiter für 2023?

Aufgrund einer erheblichen Destabilisierung des gesamten Waldgefüges – überall angerissene Bestände durch Käfer und Windwürfe – biete der Wald erhebliche Angriffsflächen für weitere Sturmereignisse. Hinzu komme, dass tiefere Bodenschichten weiter nicht ausreichend wasserversorgt seien. Die Freiflächen werden sich nach Einschätzung der Forstleute weiter vergrößern, da viele Fichtenbestände löchrig gewordenen sind und dem Wind noch bessere Angriffsflächen bieten.

Die Population der Fichtenborkenkäfer ist zudem immer noch auf hohem Niveau. „Auch die älteren Laubbäume müssen wir im Blick behalten, vor allem die Buche. Deren Vitalitätsschwäche führt zum starken und schnellen Absterben von Kronenteilen und schließlich des gesamten Baumes“, geht Leicht auf ein weiteres Problem im Wald ein.

Sehen die Betriebsleiter auch neue Chancen für den Wald?

Dazu sagt der Frankenberger Forstamtsleiter Andreas Schmitt: „Jede Krise bietet auch Chancen! Wir haben in den nächsten Jahren die Möglichkeit und Verantwortung, auf großer Fläche stabile Wälder zu begründen, welche an die Herausforderungen des Klimawandels hoffentlich besser angepasst sind und für zukünftige Generationen die wichtigen Nutz-, Schutz- sowie Erholungsfunktionen erfüllen.“

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