Jobcenter verzeichnet seit 2015 rund 1500 Integrationen

Waldeck-Frankenberg: 50 Prozent der Flüchtlinge in Arbeit gebracht

Am Hochregal: Der syrische Flüchtling Mohammad Alreffai ließ sich bei Mauser zum Fachlageristen ausbilden. Hinten von links: Otto Richter vom Jobcenter, Lagerleiter Andreas Wilke und Arbeitsvermittler Lukas Stertenbrink.
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Am Hochregal: Der syrische Flüchtling Mohammad Alreffai ließ sich bei Mauser zum Fachlageristen ausbilden. Hinten von links: Otto Richter vom Jobcenter, Lagerleiter Andreas Wilke und Arbeitsvermittler Lukas Stertenbrink.

„Wir schaffen das“, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise gesagt. „Die Worte sind Realität geworden – Deutsche und die Geflüchteten haben es gemeinsam geschafft“, urteilt der Leiter des Waldeck-Frankenberger Jobcenters, Otto Richte. Nach fünf Jahren zieht er ein positives Fazit: 50 Prozent der Flüchtlinge seien schon in Arbeit gebracht.

Waldeck-Frankenberg – Im Kreis habe es mehr als ein Jahr gedauert, bis das Jobcenter die Flüchtlinge übernommen habe, sagt Pressesprecherin Julia Rusch. Erst musste das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die vielen Asylanträge bearbeiten – die aus Waldeck-Frankenberg seien landesweit mit als letzte an der Reihe gewesen. Die anerkannten Flüchtlinge kamen in die Grundsicherung – ab Dezember 2016 gingen die Zahlen beim Jobcenter steil nach oben. Der Höchststand war im Februar 2018 mit 1481 erwerbsfähigen Leistungsberechtigten erreicht.

„Wir hatten uns darauf vorbereitet und mehr Personal eingestellt“, berichtet Richter. Zunächst sei wichtig gewesen, den neuen Kunden die Finanzierung sicherzustellen, damit sie Geld zum Leben und Wohnen hatten. Gerade für die Leistungsabteilung sei das eine Zeit der erhöhten Belastung gewesen.

Dann sei es an die Integrationsarbeit gegangen. Und da gelte: „Die Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg“ – ohne Deutschkenntnisse bekämen Flüchtlinge keinen Zugang zum Arbeitsmarkt und zur Gesellschaft. Nach anderthalb Jahren des Spracherwerbs sei vielen die Eingliederung in den Arbeitsmarkt gut gelungen: Der Bestand an Leistungsempfängern habe sich stetig abgebaut, rund 1500 Integrationen sind erfasst.

Ein Glücksfall sei gewesen, dass die Flüchtlinge in einer Zeit mit guter Konjunkturlage gekommen seien. Davon hätten alle Jobsuchenden profiziert – es habe „keinen Verdrängungseffekt“ gegenüber Deutschen gegeben, im Gegenteil: Flüchtlinge seien wichtig, um Lücken zu füllen, betont Richter. Sie seien hoch motiviert gewesen, „sie wollen Geld verdienen.“

Viele hätten bereits ihren Platz im Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft gefunden. „Aber der Weg ist steinig. Und er ist noch nicht abgeschlossen.“

Einen guten Weg nimmt offenbar Mohammad Alreffai. Er nimmt neue Waren an, er kommissioniert Teile für die Produktion oder für Kunden, er bucht Eingänge und Ausgänge im Computersystem, er transportiert mit dem Gabelstapler Waren durch die langen Gänge: In den großen Hochregallagern des alteingesessenen Korbacher Möbelherstellers Mauser beherrscht der 34 Jahre alte Fachlagerist Mohammad Alreffai jeden Handgriff.

„Er vertritt mich“, sagt Lagerleiter Andreas Wilke. „Das sagt viel aus.“ Denn erst seit 2018 arbeitet Mohammed Alreffai im Betrieb. Es ist eine steile Erfolgskarriere, die der Flüchtling in nur fünf Jahren hingelegt hat. Er fand sich in einem neuen Land mit einer fremden Sprache zurecht. Und er schaffte mit Fleiß den Sprung in den Arbeitsmarkt.

Alreffai stammt aus Syrien, seine Familie lebte in der Nähe der Hauptstadt Damaskus. Er studierte und arbeitete zwei Jahre lang als Englischlehrer. Auch seine Frau hat studiert. 2013 kam das erste Kind zur Welt.

Dann brach der Bürgerkrieg aus, im März 2014 floh Alreffai in den Libanon, von dort zog er 2015 mit seinem Bruder und zwei Cousins über die Balkanroute weiter bis nach Deutschland.

Über Frankfurt und Gießen gelangte er nach Hillershausen. Das Asylverfahren lief an, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erkannte Alreffai als Flüchtling an. So begann er im Frühjahr 2016 den Integrationskurs, 2017 schaffte er die Prüfung für das Sprachniveau B2.

Es gelang ihm, auch Frau und Sohn nach Deutschland zu holen, in Korbach kam vor anderthalb Jahren das zweite Kind zur Welt.

2018 besprach er mit seiner Vermittlerin im Jobcenter, wie es beruflich weiter gehen könnte. Um seine Abschlüsse als Lehrer anerkannt zu bekommen, hätte er in Syrien Unterlagen besorgen müssen – was für ihn nicht möglich war. Deshalb entschied er sich, in eine ganz andere Richtung zu gehen: Er wollte lieber praktisch arbeiten. Er bewarb sich auf ein Stellenangebot von Mauser, 2018 fing er als Hilfsarbeiter im Versand an. Doch er wollte mehr, so fragte er beharrlich, ob er nicht eine Ausbildung absolvieren könne. Mauser bot ihm eine zweijährige Lehre als Fachlagerist an – und hat es nicht bereut. „Sein Ehrgeiz ist sehr groß“, sagt Wilke, der auch Alreffais Ausbilder war. „Er möchte vorankommen.“ Er habe den Willen zu lernen, er sei hoch motiviert, hilfsbereit, kollegial – sein Chef ist voll des Lobes.

„Der Anfang war schwer“, sagt Alreffai. Gerade die Fachsprache habe ihm zunächst Probleme bereitet. Wenn seine – durchweg jüngeren – deutschen Mitschüler für Aufgaben der Berufsschule eine Stunde gebraucht hätten, seien es bei ihm zwei oder drei Stunden gewesen. Da habe die Familie schon gelitten.

Aber er biss sich durch, er befragte einen Mauser-Auszubildenden im höheren Lehrjahr und seinen Ausbilder. Auf ausbildungsbegleitende Hilfen habe Alreffai verzichtet, berichtet Arbeitsvermittler Lukas Stertenbrink. „Er war so engagiert, er wollte alles selber schaffen – das ist ganz große Klasse.“

Und siehe da: Im zweiten Lehrjahr hätten sich Alreffais Leistungen deutlich gesteigert, berichtet Wilke. Er schrieb gute Noten, wurde einer der Besten in seiner Klasse – die Abschlussprüfung schaffte er in diesem Sommer mit der Note 2. Keine Frage, dass Mauser ihn sofort übernahm. Alreffai beherrsche alle Lagerarbeiten, „er kann alles bedienen“, sagt Wilke. „Er ist in kurzer Zeit ein Allrounder geworden.“

Auch seine Verwandten haben auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst. Sein Bruder hat inzwischen Arbeit bei Weidemann gefunden, einer seiner Cousins hat gerade seine Ausbildung bei Kocos-Messtechnik mit einer 1 abgeschlossen. Und Mauser setzt weiter auf den wichtigen neuen Kollegen. Wilke: „Mohammad ist ein Paradebeispiel, wie es gehen kann.“

Von Dr. Karl Schilling

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