Abschiedsbrief eines NS-Häftlings nach 72 Jahren übergeben

Bad Arolsen. Der niederländische Widerstandskämpfer Peter Will schrieb vor seiner Deportation ins KZ einen Abschiedsbrief an seine Frau und die sechs Söhne, den er jedoch nie abschicken konnte.

Jetzt hat der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen den Söhnen die Brieftasche ihres getöteten Vaters mit diesem Brief und Familienfotos aushändigen können.

Im Dezember 1943 wurde der 47-jährige Peter Will in Nijmegen verhaftet. Er war aktiv im Widerstand, hatte abgeschossenen Piloten der Alliierten geholfen und die illegale Zeitschrift „Trouw“ verteilt. Nach einigen Monaten Haft wurde er dem NS-Sicherheitsdienst übergeben und kam im Mai 1944 in das Durchgangslager Amersfoort.

Unerwartete Post: Die Brüder Joop und Peter Will jr. haben vom Suchdienst ITS in Bad Arolsen einen 72 Jahre alten Abschiedsbrief und persönliche Fotos ihres Vaters bekommen, von denen sie bisher nichts wussten. Fotos:  ITS/nh

Als Peter Will erfuhr, dass er in ein deutsches Konzentrationslager überstellt werden würde, schrieb er einen emotionalen Brief an seine Familie. Peter Will starb 1945 in den letzten Tagen vor der Befreiung, nachdem die SS das KZ Neuengamme hatte räumen lassen, auf der Irrfahrt eines Zuges, der überfüllt mit kranken und entkräfteten Häftlingen war.

Der Widerstandskämpfer musste gehofft haben, dass der Brief über Mitgefangene oder andere Wege seine Familie erreichen würde. Doch passierte dies erst 2015, nachdem eine Bekannte der Familie auf die Brieftasche von Peter Will aufmerksam geworden war. Sie hatte die Fotos im neuen Online-Archiv des ITS entdeckt. Ihr Hinweis sorgte dafür, dass die Übergabe an die Familie nach mehr als sieben Jahrzehnten möglich wurde. Der 1928 geborene Sohn Peter Will jr. und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Joop kamen dafür zum ITS nach Bad Arolsen.

Die beiden Brüder waren tief bewegt, als sie die eng beschriebenen Zeilen ihres Vaters in Händen hielten. Zu erfahren, dass es diesen Brief gibt, war für sie fast ein Schock. „Für uns war das ganz emotional. Man erwartet das nicht mehr“, sagte Joop Will.

Die Familie hat sich entschieden, nicht über den Inhalt des Briefes zu sprechen, der so persönlich vom Vater nur an sie gerichtet war. Außerdem befanden sich Familienfotos in der Brieftasche, darunter eines, das Vater und Mutter mit den ältesten Söhnen zeigen. Auch das ist für die Familie ein Schatz, denn sie hatten von Peter Will bis dahin nur ein einziges Bild.

„Für uns hört die Geschichte nie auf, sie bleibt immer in den Gedanken“, so Joop Will. Seine Brüder Peter jr. und der älteste Bruder Bert, der selbst im Widerstand gewesen war und untertauchen musste, haben den Lebensweg des Vaters für die jüngeren Brüder und die Enkel akribisch genau nachgezeichnet und ein kleines Buch darüber verfasst. Sie besuchten für ihre Recherchen die NS-Gedenkstätten und begaben sich auf eine Reise auf den Spuren des Vaters, der in dem Kommando Meppen-Versen, einer Außenstelle des KZ Neuengamme, unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten musste.

Mehr über das Leben des Widerstandskämpfers Peter Will lesen Sie in der gedruckten Montagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

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