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Vor 25 Jahren: Anwohner in Allendorf sauer auf Viessmann-Mitarbeiter

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Von: Klaus Jungheim

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Schnippschnapp, gleich ist das Band ab: Am Freitag, 28. November 1997, fand die offizielle, feierliche Freigabe der neuen Industriestraße II (Viessmannstraße) am Ortsrand von Allendorf/Eder statt. Vorne von links Viessmann-Personalchef Karl-Heinz Debus, Kreisbeigeordneter Otto Wilke (FDP), Ministerialdirigent Rolf Crone, Bürgermeister Robert Amend und SPD-Landtagsabgeordneter Reinhard Kahl. Seit dem 5. September 1997 bereits rollte der Straßen-Verkehr auf dieser 1,8 Kilometer langen Gemeinde-Trasse. archivfoto: KLAUS JUNGHEIM
Schnippschnapp, gleich ist das Band ab: Am Freitag, 28. November 1997, fand die offizielle, feierliche Freigabe der neuen Industriestraße II (Viessmannstraße) am Ortsrand von Allendorf/Eder statt. Vorne von links Viessmann-Personalchef Karl-Heinz Debus, Kreisbeigeordneter Otto Wilke (FDP), Ministerialdirigent Rolf Crone, Bürgermeister Robert Amend und SPD-Landtagsabgeordneter Reinhard Kahl. Seit dem 5. September 1997 bereits rollte der Straßen-Verkehr auf dieser 1,8 Kilometer langen Gemeinde-Trasse. © Klaus Jungheim (Archiv)

In unserer Serie „Vor 25 Jahren“ erinnern wir in loser Folge an spannende, ernste und unterhaltsame Themen aus der Zeitung. Diesmal geht es um die 1997 eröffnete Industriestraße zur Firma Viessmann in Allendorf-Eder, die für Diskussionen sorgte.

Allendorf/Eder – Seit 25 Jahren rollt Kfz-Verkehr auf der Viessmannstraße am Ortsrand von Allendorf/Eder. Freie Fahrt besteht seit Freitag, 5. September 1997. Eine feierliche Einweihung hatte es an jenem Tag nicht gegeben, da die Öffnung der zunächst als Industriestraße II bezeichneten Trasse quasi von heute auf morgen erfolgte. Am Freitag, 28. November 1997, fand schließlich die offizielle, feierliche Freigabe der Viessmannstraße statt. Die 1,8 Kilometer lange Verbindung war inzwischen umbenannt worden.

Beim Festakt dabei waren Vertreter des Hessischen Landtags und des Wirtschaftsministeriums, Politiker aus dem Landkreis, der Gemeinde und den Nachbarkommunen, Vertreter der Firma Viessmann, der Kreisverkehrsbehörde, der Polizei, des Amtes für Straßen- und Verkehrswesen, der Deutschen Bahn und der am Bau beteiligten Firmen.

Dabei wurde auch das thematisiert, was seit der spontanen Öffnung der neuen Trasse die Gemüter im Ort mächtig erhitzte. Denn viele Mitarbeiter aus dem Oberen Edertal und aus dem Hochsauerland umfuhren nicht die Kerngemeinde weiträumig wie erhofft, sondern benutzten die vermeintliche Abkürzung durch die Ortsmitte.

Anwohner waren daraufhin – nach Berichterstattung durch die HNA – öffentlich auf die Barrikaden gegangen. „Sauer auf Viessmann-Mitarbeiter“ war beispielsweise eine Artikel-Überschrift am 29. September 1997. Es gab Verkehrszählungen. Die Gemeinde Allendorf/Eder und das Unternehmen Viessmann ergriffen verschiedene Maßnahmen, diese unbefriedigende Situation zu ändern. Ohne nennenswerten Erfolg.

Lösungsidee: Nordtangente von der Bundesstraße 236

Während der Einweihung präsentierte in Vertretung des erkrankten geschäftsführenden Gesellschafters Dr. Martin Viessmann der damalige Personalleiter Karl-Heinz Debus diesen Lösungsansatz: Die Viessmannstraße könnte durch eine Nordtangente an die Bundesstraße 236 angebunden und so die Ortsmitte vom Durchgangsverkehr zum Ort entlastet werden.

Ins selbe Horn stieß vor 25 Jahren auch der damalige Allendorfer Bürgermeister Robert Amend: „Die Gemeindevertretung hat kürzlich den Gemeindevorstand mit der Prüfung verschiedener Verkehrslenkungsmaßnahmen beauftragt, darunter auch die sogenannte Nordtangente, die die Viessmannstraße an die Bundesstraße 236 – durch den Flugplatz-Tunnel hindurch – nahe der Kämmersmühle in Richtung Bromskirchen anbinden könnte.“ Außerdem sollte die Möglichkeit eines Kreisels am Einmündungsbereich der Bundesstraßen 236/253 bei Battenfeld untersucht werden – um die Unfallgefahr in diesem Bereich zu entschärfen.

Zu einem Bau einer Nordtangente ist es nie gekommen. Der Bau einer weiteren Umgehungsstraße für Allendorf/Eder wurde Ende Januar 1998 vom Amt für Straßen- und Verkehrswesen in Bad Arolsen negativ beschieden. Eine Nordtangente zwischen Viessmannstraße und Bundesstraße 236 in Richtung Bromskirchen wurde mit dem Hinweis abgelehnt, dass „sich eine Finanzierung denkbar schwierig darstellt und nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz leider nicht zu realisieren ist“.

Übrigens: Den erwähnten Flugplatz-Tunnel gibt es heute nicht mehr. Sehr wohl aber inzwischen den Kreisel am Einmündungsbereich der Bundesstraßen 236/253 bei Battenfeld. Sein Bau hat wesentlich die Unfallgefahr in diesem Bereich entschärft. Und: Auch heute noch fahren auswärtige Viessmann-Mitarbeiter durch die Ortsmitte.

Neue Abfahrt nur knapp 500 Meter weiter

In der Kerngemeinde Allendorf/Eder waren vor 25 Jahren viele Bürger stinksauer. Ihr Zorn richtete sich gegen die Autofahrer, die – aus Richtung Dodenau/Battenfeld und Bromskirchen kommend – im zunehmenden Maße durch Wohngebiete rollten, um zu ihrem Arbeitsplatz im Viessmann-Werk I zu gelangen – und nicht die neue Industriestraße II oberhalb des Heiztechnik-Herstellers nutzten. Da quälten sich dann Fahrzeuge durch enge Straßen und Kurven, deren Zustand hier und dort damals auch nicht der beste war.

Verständlich also, dass die Anwohner in den betroffenen Straßen gar nicht gut auf diese Leute zu sprechen waren. „Von denen ist es anscheinend zu viel verlangt, über die Bundesstraße auf die neue Industriestraße zu fahren“, schimpfte Ende September 1997 eine Frau in der Bachstraße im Gespräch mit unserer Zeitung. Und ein Mann in der Lohwiese ergänzte: „Auch wenn es vielleicht etwas weiter ist zu der neuen Ampel an der Bundesstraße, kommt man doch sicherer zur Arbeit oder wieder nach Hause, und man gefährdet keine Fußgänger.“

Der Viessmann-Geschäftsleitung war dieses Problem bekannt. Personalchef Karl-Heinz Debus betonte seinerzeit auf HNA-Anfrage aber: „Wir können unseren Leuten nicht verbieten, durch den Ort zu fahren. Schließlich sind es öffentliche Straßen.“ Allerdings habe die Firmenleitung bereits mit Öffnung der Industriestraße II am 5. September 1997 in einem Aushang am „Schwarzen Brett“ an die Mitarbeiter appelliert, den Weg über die Bundesstraße 253, neue Ampelanlage und Industriestraße II zu wählen. Besonders angesprochen wurden seinerzeit die Mitarbeiter, die aus der Richtung Dodenau/Battenfeld und Bromskirchen kamen – auch wenn die neue Abfahrt nur knapp 500 Meter weiter entfernt liegt als die frühere an der Bundesstraßenbrücke bei Rennertehausen (alte Industriestraße I).

Viele von ihnen schien dies aber nicht zu interessieren, sie fuhren den vermeintlich einfacheren Weg – den übrigens auch heute noch Kinder benutzen, die zur Grund- und Hauptschule marschieren.

Das ignorante Verhalten zahlreicher Viessmann-Mitarbeiter stand laut Personalchef Debus während einer Betriebsversammlung auf der Tagesordnung, die bei dem Heiztechnik-Hersteller am 30. September 1997 stattfand.

Hindernisse sollten Durchfahrt verleiden

Der Gemeinde Allendorf/Eder als Bauherr der neuen Industriestraße II (Viessmannstraße) schmeckte diese Verkehrsentwicklung vor 25 Jahren logischerweise auch nicht. Wenn man schon satte 7,5 Millionen Mark für 1,8 Kilometer Straße habe hinblättern müssen, dann musste sich das auch „lohnen“, hieß es. Der damalige Erste Beigeordnete Wolfgang Kramer als Vertreter von Bürgermeister Amend kündigte seinerzeit auf HNA-Anfrage eine Verkehrszählung in den betroffenen Wohngebieten an.

Diese Verkehrszählung förderte Mitte Oktober 1997 mit 2133 Fahrzeugen innerhalb 24 Stunden allein in der Bachstraße ähnliche Ergebnisse zu Tage wie vier Wochen zuvor, als an selber Stelle 2359 Fahrzeuge gezählt wurden.

In Bachstraße und Goldberg verlegten Gemeindearbeiter insgesamt acht künstliche Verkehrsinseln, abwechselnd rechts und links am Fahrbahnrand. Die vom Straßenbauamt leihweise zur Verfügung gestellten Inseln waren trapezförmig angeordnet und hatten am Fahrbahnrand eine Länge von sechs Metern. Zur Fahrbahnmitte verkürzten sie sich auf zwei Meter. Die Höhe der leuchtend gelben Barrieren betrug acht Zentimeter.

Nach Aussage des damaligen Bürgermeisters Robert Amend war dies ein weiterer Versuch, den Werksverkehr zum Viessmann-Werk I dazu zu bewegen, die Umgehungsstraßen und die neue Industriestraße II zu benutzen, nachdem Appelle seitens der Gemeinde und Viessmann-Geschäftsleitung kaum Gehör gefunden hatten. Auch Polizeikontrollen und damit verbundene Verwarnungsgelder an den Parkplatzausfahrten, wo Rechtsabbiegen vorgeschrieben ist, hätten nicht den gewünschten Erfolg gebracht, sagte der Allendorfer Verwaltungschef. Seitens der Gemeindeverwaltung hoffte man, dass den motorisierten Verkehrsteilnehmern durch den zu erwartenden Stop-and-go-Verkehr die Ortsdurchfahrt verleidet wurde.

Bürgermeister Amend wollte abwarten, in welchem Zeitraum der Rück- und Neubau des Goldberges realisiert werden konnte. Die Schließung der Zufahrt vom Holzweg in die Industriestraße II (Viessmannstraße) könne nur das letzte Mittel sein, um den Verkehr aus dem Ortskern von Allendorf herauszuhalten, betonte er damals. Denn davon wären auch die Allendorfer selbst betroffen.

Allerdings, so Amend gegenüber unserer Zeitung, würde sich diese Maßnahme verkehrsentlastend nicht nur auf Goldberg und Bachstraße auswirken, sondern gleichermaßen auf den Riedweg, die Bahnhofstraße und die Edertalstraße in Battenfeld. Denn viele Viessmann-Arbeitnehmer aus dem Raum Battenberg wählten seinerzeit die Route Edertalstraße, Riedweg, Bachstraße, Goldberg.

Heutiger Bürgermeister Junghenn: Sperrung wäre wirksame Maßnahme 

„Gemeindestraßen dürfen von allen Verkehrsteilnehmern genutzt werden. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass ein Unternehmen vor Ort mit ca. 4500 Beschäftigten auch ein erhöhtes Verkehrsaufkommen zur Folge hat.“ Dies betont der heutige Bürgermeister von Allendorf/Eder, Claus Junghenn, grundsätzlich. Verkehrsbeschränkungen könnten von der Gemeinde als örtliche Straßenverkehrsbehörde angeordnet werden: „Diese gelten für alle Verkehrsteilnehmer und können nicht differenziert werden.“ Aber: Ein Verbot für Lkw in der Ortsmitte (Bachstraße, Goldberg) gebe es schon lange. Junghenn: „Da jedoch ortsfremde Fahrer oftmals dem Navi folgen, um zum Ziel zu kommen, wird dieses Verbot missachtet.“

Die Nutzung des kürzesten Weges zum Arbeitsort führe zu erhöhtem Verkehrsaufkommen im Bereich Freiherr-von-Rotsmann-Straße, Lohwiese, Sudetenstraße, insbesondere durch den Zielverkehr aus Richtung Nordrhein-Westfalen. Einzig wirksame Maßnahme dagegen wäre die Sperrung der Einmündung Holzweg/Viessmannstraße, was andererseits wegen des fehlenden direkten Weges Richtung B 253 eine Belastung der Ortslage durch den „ortseigenen“ Verkehr zur Folge hätte.

Aktuell seien seitens der Gemeinde keinerlei Verkehrsanordnungen geplant. Der Bürgermeister: „Ich kann den Appell an diejenigen, die nicht zwingend durch die Ortsmitte fahren müssen, nur noch einmal wiederholen: Nutzen Sie bitte die Bundesstraße und die Viessmannstraße, um zur Arbeit zu fahren.“

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