Interview: Thomas Grebe über die Situation der Tankstellen

Anstieg der Spritpreise ist in der Corona-Krise nicht in Sicht

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Der Griff zur Zapfpistole ist seltener geworden – trotz günstiger Spritpreise: Thomas Grebe, Geschäftsführer der Mineralölfirma Grebe & Sohn aus Korbach glaubt dennoch nicht, dass Betriebsaufgaben folgen werden.

Die in Corona-Zeiten stark gesunkenen Spritpreise sorgen für Freude bei den Verbrauchern. Doch was bedeutet diese Entwicklung für die heimischen Tankstellen – schließlich wird wegen der geltenden Einschränkungen auch weniger getankt.

Unsere Zeitung sprach mit Thomas Grebe, Geschäftsführer der Mineralölfirma und Tankstellenkette Grebe & Sohn aus Korbach. Er ist auch Vorsitzender des Bundesverbands Freier Tankstellen.

Warum sind die Spritpreise so niedrig?

Durch den Konflikt zwischen Saudi Arabien und Russland sind die Rohölpreise an den internationalen Märkten seit Wochen auf Talfahrt. Das niedrige Niveau der Sorten WTI und Brent schlägt nun auf die Bezugspreise des Handels für Kraft- und Heizstoffe durch. Diese sinkenden Preise werden an die Verbraucher weitergegeben. Durch die Corona-bedingte Mobilitätseinschränkung und den Produktions-Lockdown in der Industrie ist die Nachfrage nach Kraftstoffen zudem stark zurückgegangen. Das unverändert starke Angebot trifft auf die gesunkene Nachfrage und bewirkt sinkende Verbraucherpreise.

Die OPEC-Staaten haben sich auf eine geringere Öl-Fördermenge geeinigt. Wann steigen die Spritpreise wieder an?

Meine persönliche Meinung ist, dass kurzfristig nicht mit einem Anstieg der Preise zu rechnen ist. Die Corona-Pandemie wird meines Erachtens frühestens mit Verfügbarkeit eines zugelassenen Impfstoffes enden – auch dann erst, wenn eine ausreichend große Zahl unserer Bevölkerung tatsächlich immunisiert werden konnte. Zwischen 70 und 80 Millionen Menschen zu impfen, erfordert sicher nochmals einige Wochen oder gar Monate. Bis dahin werden wir immer weiterhin oder wiederkehrend mit Einschnitten rechnen müssen, die sofort Auswirkungen auf den Energiebedarf und somit auch auf die Kraftstoffnachfrage haben werden.

Thomas Grebe von der Firma Grebe & Sohn in Korbach

Ein möglicher Preisanstieg infolge der Drosselung der Öl-Fördermenge ist also bereits verpufft?

Die vereinbarten Förderkürzungen jedenfalls haben im derzeitigen Marktumfeld kaum Wirkung gezeigt. Bei anhaltenden Nachfragestörungen wird das vermutlich auch so bleiben.

Wie machen sich die Corona-Einschränkungen bei Ihnen bemerkbar?

Wir verzeichnen einen massiven Absatzeinbruch. Der gewerbliche Bereich ist weniger stark rückläufig und gewinnt nach den Lockerungen der Lockdown-Maßnahmen wieder leicht hinzu. Im Bereich des privaten Konsums ist das aktuelle Absatzniveau allerdings deutlich geringer als normal. An unseren Tankstellen ist der Gesamtabsatz um 35 bis 55 Prozent gesunken. Das entspricht in etwa auch den mir bekannten Durchschnittswerten der freien Tankstellen. Es gibt allerdings regionale Unterschiede sowie Unterschiede zwischen Ballungsräumen und eher ländlichen Regionen.

Wenn nicht getankt wird, fällt auch das Nebengeschäft im Shop weg.

Erfreulicherweise sind die Einbrüche hier etwas geringer. Offenbar haben sich die Tankstellen als Nahversorger und Convenience-Standorte in den vergangenen Jahren fest etabliert. Natürlich fehlt auch im sogenannten Folgemarktgeschäft jeder Kunde, der uns derzeit nicht zum Tanken besucht. Wir haben an unseren Tankstellen sehr frühzeitig das Bistro-Geschäft auf To-Go beschränkt und alle Verweilbereiche für den Kundenverkehr geschlossen. Auch das hat negativen Einfluss auf das Shop-Geschäft.

Was halten Sie generell von den Corona-Einschränkungen?

Bedauerlicherweise wurden die Lockdown-Regelungen in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich ausgestaltet. In Niedersachsen ist die Autowäsche zum Beispiel nur noch eingeschränkt möglich. Solche Alleingänge halten ich für unbegründet und kontraproduktiv.

Was glauben Sie: Werden Tankstellen wegen Corona schließen müssen?

Wir gehören zu den Branchen, die auch während des Lockdowns produktiv sind – wenn oft auch nur eingeschränkt. Kraftstoffe werden für die Aufrechterhaltung der relevanten Infrastruktur nun einmal benötigt. Das trifft für das Rettungsfahrzeug, die Autos der mobilen Seniorenpflege und die Polizeiautos ebenso zu, wie für die Lastwagen, die die Versorgung der Supermärkte mit Lebensmitteln während des Lockdowns sicherstellen. Das heißt einerseits, dass auch während des Lockdowns weiter Umsätze getätigt werden. Andererseits haben wir nun mehr als fünf Wochen hinter uns, in denen wir bei halbierten Erträgen nahezu unverändert hohe Kosten stemmen mussten.

Was bedeutet das konkret?

Die schnellen Hilfen der öffentlichen Hand haben hier sicher den Betreibern vor Ort Entlastung gegeben. Trotzdem wird man in den Bilanzen tiefe Einschnitte erkennen können. Es ist also durchaus denkbar, dass der eine oder andere Betrieb die wirtschaftlichen Einbußen nicht überstehen wird. Grundsätzlich ist aber die Branche der freien Tankstellen mittelständisch geprägt und wirtschaftet überwiegend konservativ. Das gilt bundesweit, aber insbesondere auch für unseren Landkreis. In unserer Region sind mir bisher keine Betriebsaufgaben bekannt geworden und ich erwarte das eigentlich auch für die nahe Zukunft nicht.

Was muss geschehen, damit es wieder besser wird – was fordern Sie?

Besser wird es sicher erst, wenn die Pandemie bewältigt ist. Die Mineralölbranche hat auch in vergangenen Krisenzeiten stets versucht, aus eigenen Mitteln und mit eigener Kraft die eigene Existenz sicherzustellen. Dazu ist es jedoch erforderlich, dass die verschiedenen Erzeuger- und Handelsstufen einen Ausgleich zwischen stark und schwach, eher groß oder eher klein und zwischen Konzern und Mittelstand vornehmen dürfen. Dem stehen derzeit die Prüfpraktiken und Verordnungen aus den Bereichen Energiesteuer und Insolvenzrecht entgegen. Hier fordert unsere Branche schnelle und unbürokratische Erlasse, die für die Dauer der Corona-Krise die außerordentlich scharfen Anforderungen einschränken.

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