Arztinterview im Stadtkrankenhaus Korbach

Verschleiß ist oft Ursache für „Rücken“

Wenn Rückenschmerzen quälen, sollte man zum Arzt gehen.
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Wenn Rückenschmerzen quälen, sollte man zum Arzt gehen.

„Isch hab Rücken“ – der Filmspruch von Lokalreporter Horst Schlämmer alias Comedy-Ikone Hape Kerkeling provoziert heute noch zum Grinsen. Doch nach Schmunzeln ist den von Rückenschmerzen Betroffenen selten zumute. Wie ihnen geholfen werden kann, sagen Guido Hoffmann, Leiter des Wirbelsäulenspezialzentrums am Stadtkrankenhaus Korbach, und sein Stellvertreter Noman Zafar.

Neurochirurgen im Stadtkrankenhaus Korbach: Guido Hoffmann (links), Leiter des Wirbelsäulenspezialzentrums, und Noman Zafar, sein Stellvertreter am Stadtkrankenhaus Korbach.
Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Leiden in Deutschland. Es gibt über 38 Millionen Arztbesuche wegen Rückenbeschwerden jährlich in Deutschland. Wie viele Fälle behandeln Sie jährlich im Stadtkrankenhaus?
Guido Hoffmann: Im Krankenhaus Korbach behandeln wir etwa 800 Patienten im Jahr stationär. Dazu kommen etwa 8000 ambulante Patienten, die in der neurochirurgischen Praxis Hoffmann sowie im MVZ Korbach im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie behandelt werden. In der Notaufnahme des Krankenhauses werden zusätzlich 2000 Patienten gesehen. Insgesamt zeigt sich über die letzten Jahre eine Zunahme der ambulanten sowie stationären Behandlungen.
Wer ist besonders häufig betroffen – mehr Frauen oder Männer? Und in welchem Alter?
Noman Zafar: Es zeigt sich, dass Männer und Frauen fast gleich betroffen sind. Das Alter bei den Patientinnen ist höher als bei den Patienten. Die Männer stehen noch im Berufsleben und leiden eher unter falscher Körperhaltung während der beruflichen Tätigkeit. Die Frauen leiden eher unter langfristigen degenerativen Erkrankungen.
Welche Krankheitsbilder stehen besonders häufig dahinter? Gibt es auch psychische Ursachen – und gibt es viele Fälle dieser Art?
Guido Hoffmann: Die häufigsten Erkrankungen sind im höheren Alter bei Frauen und Männern degenerative Erkrankungen wie die Spinalkanalstenose aufgrund von Verschleiß. Auf der anderen Seite spielen die Wirbelkörperbrüche aufgrund von Knochenschwund eine große Rolle. Dieses ist in unserem Landkreis aufgrund der Altersstruktur sehr häufig. Sehr häufig sehen wir jedoch auch ausgeprägte Fehlhaltungen des Skelett- und Muskelapparates. Dieses ist zum Teil auf unseren Lebensstil und der mangelnden Bewegung zurückzuführen. Psychische Ursachen sehen wir jedoch eher seltener – aber sie kommen vor. Da muss man sich viel Zeit nehmen, um der Ursache genauer auf den Grund zu gehen. Hier arbeiten wir mit einem Team aus Neurochirurgen, Orthopäden, Neurologen, Psychologen sowie Physiotherapeuten zusammen, um den Patienten aus allen Blickwinkeln beurteilen zu können.
In welchen Fällen sollten Betroffene zum Arzt gehen? Kann man auch selbst vorläufig erkennen, wann ein Bandscheibenvorfall oder „nur“ eine Muskelbeschwerde vorliegt?
Noman Zafar: Einen Arzt sollte man auf jeden Fall aufsuchen, wenn die Beschwerden einige Tage andauern, auch wenn man sich geschont hat. Dann gibt es Situationen, in denen man die Hand, den Arm, das Bein oder einen Fuß nicht mit voller Kraft bewegen kann. Dieses kann ein Zeichen für einen Bandscheibenvorfall sein. Ein Bandscheibenvorfall von Muskelschmerzen zu unterscheiden ist für den Laien schwierig. Dazu gehört eine genaue körperliche Untersuchung durch einen Fachmann.
Welche Diagnose- und Therapiemöglichkeiten haben Sie? Wie funktioniert beispielsweise Ihr neues Thermogerät?
Noman Zafar: Bezüglich Wirbelsäulenerkrankungen kann man generell sagen, dass, solange keine Lähmungen vorliegen, das konservative Vorgehen an erster Stelle steht. Nach entsprechender Untersuchung kommen Schmerzmittel, Physiotherapie und besondere Übungen zum Einsatz. Bei manchen Patienten ist eine stationäre Schmerztherapie erforderlich, wenn die ambulante Behandlung zu keiner wesentlichen Besserung führt. Versagt auch diese, ist eine Operation sinnvoll, um eine Chronifizierung zu vermeiden. Beim konservativen Behandlungsansatz verwenden wir unter anderem ein Thermokoagulationsgerät, womit die kleinen Nervenenden an den Wirbelgelenken verödet werden. Diese kleinen Nerven sind unter anderem für die Rückenschmerzen verantwortlich.
Zuweilen wird kritisiert, dass die Diagnose mit CT (Röntgen-/Computertomografie) oder MRT Magnetresonanztomographie) oft unnötigerweise angewendet wird. Was sagen Sie dazu?
Guido Hoffmann: Die körperliche Untersuchung ist eine Möglichkeit, die Ursache der Beschwerden näher einzugrenzen. Letztendlich ist eine Bildgebung erforderlich, um den Verdacht zu erhärten oder zu widerlegen. Da unser Lebensstil sich verändert, also heute durch weniger Bewegung, falsche Ernährung und schlechte Körperhaltung gekennzeichnet ist, nehmen Rückenschmerzen zu. Dies führt unweigerlich zu vermehrten Arztbesuchen. Somit nimmt zwangsläufig die Abklärung mittels CT und MRT zu. Auch hat hier der medizinische Fortschritt zur vermehrten Anwendung geführt, jedoch nicht zum Nachteil der Patienten.
Ich habe gelesen, dass in nur etwa 15 Prozent der Rückenschmerzfälle die Ursache erkannt wird. Wie hoch ist bei Ihnen die Erfolgsquote?
Noman Zafar: Wir sind vor einiger Zeit von der Deutschen Wirbelsäulen-Gesellschaft (ein Zusammenschluss der Neurochirurgischen Fachgesellschaft und der Orthopädischen und Unfallchirurgischen Fachgesellschaft für die Vereinheitlichung von Wirbelsäulenbehandlung in Deutschland) zertifiziert worden. In ganz Hessen sind wir das einzige Wirbelsäulenspezialzentrum. Besonders daran ist auch, dass ein Krankenhaus dieser Größe so hochgradig zertifiziert wurde. Dieses bestätigt, dass unser Konzept der Behandlung den hohen Anforderungen entspricht. Wir arbeiten als Team mit mehreren Fachbereichen und sehen den Patienten aus verschiedenen Blickwinkeln. Das führt dazu, dass wir fast alle Patienten suffizient behandeln können und somit die Ursache feststellen können. Nur ein geringer Teil an Patienten bedarf mehrerer Vorstellungen, bis wir die Ursache finden können.
Wie kann man im Alltag effektiv Rückenschmerzen vorbeugen? Zum Beispiel durch Bewegung, geeignete Übungen und Sport oder den richtigen Schuhen?
Guido Hoffmann: Die Physiologie des Menschen mit dem Skelett und Muskelapparat ist dafür ausgelegt, dass wir uns in Bewegung halten. Ich erinnere an die Worte „Jäger und Sammler“, die wir bereits in der Schule gehört haben. Das Sitzen am Computer oder vor dem Fernseher ohne Ausgleich ist schädlich für den Muskelapparat. Dies führt unweigerlich zu verschiedenen Erkrankungen des Halteapparates.Neben der richtigen Bewegung und Ernährung ist auch auf die richtige Körperhaltung während der Arbeit zu achten. Einseitige und monotone Bewegungen sollten nach der Arbeit durch Gegenbewegungen ausgeglichen werden. Dieses ist beispielsweise für die Personen wichtig, die am Fließband arbeiten.Richtiges Schuhwerk sowie ausgleichender Sport ist wichtig. Falls Joggen keine Option ist, kann das Fahrrad benutzt werden. Ich finde jedoch, dass Schwimmen am besten ist, da es alle Muskelgruppen aktiviert. Dieses versuchen wir den Patienten, die sich in unserer Behandlung befinden, zu vermitteln. Denn: Vorbeugen ist immer besser als eine Operation.

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