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Auswirkungen des Super-Sommers: „So massiv noch nicht erlebt“

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Anstrengender Sommer: Viele Bäume litten unter Hitze und Trockenheit in diesem Sommer. Das Foto zeigt die Bärentaleiche in der Niederwerber Bucht. © Edersee-Lichtblicke/Ulf Maurer

Waldeck-Frankenberg. Manchem Baum machte die Sommerhitze nichts aus, andere wurden geschwächt und sind jetzt vom Borkenkäfer befallen, in Flüssen und Seen haben Raubfische profitiert und die grüne Vegetation gehört zu den Verlierern der Hitzewelle. Eine Übersicht.

Bäume

„Teilweise sind uns Bäume richtig vertrocknet“, sagt Dr. Gero Hütte-von Essen, Forstamtsleiter in Vöhl. Beispielsweise die Fichte sei davon betroffen gewesen. Würden die Nadeln fallen, müssten auch die Bäume fallen. Bei Birken seien schon im Juni und Juli erste Blätter braun geworden und abgeworfen worden, berichtet Hütte-von Essen.

Die Buche habe den Sommer „an vielen Standorten recht gut überstanden“, da sie oft an Standorten stehe, die generell besser mit Wasser versorgt seien. Aber dennoch: auch viele Buchen seien vertrocknet. Neben der Eiche komme auch die Küstentanne und die Douglasie besser mit der Wärme und Trockenheit zurecht, sagt der Forstamtsleiter.

Trockenheit zeige sich stets zuerst in der Baumkrone: Wasser könne kaum noch bis an die höchste Stelle befördert werden. Unter der fehlenden Wasserversorgung leide die Widerstandskraft, Harz kann sich nicht ausbilden. Das macht Bäume zu einer Angriffsfläche, vor allem für den Borkenkäfer. Im August und September hätte sich der Käfer rapide entwickelt, sagt der Forstexperte.

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Forstamtsleiter Dr. Gero Hütte-von Essen. © Schuldt

Die Käfer setzen sich unter der Baumrinde fest und bringen dabei oft noch Pilzsporen mit. Diese könnten dafür sorgen, dass sich das Holz von außen nach innen verfärbt. „So massiv habe ich das noch nie erlebt“, sagt Hütte-von Essen über die derzeitige Borkenkäferplage. Wälder in ganz Mitteleuropa würden unter den Käfern leiden. Mit einer chemischen Keule könnten die Forstleute zwar vorgehen. Dann sei aber nur die Rinde benetzt – die Tiere darunter würden verschont bleiben. „Besprühen ist zudem immer das letzte Mittel für uns und kommt nur bei liegenden Holzpoltern und unter strengen Auflagen in Frage.“

Allein im Gebiet des Forstamts Vöhl sind derzeit vier Harvester im Einsatz, um vom Borkenkäfer befallene Bäume aus den Wäldern zu holen. Dieses Holz komme ins Sägewerk. Entdecke man den Käferbefall früh, sei das Holz problemlos zu verkaufen. Wie viele Festmeter Holz in den kommenden Monaten noch gefällt werden müssen, sei derzeit „schwer zu schätzen“.

Tierwelt

Durch die Wärme habe sich der Zyklus vieler Insekten beschleunigt. Der Buchdrucker zum Beispiel – einer der Borkenkäfer – bringe in der Regel pro Jahr zwei Generationen hervor. Dieses Jahr seien es mehr als drei gewesen. Bei wechselwarmen Tieren steige die Aktivität mit den Temperaturen, sagt Hütte-von Essen.

Während dem Borkenkäfer das Wasser reicht, das er aus dem Baum holen kann, leiden andere Insekten unter dem Wassermangel. Stechmücken beispielsweise. Profitiert hätten Wespen und Bienen und zudem viele Käferarten. Rot- und Schwarzwild profitieren von vielen Früchten. Die Tiere könnten sich Fett für den Winter anfressen. Allerdings: Wild sei im Sommer teils unterernährt gewesen, weil die Pflanzenfresser nicht auf die grüne Vegetation zurückgreifen konnten, die verkümmerte.

In Flüssen und Seen, die deutlich geschrumpft sind, hätten derzeit Raubfische Vorteile. Die Friedfische hätten weniger Fluchtmöglichkeiten, bestätigt Rolf Zölzer, Vorsitzender des Fischereivereins Kirchlotheim/Schmittlotheim. Dennoch gebe es nun nicht weniger Friedfische, „es hält sich die Waage“, so Zölzer.

Samen und Früchte

„Es war ein intensives Samenjahr, das auch zu einer intensiven Naturverjüngung führt.“ Unglaublich viele Früchte habe es in diesem Jahr gegeben, was auch mit dem warmen und trockenen Frühjahr zusammenhänge. Das sei Insekten- und Windbestäubern zugute gekommen. Allerdings: Das intensive Fruchtwachstum habe die Bäume zusätzlich geschwächt, weil sie Kraft dafür aufbringen mussten, sagt der Forstamtsleiter.

Vom Mittelmeerraum nach Waldeck-Frankenberg

Wie geht es in Zukunft in heimischen Wäldern weiter? „Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir uns einer anderen Klimazone annähern“, sagt Vöhls Forstamtsleiter Dr. Hütte-von Essen. Der Fokus richte sich damit eher auf Arten, die aus Südeuropa stammen.

„Wir versuchen, vorauszudenken“, sagt Hütte-von Essen. Dabei müsse man überlegen, welche Arten möglichst klimastabil seien. Aus dem Mittelmeerraum würden sich beispielsweise Baumhasel und Edelkastanie in Deutschland eignen, aus Nordamerika auch die Roteiche. Viele Arten würden weiter nach Norden wandern.

Der Trend zu Mischwäldern werde sich weiter verstärken, vermutet der Experte. Auch könne man davon ausgehen, dass es solche Borkenkäferplagen wie derzeit künftig häufiger auftreten würden. Die Umstellungen würden „eine Herausforderung für die Forstwirtschaft“.

Damit Wälder auf den Klimawandel reagieren können, müsste die Artenvielfalt angereichert werden mit Arten aus südlicheren und niedrigeren Klimazonen, eine Mischung von Kleinbeständen müsse gepflanzt werden und zudem Baumarten, die schnell wachsen. Das habe ökologische und ökonomische Gründe. Wenn Bäume schneller wachsen, sei die Risikospanne geringer. Wachse ein Baum 60 Jahre lang, sei das Risiko, krank zu werden, geringer als bei einem Baum, der 200 Jahre lang wachse.

Gut für Singvögel

Es war ein sehr gutes Jahr für Singvögel“, sagt Heinz-Günther Schneider, Vorsitzender des NABU-Kreisverbandes Waldeck-Frankenberg. Rund 400 Nistkästen betreuen die Naturschützer in der Region und sein Eindruck nach ersten Kontrollen sei, dass die Brutergebnisse um 20 bis 30 Prozent besser als sonst seien.

Das habe mit der Vielzahl an Insekten zu tun, die es in diesem Jahr aufgrund der Wärme gibt. Das sorge für eine gute Nahrungsbasis, so Schneider. Zudem seien, weil es weder kalt noch nass gewesen sei, wenige Jungvögel eingegangen, sagt der Battenberger.

Gelitten unter dem warmen, trockenen Wetter hätten dagegen Amphibien. Unter anderem bei der Kreuz- und der Geburtshelferkröte erwartet Schneider „gravierende Verluste“, weil viele Tümpel und Seen ausgetrocknet seien.

Heinz-Günther Schneider NABU Waldeck-Frankenberg
Heinz-Günther Schneider © Hoffmeister

Wie die Eder den Wassermangel verkraftet habe, müsse man noch sehen. Schneider hofft auf deutlich mehr Regen in den kommenden Wochen. Komme der nicht und bleibe der Wasserstand der Eder über den Winter so gering, friere es bis in den Boden hinein. „Das wäre eine Katastrophe.“ Denn in diesem Fall würden Muscheln, Krebse, Schnecken und Wasserinsekten sterben.

Wider Erwarten habe es in diesem Jahr viele Früchte wie Äpfel und Birnen gegeben, auch Eicheln und Bucheckern gebe es besonders zahlreich. Zufüttern müsse man im Winter wohl nicht.

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