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80 Jahre Wannsee-Konferenz: Arolsen Archives starten aufwühlende Wanderausstellung

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Von: Elmar Schulten

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Schwarz-Weiß-Foto von zwei Mädchen. Eines trägt einen Judenstern auf seinem Mantel.
Die Wanderausstellung #LastSeen zeigt Bilder wie dieses: Diese beiden Mädchen wurden am 20. November 1941 aus einem Sammellager in Milbertshofen bei München nach Kaunas im besetzten Litauen deportiert und dort ermordet. © Stadtarchiv München

Am 80. Jahrestag der sogenannten Wannsee-Konferenz haben die Arolsen Archives auf dem Münchener Marienplatz ihre neue „LastSeen-Ausstellung“ („zuletzt gesehen“) gestartet.

Bad Arolsen/München - Bei der Wannsee-Konferenz planten hochrangige NS-Funktionäre die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas. Zur mobilen Ausstellung gehört ein historischer Lastwagen von der Art, wie er in den 40er Jahren zur Deportation von jüdischen Bürgern benutzt wurde. Auf der Ladefläche sind Bilder von Deportationen ausgestellt. Darunter sind auch Fotos von Mitbürgern, die an dem Tag, an dem die Fotos entstanden, für immer verschwanden. Daher der Name der Ausstellung „zuletzt gesehen“

Bisher sind rund 550 Fotos von NS-Deportationen aus etwa 50 Orten bekannt. Es sei davon auszugehen, dass noch viele solcher Fotos auf Dachböden lagerten, sagte der Historiker Dr. Henning Borggräfe von Arolsen Archives bei der Ausstellungseröffnung in München. Denn die Deportationen fanden in vielen Städten und Gemeinden am helllichten Tage unter den Augen der Öffentlichkeit statt.

Informationen über die Opfer zusammentragen

Die Ausstellung solle helfen, viele Fragen zu beantworten: Wer ist abgebildet? Wer hat fotografiert? Wann und wo entstanden die Aufnahmen?

Um auf die Initiative aufmerksam zu machen, tourt #LastSeen ab sofort kreuz und quer durch Deutschland. Die Ausstellung informiert, wie sich Freiwillige an der Suche nach Informationen über die Opfer beteiligen können.

Bedrückende Zeitzeugnisse

Zum Start der Wanderausstellung betonte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, die Ausstellung solle deutlich machen, wohin Judenhass und Ausländerhass führen. Aus hasserfüllten Worten in sozialen Medien würden Taten.

Dr. Borggräfe von Arolsen Archives, betonte, dass die ausgestellten Fotos nicht ohne Erläuterung zum Entstehungszusammenhang gesehen werden dürften. Die Bilder zeigten unschuldige Menschen, die aus ihrem Alltag gerissen und in diesem Moment von den Täter fotografiert wurden.

Dauerhafte Verantwortung

München sei eine Ausnahme unter den deutschen Großstätten, weil hier eine Bildserie von einer Deportation aus einem Sammellager erhalten geblieben sei. Diese bedrückenden Zeitzeugnisse seien eine Einladung zur Reflexion.

Das bekräftigte auch Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München. Es bleibe die Erkenntnis, dass der Hass keine Grenzen kenne, wenn diese nicht aktiv gesetzt würden. Das sei eine Verantwortung für die Ewigkeit.  

Freiwillige können bei Suche helfen

Die von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (evz) und der Gedenkstätte „Haus der Wannseekonferenz“ unterstützte Ausstellung soll auch einen Brückenschlag in die heutige Zeit herstellen, betont Floriane Azoulay: „Die gezeigten Fotos wirken unmittelbar und laden dazu ein, darüber nachzudenken: Wie hätte ich mich damals verhalten? Was mache ich heute, wenn ich Unrecht begegne?“

Solche Zugänge seien gerade für junge Menschen wichtig, weil die Begegnung mit Zeitzeugen immer seltener möglich sei. Das #LastSeen-Webportal biete daher eine Reihe von pädagogischen Programmen, die von Schulklassen genutzt werden können.

Mitmachaktion zum Holocaust-Gedenktag

Ziel der Initiative ist es, die Erinnerung ins Heute zu transportieren. Denn ausgehend von den Deportationen damals – von dem Verhalten der Zeugen – ist es naheliegend darüber nachzudenken, in welchen Situationen heute weggeschaut wird.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die vor einem Jahr von Arolsen Archives gestartete Aktion „Jeder Name zählt“. Unter dem Hashtag #everynamecounts können sich Interessierte weltweit daran beteiligen, eingescannte Originaldokumente von Konzentrationslagern digital lesbar und auffindbar zu machen. Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar ruft Arolsen Archives wieder zum Mitmachen ein. (Elmar Schulten)

Mehr unter www.arolsen-archives.org

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