Gedenkfeier auf dem Exerzierplatz einer ehemaligen SS-Kaserne

Holocaust-Gedenktag in Bad Arolsen: Unrecht nicht vergessen

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Am 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentraitionslagers Auschwitz durch die Rote Armee wurde in Bad Arolsen an die Opfer des Nazi-Terrors erinnert. Schüler der Christian-Rauch-Schule lasen die Namen von Transportlsiten nach Auschwitz auf dem früheren Exerzierplatz der SS-Kaserne laut vor. Hier am Mikrofon CRS-Schülersprecher Kevin Andrita.

Mehr als 800 hessische Schüler an 26 Schulen haben sich am gestrigen Holocaust-Gedenktag an der Aktion „Jeder Name zählt“ von Arolsen Archives beteiligt.

Dabei waren die Schüler aufgerufen, die Namen von Transportlisten Richtung Auschwitz auf ihren Computern zu erfassen, damit diese als Teil der weltgrößten Datenbank für die Opfer des nationalsozialismus werden können. 

Die Listen wurden schon vor vielen Jahren von Suchdienst-Mitarbeitern erst in Stadtverwaltungen fotokopiert und dann eingescannt. 

Elisa Schiller, Merle Dreißiger und Madleen Hammer v.l. beteiligen sich mit ihrem Geschichtskurs an der Digitalisierungd er Opfernamen auf den Transportlisten nach Auschwitz.

Damit waren sie als Fotodokumente rudimentär verschlagwortet nur für die interne Sucharbeit bei den Arolsen Archives nutzbar. Nun aber werden die Listen auf den Namen alle einzeln abschrieben und mit den Foto-Scans verknüpft. So werden sie digital lesbar und bald auch online suchbar. 

Digitalministerin Sinemus als Schirmherrin

Die Bedeutung dieser Arbeit unterstrich gestern Floriane Azoulay, die Direktorin von Arolsen Archives. Bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Belgischen Platz stellte sie klar, dass auf diese Weise nicht nur den zahllosen Opfern ihre Namen, sondern auch ihre Würde wiedergegeben werde. Aus dem gleichen Grunde seien die Schüler eingeladen, die Namen der Opfer laut vorzulesen.

Hessens Digitalministerin Prof. Dr. Kristina Sinemushatte die Schirmherrschaft über die Digitalisierungsaktion von Arolsen Archives übernommen.

Die Schirmherrschaft über die Digitalisierungsaktion hatte Hessens Digitalministerin Prof. Dr. Kristina Sinemus übernommen. Sie erinnerte daran, dass sie als Schülerin der Christian-Rauch-Schule schon früh mit dem Internationalen Suchdienst Kontakt gehabt habe. Sie sei stolz darauf, dass die heutigen Schüler und Lehrer ihrer ehemaligen Schule die Aktion so tatkräftig unterstützten. 

Arolsen trägt schwer  an seinem Erbe

Bürgermeister Jürgen van der Horst bekräftigte, wie wichtig es sei, die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht zu vergessen. Allen Versuchen, das unrecht zu relativieren müsse deutlich entgegen getreten werden. Es gelte, ein starkes Signal gegen Antisemitismus und für Menschlichkeit zu geben.

Arolsen trage ein große Verantwortung, weil dies NSDAP hier schon vor der Machtergreifung Hitlers sehr starken Zuspruch gefunden habe und weil die Kaserne von SA und SS genutzt wurde.

CRS-Schulleiter Markus Wagener kündigte an, dass er die von seinem Vorvorgänger Hans-Peter Wagner erarbeitete Geschichte des Umgangs des Schule mit ihren jüdischen Schülern und Lehrer in der Nazizeit weiter aufarbeiten wolle.

Authentischer Erinnerungsort

Der Belgische Platz in Bad Arolsen ist heute ein Supermarkt-Parkplatz. Nichts erinnert mehr daran, dass dies einst der Exerzierplatz der SS-Kaserne und SS-Schule für den Verwaltungsdienst war. Hier lernten SS-Angehörige die Regeln der Buchhaltung, mit denen unter anderem die Raubzüge in den besetzten Gebieten und die Goldzähne aus den Vernichtungslagern buchhalterisch erfasst wurden. 

Die ehemalige Häftlingsunterkunft auf dem Gelände der früheren SS-Kaserne stellte ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald dar. Heute sind die Gebäude Teil eines Supermarktes.

Die Arolser SS-Kaserne war zugleich Außenlager für das Konzentrationslager Buchenwald. Die Häftlinge wurden hier als billige Arbeitskräfte für die Kaserne ausgebeutet, wie der inzwischen Verstorbene Bad Arolser Historiker Dr. Bernd Zimmer in seinem Buch über das Außenlager "Arthur" dokumentierte.

Steigende Suchanfragen bei Arolsen Archives

Arolsen Archives, besser bekannt unter dem früheren Namen Internationaler Suchdienst, meldet, dass die Zahl der Anfragen aus aller Welt im vergangenen Jahr um zehn Prozent gestiegen ist.

Steigende Anfragen zu NS-Opfern Rund 350.000 Menschen aus aller Welt haben das seit Mai 2019 bestehende Online-Archiv der Arolsen Archives genutzt. 

Bis Dezember wurden dort bereits 14 Millionen Dokumente veröffentlicht. Zum gestrigen Holocaust-Gedenktag kamen 1,7 Millionen Dokumente hinzu. Auch 75 Jahre nach dem Ende des Nazi-Terrors sucht eine große Zahl von Menschen Informationen über Angehörige, die durch das NS-Regime ermordet, verfolgt oder verschleppt wurden. 

Floriane Azoulay ist Direktorin von Arolsen Archives. Sie hat das Digitalisierungsprojekt Cowdsoucing angestoßen.

Die Arolsen Archives erhielten Anfragen zu rund 24.000 Personen - fast drei Viertel stammen dabei von Angehörigen. Nur noch zwei Prozent kamen von Überlebenden selbst. Insgesamt wandten sich Menschen aus rund 70 Ländern an die Arolsen Archives, besonders stark vertreten waren Deutschland, Polen und die USA. „Wir haben das Ziel, alle Dokumente sowie die Namen aller in unserem Archiv dokumentierten Opfer bis 2025 online zu veröffentlichen“, so die Direktorin von Arolsen Archives, Floriane Azoulay.

 „Wir können damit einen großen Beitrag leisten, die Biografien der im Nationalsozialismus verfolgten Menschen zu rekonstruieren: Die Erinnerung an den Holocaust, den Genozid an den Sinti und Roma und die Verbrechen an allen anderen Opfergruppen ist essenziell, damit dieser Terror in keiner Form zurückkommt.“ 

Dieser Link führt zum Online-Archiv der Arolsen Archives: https://collections.arolsen-archives.org/search/

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