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„Ich habe verkauft“: Szenekneipe „Berlinchen“ macht nach 22 Jahren dicht

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Von: Elmar Schulten

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Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Stefan Brauer verkauft nach 22 Jahren die von ihm geführte Traditionskneipe Berlinchen.
Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Stefan Brauer verkauft nach 22 Jahren die von ihm geführte Traditionskneipe Berlinchen. © Elmar Schulten

Stefan Brauer hat sein „Baby“ verkauft – Am 23. Dezember ist in Arolsen im Kreis Waldeck-Frankenberg erst mal Schluss.

Bad Arolsen – Die Nachricht vom Verkauf der Szenekneipe „Berlinchen“ hat sich in Arolsen wie ein Lauffeuer verbreitet. Deshalb will Langzeit-Wirt Stefan Brauer auch kein Geheimnis mehr aus seiner Entscheidung machen: „Ja, ich habe das Berlinchen nach 22 Jahren verkauft. Das Berlinchen war mein Leben. Deshalb gehe ich mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge.“ Zur Gerüchteküche in Arolsen gehört auch, dass Brauer sein geliebtes Berlinchen aus Gesundheitsgründen aufgeben müsse. „Das ist Quatsch“, sagt derjenige, der es wissen muss: „Ich erfreue mich bester Gesundheit, möchte aber auch, dass es so bleibt.“

22 Jahre lang habe er ungezählte Stunden Arbeit investiert und dabei oft zu wenige Zeit für seine Frau und seine beiden Töchter gehabt. Das solle sich nun ändern: „Ich werde erst mal zwei, drei Monate gar nichts tun und mir dann eine schöne Beschäftigung suchen.“ Nur eines stehe für ihn jetzt schon fest: „Ich hasse Gartenarbeit. Ich werde ganz bestimmt nicht meinen Garten zum Lebensmittelpunkt machen.“

Kreis Waldeck-Frankenberg: Gastronomie liegt den Brauers im Blut

Schon vor dem Kauf des „Berlinchens“ und seinem Eintritt in die Selbständigkeit hat Brauer sieben Jahre lang die Gaststätte an der Wasserskianlage am Twistesee geleitet, davor war er nebenberuflich als Kellner tätigt. Insgesamt kommt der 55-jährige auf 36 Jahre Erfahrung im Gaststättengewerbe.

„Wahrscheinlich habe ich die Freude an der Gastronomie vom Großvater geerbt, der war Kellner in Bad Wildungen. Das würde auch die berufliche Ausrichtung seiner Brüder erklären: Bruder Dirk führt eine Gaststätte in Bad Wildungen und sein zweiter Bruder Andreas hat in Arolsen mit der Diskothek „Sunset No.1“ und dem „Stradivari“ über viele Jahre gezeigt, was ein guter Gastwirt bewirken kann.

Szenekneipe „Berlinchen“ in Bad Arolsen: Viele Stammgäste mit langjährigem Vertrauensverhältnis

„Als Mann hinter der Theke bist du so etwas wie ein Beichtvater. Man kriegt viel mit, muss aber verschwiegen und kommunikativ zugleich sein“, weiß Stefan Brauer. Gerade mit seinen Stammgästen verbinde ihn ein langjähriges Vertrauensverhältnis: „Man kennt sich gegenseitig gut, kann sich viel privates erzählen und sicher sein, dass nichts weitergetragen wird.“

Deshalb verrät Stefan Brauer beim Abschied aus dem Berlinchen auch keine Anekdoten: „Jedes Detail könnte auf den Urheber hinweisen. Das mache ich nicht.“

Kreis Waldeck-Frankenberg: Verändertes Freizeitverhalten besiegelt das Ende

Zu seinen Erfolgsrezepten gehört auch die Tatsache, dass er selber hinter der Theke nichts trinkt. Ein klarer Kopf sei wichtig in diesem Geschäft. Brauer, der bei vielen seiner Gäste einfach nur „Sam“ heißt, gilt als schlagfertig und humorvoll, auch das sind gute Voraussetzungen für einen erfolgreichen Wirt.

Das Berlinchen war immer auch ein Treffpunkt für junge Leute: Allein die Nähe zum Schulzentrum lockte viele Schüler an. Und auch so machen Lehrer konnte man hier abends antreffen. Das verkürzte Abitur nach acht Jahren G-8 hat aber auch hier zu einem anderen Freizeitverhalten der Schüler geführt. Die Skat- und Würfelrunden gehören nun der Vergangenheit an.

Bad Arolsen: Im „Berlinchen“ war Kopfrechnen gefragt

Gerne denkt Brauer an die Zeit zurück, als er auch Sonntagsbrunch angeboten hat: „Damals habe ich sieben Tage die Woche gearbeitet. Das war schön, wurde aber irgendwann zu viel.“ Er habe lernen müssen, dass er nicht alles selber machen konnte. Küche und Theke gleichzeitig. Das war irgendwann zu viel.

Deshalb erinnert sich Brauer dankbar an die vielen guten Mitarbeiterinnen zurück. Oft waren es angehende oder frisch gebackene Abiturientinnen, die im Berlinchen das Kopfrechnen noch einmal ganz neu lernen mussten. Das Abrechnungssystem mit den individuellen Abrechnungszetteln funktioniert nämlich nur, wenn man gut im Kopfrechnen und bei der schriftlichen Addition ist. „Mit Taschenrechner läuft da gar nichts“, weiß Brauer.

Szenekneipe „Berlinchen“ in Bad Arolsen: Einspringen, wenn der Koch ausfällt

Legendär sind die Live-Konzerte, die es über viele Jahre regelmäßig in der Musikkneipe Berlinchen gab. Hier bekamen Nachwuchskünstler eine Chance, aber auch alte Hasen haben schon im Berlinchen auf der Bühne gestanden. Die gleiche Bühne war das Podium für mehrere Diskussionen im Vorfeld von Bürgermeisterwahlen.

Beim heißen Stuhl mit WLZ-Redakteur Elmar Schulten wurde so manches aktuelle Thema bewegt. Aber ausgerechnet, als es um die Windkraftanlagen im Stadtwald ging, musste Brauer in die Küche. „Mein Koch war kurzfristig ausgefallen. Da musste ich selber ran, dabei wollte ich doch zum Thema Windkraft mitdiskutieren“, erinnert sich Brauer.

Bad Arolsen: Lange Liste legendärer Wirte und keine Brauereibindung

Stolz ist der erfahrene Wirt darauf, über all die Jahre ohne Brauerei-Bindung ausgekommen zu sein. So wird das Berlinchen auch jetzt ohne vertragliche Verpflichtung Brauerei-frei zum Jahresende an den neuen Eigentümer übergeben. Der Neue hat angekündigt, das Berlinchen wie bisher fortzuführen.

Damit wird er Teil der langen Geschichte der Szenekneipe. Ursprünglich hieß die Gaststätte an der Ecke Bahnhofstraße/ Hünighäuser Weg „Beck’s Ecke“ nach dem Wirt Willi Beck. Der verkaufte an den legendären Karl Knüppel, der wiederum an Peter Betz verkaufte. Betz taufte der Gaststätte in Anspielung auf seine Berliner Heimat Berlinchen und inspirierte vermutlich auch zur Symbolfigur, dem Bären. Es folgte Thomas Schacht, der das Geschäft 13 Jahre lang führte, bevor Dieter Lauhof für drei Jahre einstieg.

Kreis Waldeck-Frankenberg: In der Silvesternacht wird‘s emotional

Für Stefan Brauer wird der 23. Dezember definitiv der letzte Tag hinter dem Tresen sein. Bis dahin sollten alle Gutscheine eingelöst werden, erinnert der Wirt.

In der Silvesternacht werde er bestimmt ein paar Tränen vergießen: „Ich bin da sehr emotional und werde noch lange meinem Baby, dem Berlinchen, nachjammern.“ (Elmar Schulten)

Zur WM ist im „Berlinchen“ in Bad Arolsen nicht gerade viel los.

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