Vier Millionen Euro zu viel

Genossenschaft stimmt gegen Investitionen für Schlachthaus in Mengeringhausen

Wechsel in den Gremien der Vieh- und Fleischvermarktung Nordhessen: (von links) Geschäftsführer Dirk Blettenberg, Wilfried Happel (ehemals Aufsichtsrat), der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende Volker Lux, das ausgeschiedene Vorstandsmitglied Helmut Pflüger, Vorstandsvorsitzender Roelof Dingel, Vorstandsmitglieder Marco Göbel und Heinrich Hecker.
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Wechsel in den Gremien der Vieh- und Fleischvermarktung Nordhessen: (von links) Geschäftsführer Dirk Blettenberg, Wilfried Happel (ehemals Aufsichtsrat), der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende Volker Lux, das ausgeschiedene Vorstandsmitglied Helmut Pflüger, Vorstandsvorsitzender Roelof Dingel, Vorstandsmitglieder Marco Göbel und Heinrich Hecker.

Die Zukunft der Schlachtstätte Mengeringhausen ist nach dem Votum der Vieh- und Fleischvermarktungsgenossenschaft offen.

Mengeringhausen – Mit 17 zu sieben Stimmen hat die Generalversammlung der Landwirtschaftlichen Vieh- und Fleischvermarktung Nordhessen (LVF) gestern Nachmittag gegen eine Modernisierung und Sanierung des Schlachthauses in Mengeringhausen votiert.

Die Mehrheit der in der Stadthalle Mengeringhausen anwesenden Mitglieder (von insgesamt 2000) schloss sich damit den getrennt und einstimmig gefassten Voten des Aufsichtsrates und des Vorstandes an, nicht noch weitere knapp vier Millionen Euro in den Schlachtbetrieb zu investieren.

Das sind die Erwartungen

Angesichts der ungünstigen Entwicklungen beim Schlachtbetrieb und beim Viehhandel, dem satzungsmäßigen Kerngeschäft der Viehverwertung, erscheint die Investition zu riskant. Die bisher nicht durch Kredite belastete und durch Grundvermögen solide Genossenschaft müsste sich verschulden, ohne eine sichere Perspektive, die Schlachtstätte rentabel zu betreiben.

Die Fördermöglichkeiten seien vage und bezögen sich nur auf die geforderten Investitionen, die allerdings den größten Teil des Bauprojektes ausmachen, das der Architekt Gerhard Rasche aus Borgentreich vorstellte. Er kam bei seinem Entwurf auf eine Summe von brutto 3,8 Millionen Euro und wies auf die Unwägbarkeiten bei der Baupreisentwicklung hin.

Das sagen die Wirtschaftsprüfer

Nach dem Geschäftsbericht und einer Bewertung durch den Wirtschaftsprüfer Michael-Christian Wörner vom Genossenschaftsverband verkündete Geschäftsführer Dirk Blettenberg zunächst das negative Votum, das die Gremien der Genossenschaft angesichts der Risiken abgaben.

Wörner bezifferte den Verlust der erneuerten Schlachtstätte auch bei einer Steigerung des Umsatzes von zehn Prozent auf schätzungsweise 71 000 Euro. Die Investitionen waren nach ersten Planungen vor zwei Jahren noch mit lediglich 360 000 Euro bei der Genossenschaft beziffert worden.

Erste Investitionen

Davon waren bereits 80 000 Euro ausgegeben worden, um die Kühlkapazitäten erweitern zu können. Das war 2019 nach der Havarie und der Schließung des Schlachthofes in Bad Wildungen erforderlich geworden.

Doch nach mehreren Begehungen von 2019 bis zu diesem Jahr mit Vertretern des Regierungspräsidiums, des Landkreises und des Veterinäramtes war deutlich geworden, dass das Zwölffache investiert werden müsste. Blettenberg sprach von zwingend notwendigen Investitionen für den Tierschutz, die Qualitätssicherung und den Arbeitsschutz, an denen die Genossenschaft nicht vorbeikomme.

Als Großbetrieb deklariert

In der Schlachtstätte seien seit 2019 mehr Tiere als genehmigt geschlachtet worden. Laut gestern vorgestelltem Bericht des Vorstandes waren es 2018 noch rund 8900, 2019 bereits 12 600 und 2020 mehr als 13 800 Schlachtungen. Dabei würden an den relativ kleinen Betrieb Anforderungen wie an einen Großbetrieb gestellt. Blettenberg machte deutlich, dass vom Regierungspräsidium derartige Forderungen aufgrund der Gesetze erhoben würden.

Zuschüsse in Aussicht gestellt

Der Landkreis habe einen Zuschuss von 500 000 Euro in Aussicht gestellt. Nach Auskunft des Ersten Kreisbeigeordneten Karl-Friedrich Frese im August hat der Kreis bereits 25 000 Euro vorab für eine immissionsschutzrechtliche Genehmigung genehmigt.

Architekt Gerhard Rasche erläuterte ausführlich, was für die Runderneuerung der Schlachtstätte geplant werde. Das reicht von einer tierschutzgerechten Wartezone, einen entsprechenden Bereich für die Betäubung und anschließende Schlachtung des Viehs bis hin zu einem neuen Boden und besseren Sozialräumen für das Personal.

1977 errichtet

Nun steht vielleicht die Schließung des 1977 errichteten Schlachthofes bevor, der nunmehr einzige im Landkreis, in dem heimische Metzger und Landwirte schlachten (lassen) konnten. Nach Auskunft von Blettenberg ist es möglich, dass der Betrieb in kleinerem Umfang von einem anderen Inhaber weiter geführt werden könnte.

Möglichkeiten eines weiteren Betriebs der Schlachtstätte in Mengeringhausen will der Erste Kreisbeigeordnete Karl-Friedrich Frese zusammen mit der Fleisch- und Metzgerinnung und heimischen Metzgerbetrieben in Nordwaldeck sondieren.

Das ist der Vorschlag des Landkreises

Im Landkreis werde ein Schlachtbetrieb benötigt, betonte Frese. Schließlich gehe es dabei um die Erzeugung von Biofleisch oder die regionale Vermarktung von Vieh aus heimischen Betrieben. Daher habe er bereits erste Gespräche mit dem Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Gerhard Brühl, und der Fachinnung geführt, um den regionalen Schlachthof zu erhalten.

Die Gespräche sollten nun, nachdem die LVF ihre Entscheidung gegen Investitionen in den Schlachthof getroffen habe, weiter fortgesetzt werden. Dabei solle auch darüber verhandelt werden, wie der Betrieb auf den „Söllingen“ anderweitig oder zusammen mit der Genossenschaft sowie mit der Innung, heimischen Metzgern und landwirtschaftlichen Betrieben weiter geführt werden könne, sagte er.

Neue Betätigungsfelder gesucht

Frese war als Gast präsent bei der Generalversammlung. Ein Redebeitrag von Gästen war aber ausdrücklich nicht vorgesehen, wie der Aufsichtsratsvorsitzende Volker Lux bei der Begrüßung erklärte.

Blettenberg erklärte, es gelte nun, sich auf den Kernbereich der Viehverwertung, nämlich den Handel, zu konzentrieren und dabei durch Kooperationen oder eine Fusion der Genossenschaft eine stabile Grundlage für die Zukunft zu verschaffen.

„Wir sind die zweitgrößte Viehvermarktung in Hessen, und in unserem Bundesland gibt es nur noch zwei!“ Für Kooperationen müssten nun Genossenschaften in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen angesprochen werden. (Armin Haß )

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