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Marie Illian aus Bad Arolsen arbeitet in einem Hotel in Katar

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Marie Illian aus Bad Arolsen arbeitet während der Fußball-WM in einem Hotel in Katar als Guest Service Executive. Hier in Qatara mit dem Blick auf „West Bay“ – auch genannt City View.
Marie Illian aus Bad Arolsen arbeitet während der Fußball-WM in einem Hotel in Katar als Guest Service Executive. Hier in Qatara mit dem Blick auf „West Bay“ – auch genannt City View. © pr

Seit Anfang November arbeitet Marie Illian (26) aus Bad Arolsen in einem neu eröffneten Hotel in Katar. In der WLZ schildert sie ihre ersten Eindrücke in dem Land, das derzeit die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtet.

Viele fragten mich, warum ich ausgerechnet in das Land gehe, was doch in solch eine große Kritik gerät. Der Grund dafür lautet, dass ich mir gerne ein eigenes Bild über das Land, die Kultur und die Menschen machen möchte. Ich wusste zwar nicht, was mich erwartet, aber eins war mir klar: Dies wird definitiv eine Herausforderung.

Hatte ich Angst, hier her zu kommen? Eigentlich nicht. Die einzige Sorge, die ich hatte, war: Werde ich dafür verurteilt, dass ich nun in Katar arbeiten und leben werde? Bislang würde ich sagen, dass mich meine Freunde und Familie sehr unterstützten. Der Grund, warum ich hier bin, ist nicht der, die WM zu unterstützen, sondern um die Kultur kennenzulernen und mir mein eigenes Bild zu verschaffen.

Ich bin noch nicht sehr lange hier, aber bislang kann ich sagen, dass die Denkweise der Katari eine ganz andere ist, als die der Europäer. Es gibt sehr viele Regeln, welche in der Öffentlichkeit gelten, und auch die Überwachung ist hier sehr präsent. Kameras an jeder Ecke gehören hier zum Standard. Am Anfang fühlte ich mich sehr beobachtet, kontrolliert und eingeengt. Mittlerweile habe ich mich jedoch daran gewöhnt. Somit kann ich verstehen, warum Katar zu eines der sichersten Länder zählt. Denn hier traut sich fast niemand, eine Straftat zu begehen.

Ein gutes Beispiel dafür ist das zu lange Beobachten oder Anstarren einer Person. Schaust du eine Person zu lange an und sie fühlt sich durch deinen Blick unwohl, kannst du dafür ins Gefängnis kommen.

Ebenso ist Fotografieren in der Öffentlichkeit mit Vorsicht zu genießen. Ist die falsche Person abgebildet und bekommt dies mit, ist das ebenso eine Straftat und wird mit einem Gefängnisaufenthalt bestraft. Zweimal über eine rote Ampel fahren bedeutet ebenfalls „kostenloses Essen und Trinken“ und für Ausländer auch ein Ticket nach Hause.

Erst vor kurzem habe ich einen Pakistani kennengelernt. Er ist hier geboren und kennt ein Leben nur in Katar. Er hat mir erzählt, dass die Nachrichten bezüglich der WM seiner Meinung nach nicht immer der Wahrheit entsprechen. Er selbst arbeitet als Bauleiter, steht im direkten Kontakt zu den Arbeitern und hat mir erzählt, dass die Arbeitszeiten auf der Baustelle bei sieben Stunden inklusive zwei Stunden Pause lagen. Somit arbeiten die Arbeiter im Prinzip nur fünf Stunden.

Zudem seien die Arbeiter über die Gefahren aufgeklärt und regelmäßig daran erinnert worden, die Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten. Die meisten hätten diese jedoch nicht befolgt und hätten gesagt: „Wenn es mein Tag zum Sterben ist, dann soll das so sein“. So berichtete es jedenfalls der Pakistani.

Souq Waqif ist ein Marktplatz in Doha. Kleidung, Gewürze, Kunsthandwerk und Souvenirs werden dort verkauft. Es beherbergt auch Restaurants und Shisha-Lounges.
Souq Waqif ist ein Marktplatz in Doha. Kleidung, Gewürze, Kunsthandwerk und Souvenirs werden dort verkauft. Es beherbergt auch Restaurants und Shisha-Lounges. © pr

Die Menschen in Katar freuen sich unterdessen sehr auf die WM. Die Atmosphäre ist sehr fröhlich und jeder ist aufgeregt. Selbst, wenn man eigentlich kein Fußball-Fan ist, wird man von der Atmosphäre mitgerissen. Ich glaube, dass eine WM wie sie hier in Katar ist, noch nie so organisiert und durchgeplant war. Es gibt kein Gedränge, es gibt keine Schlägereien in der Öffentlichkeit und auch der Verkehr läuft reibungslos. Ordner stehen an jeder Ecke, um die Menschenmassen zu kontrollieren. Hier wurde wirklich an alles gedacht und sehr viel investiert. Dass die Regeln im Land wegen der WM gelockert wurden, ist hier wirklich ein großes Thema und wird von vielen als unnormal bezeichnet. So wird beispielsweise auf Kleidung und impulsives Verhalten weniger geachtet. Auf der anderen Seite sind jedoch viele Unternehmen sehr angespannt, weil wirklich alles gegeben wird und alles tipptopp sein muss. Dinge, die einem eigentlich unmöglich erscheinen, werden innerhalb kürzester Zeit möglich gemacht – und das alles nur für die Weltmeisterschaft.

In der Stadt selbst ist alles für die WM geschmückt und egal wo man hinschaut wird damit konfrontiert. Flaggen, Fahnen, Lichterspiele und große Plakate sind an jeder Ecke zu finden. Und wenn das nicht reicht, dann findet man hier und da ein Stadion, das man auch aus der Ferne sehr gut sehen kann. Auch die Katar-Flagge ist sehr präsent. Es steht nicht in Frage, dass die Stadt Doha wunderschön ist und hier wirklich jeder alles gibt, damit sich die Gäste willkommen fühlen. Die Katari selbst habe ich bislang als sehr gastfreundlich und hilfsbereit kennengelernt.

Zu Fuß läuft wirklich niemand. Autofahren wird hier sehr großgeschrieben. Warum? Weil es einfach zu warm ist, herumzulaufen. Besonders im Sommer ist es nicht auszuhalten. Es gibt sogar eine „Tasty Street“ mit verschiedenen Ständen, wo man durchfährt und die Servicekraft zum Auto kommt, um die Bestellung aufzunehmen. Hier findet man nicht nur traditionelles arabisches Essen, sondern auch internationale Küche. Große, teure Autos gehören hier zum normalen Straßenverkehr. Für einen Moment fühlte ich mich wie zu Hause, als ich einen kleinen Twingo sah.  

In der Tasty Street in Doha: Die Straße ist quasi ein riesiges Drive-In, wo die Servicekräfte der verschiedenen Stände zu den Autos kommen und Bestellungen aufnehmen.
In der Tasty Street in Doha: Die Straße ist quasi ein riesiges Drive-In, wo die Servicekräfte der verschiedenen Stände zu den Autos kommen und Bestellungen aufnehmen. © pr

Meiner Meinung nach macht es einen großen Unterschied, ob man Katar als Tourist besucht oder wie in meinem Fall, zum Arbeiten kommt. Denn wenn der Big Boss kommt, muss alles perfekt sein. Jeder gibt sein Bestes und wenn es dann so weit ist… dann wirst du als normale Arbeitskraft keines Blickes gewürdigt. Ja, es ist schön ein Teil der Luxuswelt zu sein. Die Frage, die ich mir jedoch stelle, ist: zu welchem Preis?

Ich habe das Gefühl, dass jeder Angst hat, einen Fehler zu machen. Aber warum? Fehler machen uns menschlich und wir lernen daraus. Aber hier, ja, hier darf niemand einen Fehler machen, denn du weißt nie, wer zuschaut und was für Konsequenzen auf dich warten.

Dennoch bin ich sehr froh, dass ich sehr liebe Arbeitskollegen habe, die mich als eine der wenigen Europäerinnen sehr lieb aufnehmen. Die meisten Arbeiter hier kommen aus Indien, Libanon oder Tunesien. Auch auf den Straßen von Doha fühle ich mich sehr willkommen und herzlich aufgenommen.

Generell bin ich der Meinung, dass sich jeder ein eigenes Bild über ein Land verschaffen sollte. Oftmals werden Dinge überdramatisiert und generalisiert. Dies ist ebenso meine Meinung über Katar. Niemand sollte darüber urteilen, der das Land, die Menschen und die Kultur nicht kennengelernt hat. Natürlich ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber in welchem Land ist das schon so?

Viele tote Gastarbeiter auf WM-Baustellen

Das 2,7 Millionen Einwohner zählende Emirat Katar liegt an der Ostküste der Arabischen Halbinsel am Persischen Golf. Erdgas- und Erdölvorkommen sind die wichtigsten Erwerbsquellen. Der Staat hat weltweit das höchsten Pro-Kopf-Einkommen. Die Menschenrechtslage im Land gilt jedoch als kritisch. Vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft kamen auf den Stadionbaustellen zahlreiche Gastarbeiter ums Leben. Eine verlässliche Zahl gibt es nicht. In einem Bericht der britischen Zeitung „Guardian“ von Anfang 2021 war von mehr als 6500 toten Arbeitern aus fünf asiatischen Ländern auf den Baustellen des Emirats in den vergangenen zehn Jahren die Rede gewesen. „Amnesty International“ veröffentlichte 2021 die Zahl von 15 021 Toten und beruft sich dabei auf offizielle Zahlen aus Katar. Diese mehr als 15 000 Toten sind zwischen 2010 und 2019 sämtliche verstorbene ausländische Staatsbürger in Katar ohne Bezug auf Todesursache und Tätigkeit. Katar hatte die genannten Zahlen stets zurückgewiesen. Der Generalsekretär des WM-Organisationskomitees, Hassan al-Thawadi, sagte kürzlich im britischen Fernsehsender „Talk TV“: „Die Schätzung ist ungefähr 400. 400 bis 500, die genaue Zahl habe ich nicht. Das ist etwas, das diskutiert wird.“ (lb/dau)

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