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Auf den Spuren des Turmwächters in der Bad Wildunger Stadtkirche

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Von: Cornelia Höhne

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Über den Altstadtdächern: Bei gutem Wetter reicht der Blick bis zum Fritzlarer Dom.
Über den Altstadtdächern: Bei gutem Wetter reicht der Blick bis zum Fritzlarer Dom. © Cornelia Höhne

Über der alten Glöcknerstube in der Bad Wildunger Stadtkirche nagt der Zahn der Zeit im staubigen Gebälk. Der Kirchturm, der seit Jahrhunderten Wind und Wetter trotzt, ist ein Sanierungsfall.

Bad Wildungen – Steinerne Stufen führen vom Kirchplatz in das Gemäuer. Eng windet sich die Wendeltreppe hinauf, unterwegs geben Fensternischen in der Buntsandsteinmauer Blicke auf die Altstadt frei. Dann ist das Glockengeschoss erreicht. Schummriges Licht fällt durch Fenster aus Spitzbögen. Sechs schwere Glocken hängen im Gebälk.

Glöcknerstube: Die Bläser des Christkindwiegens haben ihren Brauch mit Zeitungsausschnitten verewigt.
Glöcknerstube: Die Bläser des Christkindwiegens haben ihren Brauch mit Zeitungsausschnitten verewigt. © Cornelia Höhne

Küster Michael Stiel, der den Aufstieg begleitet, mahnt zur Eile: Vor dem nächsten Glockenschlag muss die Treppe unter der größten Glocke passiert werden. Auf knorrigen, schmalen Eichenstufen, geht es weiter hinauf.

Alte Balken tragen Lasten: Im Glockenstuhl der Bad Wildunger Stadtkirche.
Alte Balken tragen Lasten: Im Glockenstuhl der Bad Wildunger Stadtkirche. © Cornelia Höhne

Von der Technik für Mobilfunk weiter zur alten Glöcknerstube

Unter uralten Balken der vermutlich ab 1300 errichteten Stadtkirche und dem Staub der Jahrhunderte fällt der Blick auf moderne Schaltkästen und einen Technikraum – Herzstück für Internet- und Mobilfunkverbindungen in Bad Wildungen.

Es ist wie eine Zeitreise, wenn Momente später die Tür zur Glöcknerstube knarrend aufgeht. Laut Chronik wurde die Kammer 1498 fertig gestellt. Der Turmwächter hatte direkte Sicht zur Braunauer Warte. Heutige Turmbläser des Christkindwiegens haben an der Wand neben der Feuerstelle den alten Fest-Brauch mit Zeitungsartikeln verewigt.

Die letzten Meter auf Leitern bis zur Kirchturmspitze

Vom freien Umgang auf dem Galeriegeschoss, auf dem die Posaunenbläser Heiligabend Weihnachtslieder blasen, liegt die Altstadt zu Füßen und Schloss Friedrichstein scheint zum Greifen nahe. Imposant sticht das Waisenhaus aus dem Häusermeer hervor. Bei gutem Wetter reicht der Blick bis zum Fritzlarer Dom.

Zeitreise: Auf steinernen Stufen geht es hinauf.
Zeitreise: Auf steinernen Stufen geht es hinauf. © Cornelia Höhne

Von der Galerie ist es nicht mehr weit zum höchsten Punkt der Stadtkirche. Der Aufstieg wird beschwerlicher, die letzten Meter führen über Leitern hoch hinauf ins finstere Gebälk. Im Schein der Taschenlampe lassen sich undichte Stellen im Turmdach erahnen, die kürzlich verschlossen wurden.

Schäden durch Fäulnis und konstruktive Mängel

Die Schäden an der 1811 aufgesetzten „Welschen Haube“ hatte der Küster und Hausmeister bei seinen Kontrollgängen festgestellt. Durch abgerutschte Schieferplatten drang Feuchtigkeit ein. Das beauftragte Ingenieurbüro hat festgestellt: Die tragende Holzkonstruktion des etwa 60 Meter hohen Turms ist durch Fäulnis und konstruktive Mängel stark geschädigt. Zum Schutz wurden außen Netze und Planen angebracht. Das allein reicht aber nicht, um ihn langfristig zu sichern.

Laut Architekt Albrecht ist die mangelnde Stabilität des Turms in den mehrfachen baulichen Veränderungen begründet, sagt Pfarrerin Andrea Hose-Opfer. „Die gute Nachricht: Der Turm hat gehalten und ist ja, Gott sei Dank, auch nicht einsturzgefährdet.“

Sanierung des Kirchturms mit 2,5 Millionen Euro veranschlagt

In der Turmspitze: Undichte Stellen wurden notdürftig verschlossen, um den Kirchturm bis zur Sanierung vor Feuchtigkeit zu schützen.
In der Turmspitze: Undichte Stellen wurden notdürftig verschlossen, um den Kirchturm bis zur Sanierung vor Feuchtigkeit zu schützen. © Cornelia Höhne

Aber die starken Winde am höchsten Punkt der Altstadt setzen dem Wildunger Wahrzeichen zu. Seine Sanierung ist mit 2,5 Millionen Euro veranschlagt. In einem ersten Bauabschnitt soll der untere Turmbereich so stabilisiert werden, dass der obere Turmhelm einen tragfähigen Unterbau erhält. Danach können die oberen Bereiche instand gesetzt werden. Der erste Bauabschnitt ist in 2023 angepeilt und zieht sich über sechs Monate hin, der zweite, zehn Monate umfassende Abschnitt, schließt sich in 2024 an.

Förderkreis meldet zum Jahresende: Erstes Etappenziel erreicht

Erst rund drei Monate ist es her, dass der „Förderkreis Sanierung des Turms der Stadtkirche“ seine Aktivitäten startete. Ziel ist es, 250 000 Euro als Eigenanteil zu den Kosten in Höhe von 2,5 Millionen Euro beizusteuern. Zum Jahresende vermeldet Vorsitzender Dr. Albrecht Lückhoff ein überaus erfreuliches Ergebnis.

„Wir hatten uns das durchaus ehrgeizige Ziel gesetzt, im laufenden Jahr erst einmal 60 000 Euro einzusammeln. Tatsächlich haben wir aber jetzt schon die Marke von 100 000 Euro überschritten“ freut sich der Vorsitzende. „Viele Bürgerinnen und Bürger der Stadt haben sich mit großen und kleinen Spenden beteiligt, weil sie ein Wahrzeichen erhalten sehen möchten. Allen gilt unser Dank.“ Gleichzeitig ermutige diese Bereitschaft die Mitglieder des Förderkreises zu weiterem Engagement, „denn noch haben wir das Endziel ja nicht erreicht“.

Spendenkonto zur Rettung des Turms eingerichtet

Viele Spenden wurden direkt eingeworben. Hinzu kamen Erlöse aus dem Verkauf von ganz verschiedenen Dingen, die insbesondere während der Krippenausstellung angeboten wurden.

Der Turm der Stadtkirche prägt das Erscheinungsbild der Altstadt. Ihn zu erhalten, ist daher für Bad Wildungen von zentraler Bedeutung und nicht nur eine kirchliche Angelegenheit, sagt Lückhoff. Signale aus dem Rathaus lassen hoffen, dass über Förderprogramme ein bedeutender Zuschuss erwartet werden kann. Mit hohem Tempo wurden Spendengelder eingeworben, die man noch vor kurzem für nicht realisierbar gehalten hätte. Lückhoff: „Nun gilt es, auch im nächsten Jahr nicht nachzulassen.“

Wer zur Rettung des Turms beitragen möchte, kann gegen Spendenquittung auf folgendes Konto einzahlen: Empfänger: Kirchenkreisamt; Stichwort: Förderkreis Sanierung Kirchturm Bad Wildungen. IBAN: DE51 5236 0059 0000 0340 96. (Cornelia Höhne)

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