Menschen aus der Anonymität holen

Ausstellung „Blickwechsel“ in Bad Wildungen: Autoren schreiben aus Sicht jüdischer Bürger

Tanzpräsentation, unterlegt mit Zitaten: Die Tanzgruppe des Kirchenkreises Twiste-Eisenberg umrahmte die Ausstellungseröffnung in der Wandelhalle.
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Tanzpräsentation, unterlegt mit Zitaten: Die Tanzgruppe des Kirchenkreises Twiste-Eisenberg umrahmte die Ausstellungseröffnung in der Wandelhalle.

Die Ausstellung „Blickwechsel“ in der Bad Wildunger Wandelhalle erinnert an das Schicksal ehemaliger jüdischer Bürger aus ungewöhnlicher Perspektive. 25 Autoren versuchen mit Texten zu ausgewählten Bildern, die Menschen „zum Sprechen“ zu bringen.

  • Die Ausstellung „Blickwechsel“ in der Bad Wildunger Wandelhalle erinnert mit Texten und markanten Fotos an das Schicksal jüdischer Bürger.
  • 25 Autoren versetzten sich in das Leben ehemaliger Wildunger jüdischen Glaubens und schrieben Texte, Gedichte und Briefe mit einer Mischung aus Fiktion und Wahrheit.
  • Der Lehrer Johannes Grötecke und die Grafikerin Miriam Grabowski haben die Ausstellung initiiert.

Bad Wildungen - Es gibt viele Bilder zu sehen und Texte dazu, Fakten und Fiktionen zu jüdischen Menschen, die einst in Bad Wildungen lebten. Die Fotografien aus den vergangenen 100 Jahren zeigen den Alltag von Juden in der Kurstadt Bad Wildungen, aber auch Verfolgungen in der NS-Zeit, Überleben und Neuanfang nach dem Krieg.

Fiktive Briefe, Einkaufsquittung, Tagebuchaufzeichnungen

Die Texte wurden von Menschen aus Deutschland, Israel und den USA geschrieben, von ehemaligen jüdischen Einwohnern, ihren Kindern, Journalisten, Museums- und Gedenkstättenmitarbeitern, Künstlern, Historikern und Zeitzeugen. Sie alle haben versucht, sich in die Fotos hineinzuversetzen, haben Rollen und Perspektiven gewechselt und viel Kreatives zu Papier gebracht.

Gespräche mit Autoren: An den Stelen inspirierten Texte und Fotos zu einem regen Austausch.

Herausgekommen sind vielfältige Texte, eine Mischung zwischen Fiktion und Wahrheit: Biografisches, fiktive Briefe, ein Lied, ein Gedicht, eine Einkaufsquittung, Tagebuchaufzeichnungen, ein fiktives Telefongespräch.

Einfühlsame Worte an ein Kind

Liebe, einfühlsame Worte an ein Kind oder auch anklagende gegen die Mächtigen eines Landes, die die Juden als Rasse verachteten, demütigten und ermordeten. Vieles geschah unter den Augen der Öffentlichkeit, mitten in der Kurstadt und viele haben weggeschaut. Nachbarn redeten nicht mehr miteinander, Geschäfte wurden boykottiert. „Wohin sollen wir gehen, wir sind doch Deutsche“, wird Leopold Oppenheimer in einem Text zitiert.

„Nichts wie weg“, hieß die Devise für viele. Erinnerungen an die Großeltern, Geschichten von Flucht und Vertreibung, häufig von den Nachkommen erzählt, kommen dazu.

Tanz, unterlegt mit Zitaten aus den Texten

Die Eröffnung der Ausstellung am Sonntag wurde in verschiedene Länder live gestreamt. Die Tanzgruppe des Kirchenkreises Twiste-Eisenberg präsentierte einen beeindruckenden Tanz, der mit Zitaten aus den Texten der Ausstellung angereichert war und erhielt dafür viel Applaus.

Bei der Eröffnung: Bürgermeister Ralf Gutheil, Museumsleiter Bernhard Weller und die Ausstellungsmacher: Johannes Grötecke und Miriam Grabowski.

Bürgermeister Ralf Gutheil dankte den Initiatoren für diese „besondere Ausstellung“. Bernhard Weller, Leiter der Städtischen Museen, hat das Projekt und den Katalog maßgeblich begleitet und plant schon das nächste in Zusammenarbeit mit dem hessischen Museumsverein: „Wir versuchen neue Formen des kreativen Herangehens“.

Menschen aus der Anonymität holen und ihnen ein Gesicht geben

Johannes Grötecke und Miriam Grabowski hatten die Idee zu der Ausstellung und haben inhaltliche, grafische und organisatorische Impulse gesetzt. 16 Monate dauerte es bis zur Fertigstellung. Und sie präsentieren eine beeindruckende Ausstellung, für deren Besuch man etwas Zeit benötigt, die es aber hinbekommt, „Menschen aus der Anonymität zu holen und ein Gesicht zu geben.“

Grußworte sprach auch Karen Franklin (USA), Repräsentantin der Obermayer-Foundation. Die Stiftung ehrt deutsche Bürger für besondere Beiträge zum Erhalt der jüdischen Geschichte und Kultur. 

Die Ausstellung „Blickwechsel“ ist noch bis zum 15. Dezember in der Wandelhalle täglich von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Die Abstands- und Hygieneregeln sind einzuhalten. (Von Hans-Peter Osterhold)

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