Verhandlung klärt nicht, wer warf

Bad Wildungen: Prozess um Körperverletzung mit geworfenem Tisch im Nachbarschaftsstreit

Amtsgericht Fritzlar
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Eine milde Strafe sprang heraus, weil nach Einschätzung des Gerichts Aussage gegen Aussage stand.

Am Ende stand Aussage gegen Aussage in einem Prozess um gefährliche Körperverletzung vorm Amtsgericht Fritzlar: Folge einer handgreiflichen Auseinandersetzung zweier Wildunger Nachbarn.

  • Ein 61-jähriger Wildunger ist vom Amtsgericht Fritzlar wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 150 Euro verurteilt worden.
  • Das Gericht folgte der Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung und dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf sechs Monate Haftstrafe zur Bewährung nicht, weil bei der Frage der Gefährlichkeit Aussage gegen Aussage stand.
  • Der Prozess konnte nicht klären, ob der Angeklagte oder sein Nachbar im Streit der beiden einen Tisch als „gefährliches Werkzeug“ zur Hand nahm, um diesen nach dem anderen werfen.

Bad Wildungen/Fritzlar – Einig waren sich der 61-Jährige auf der Anklagebank und der 39 Jahre alte, vermeintlich Geschädigte im Zeugenstand in einem Punkt: Das Mehrfamilienhaus in einem Dorf von Bad Wildungen, in dem sie lebten, sei „sehr hellhörig“. Inzwischen sind beide innerhalb der Stadt Bad Wildungen umgezogen. Vor der Eskalation am 5. August war das Duo mehrfach aneinander geraten, fast immer wegen des Themas „Lärm“. Der Angeklagte fühlte sich terrorisiert, etwa, wenn der jüngere Nachbar in der Frühe zwischen 3 und 5 Uhr von einem nächtlichen Nebenjob nicht leise genug nach Hause kam und bass-betonte Musik einschaltete.

Sein Kontrahent nahm solche Ereignisse anders wahr: „Ich war sehr in meinem Leben eingeschränkt, schaffte mir Gummilatschen für die Wohnung an, damit ich beim Gehen nicht zu laut bin.“ Mit dem Angeklagten könne man nicht in Ruhe reden, denn er werde sofort laut und aggressiv.Der 39-Jährige gab auf Nachfrage des Angeklagten allerdings zu, dass er nach einem nächtlichen Streit und Türenknallen durch den Älteren selbst einmal gesagt habe: „Ich kann dir auch in die Fresse schlagen!“

Zeuge outet sich als vorbestraft wegen Körperverletzung

Tatsächlich versuche er aber, jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen, versicherte der Zeuge: „Denn ich bin wegen Körperverletzung vorbestraft und habe deswegen gesessen. Das will ich nicht noch einmal.“ Dann kam der Morgen des 5. August 2020, den der Angeklagte so erinnert: Gegen 10 Uhr habe er vorm Haus in dem Stadtteil von Bad Wildungen den Nachbarn angeschnauzt, wieder einmal wegen Lärmbelästigung kurz zuvor. Der Jüngere, zwei volle gelbe Säcke in Händen, habe ihn geschubst.

„Ich stolperte, fiel aufs Knie und riss ihn mit“, schilderte der Mann aus Bad Wildungen auf der Anklagebank. Im Verlauf der folgenden Rangelei hätten sie sich einem kleinen Metalltisch an der Hauswand genähert. Der Zeuge habe mit beiden Händen unter den Tisch geschlagen, „so dass der in meine Richtung flog. Ich wehrte den Tisch mit einem Tritt ab“, erklärte der Angeklagte. Der Tisch habe dabei wohl den Widersacher getroffen.

Zeuge: Plötzlich Faustschlag ins Gesicht

Dieser erlebte den Kampf völlig anders: „Ich kam aus der Haustür, da ging er schreiend auf mich los und schlug mir mit der Faust ins Gesicht. Dann nahm er den Tisch, warf ihn nach mir und traf meine Beine.“ Er selbst habe die ganze Zeit nur versucht, den wütenden Nachbarn wegzudrücken und dabei die gelben Säcke irgendwann losgelassen, betonte der Zeuge, der ebenfalls in Bad Wildungen lebt.

Erst fürs weitere Geschehen deckten sich die Aussagen der zwei weitgehend. In ein Wortgefecht verwickelt, gingen sie zu ihren Autos auf dem nahen Parkplatz, wo der Angeklagte den 39-Jährigen gegen dessen Wagen schubste und dann wegfuhr. Der Jüngere rief die Polizei.

Tränen vor der Polizei

Der eine der beiden Beamten der Polizeistation Bad Wildungen schilderte vor Gericht das Verhalten des 39-Jährigen, als die Streife am Haus eintraf: „Der Zeuge war sehr aufgewühlt, und Tränen flossen.“ Die Staatsanwaltschaft hielt die Schilderung des jüngeren Nachbarn für glaubhaft. Sie blieb nach der Beweisaufnahme beim Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung mit dem geworfenen Tisch als „Werkzeug“. Die Anklagevertreterin plädierte auf die Mindeststrafe von sechs Monaten Haft, beantragte das Aussetzen zur Bewährung für drei Jahre plus 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Der Angeklagte – ohne Rechtsbeistand erschienen – beteuerte seine Unschuld. Richterin Eichler folgte ihm, „denn Ihre Schilderung ist nicht weniger glaubhaft als die des Zeugen.“ Gleichwohl verurteilte sie den 61-Jährigen wegen Körperverletzung zu 150 Euro Geldstrafe: „Wegen des Schubsens auf dem Parkplatz, das Sie selbst geschildert haben.“

Dem Gericht lagen Fotos vor. Diese belegten kleinere Prellungen und Schürfwunden als Folgen der Auseinandersetzung – bei beiden Männern. Auch das ein Grund für das milde Urteil, gegen das der Angeklagte aus Bad Wildungen dennoch Berufung vor der nächsten Instanz ankündigte: „Sonst gilt das ja wieder als Vorstrafe.“ Auch die Staatsanwaltschaft werde wohl angesichts ihres Antrags auf Haftstrafe in Berufung gehen, vermutete Richterin Eichler, ohne dass die Staatsanwältin selbst sich äußerte.

Auch Angeklagter wegen Körperverletzung vorbestraft

Auch der Angeklagte hat eine Vorstrafe auf dem Konto: wegen Widerstands gegen Polizisten und fahrlässiger Körperverletzung vom Oktober 2019 – allerdings per „Strafbefehl“ durch die Staatsanwaltschaft, mithin also ohne Gerichtsverhandlung.
Den Prozess hätte es gegeben, hätte er gegen den Strafbefehl offiziell Widerspruch eingelegt. „Das konnte ich wegen einer Erkrankung aber nicht“, erklärte der 61-jährige, gebürtige Südhesse im aktuellen Verfahren dem Gericht. Hintergrund der Vorstrafe laut seiner Schilderung: Der Mann kam in eigener Sache in die Polizeistation Bad Wildungen. Die aus seiner Sicht ungebührliche, respektlose Bemerkung eines jungen Beamten dazu habe er mit dem Schlag der flachen Hand auf den Tresen und einem lautstarken Protest quittiert: „Plötzlich hingen die alle an mir. Dabei habe ich nichts getan.“

Ein Polizist, der zum Geschehen eilte, sei über einen Stuhl gestolpert, habe sich das Knie angeschlagen, „und daran soll ich Schuld gewesen sein: deswegen fahrlässige Körperverletzung.“ Kurioser Zufall: Der 2019 verletzte Polizist trat im aktuellen Prozess gegen den 61-jährigen Wahl-Wildunger als Zeuge auf. Als Mitglied der Streife, die zu dem Nachbarschaftsstreit im August 2020 gerufen wurde. Auch mit seinem neuen Nachbarn gebe es Streit, räumte der Angeklagte ein. Verantwortlich dafür sei seine Ex-Freundin, die seit der Trennung vor sieben Jahren üble Nachrede gegen ihn führe. (Matthias Schuldt)

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