Forschungsergebnisse der Soziologie als Thema

Bestattertag in Bad Wildungen: Die Kultur des Trauerns wandelt sich sehr

Es wird einsam auf den Friedhöfen um die traditionelle Erdbestattung.
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Es wird einsam auf den Friedhöfen um die traditionelle Erdbestattung.

Zusehends macht sich Unruhe breit rund um die letzten Ruhestätten. Denn der große, sich beschleunigende Wandel der modernen Gesellschaft erfasst spürbar die Bestattungskultur in Deutschland.

Bad Wildungen – Sie splittet sich auf in viele Arten und Weisen, mit Tod und Trauer umzugehen. Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen und welche Konsequenzen treten bereits auf? Mit diesem facettenreichen Thema beschäftigte sich der Deutsche Bestattertag an der Holzfachschule. Gastreferenten: Dr. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler, die als Soziologen an der Universität Passau unter anderem zum Wandel der Bestattungs- und Friedhofskultur forschen.

Die von ihnen untersuchten Veränderungen schlagen sich mittlerweile auch in ländlichen Regionen wie Waldeck-Frankenberg nieder. Die Zahl der Urnengräber wächst, Erdbestattungen werden zur Ausnahme, anonyme Bestattungen kommen vermehrt auf, der Platzbedarf der Friedhöfe schrumpft. Kommunen weisen Friedwälder aus. Die Stadt Waldeck will verstärkt islamische und andere nicht-christliche Bestattungsriten auf ihren Friedhöfen ermöglichen.

Friedhofspflicht wird zunehmend angezweifelt

All das ist erst ein Anfang. So wird die Friedhofspflicht in Deutschland von Hinterbliebenen angezweifelt. Warum darf ich die Urne mit der Asche meiner Mutter nicht zu Hause aufbewahren oder in die Erde ihres geliebten Gartens hinunter lassen?

Sich solchen Ansprüchen und veränderten Haltungen in der Gesellschaft auf Dauer zu entziehen, „wird nicht funktionieren. Weder für die Fachbranche – das Bestattungshandwerk – noch für die Kirchen oder den Staat auf seinen verschiedenen Ebenen“, ist der Soziologe Thorsten Benkel überzeugt. Es gelte, sich darauf einzustellen: „Eine Friedhofsordnung, die alle glücklich macht, gibt es nicht.“

Größere Vielfalt in der Gesellschaft spiegelt sich in Vielfalt von Trauer und Bestattung

Die Forscher suchen den Kontakt zu Praktikern, um ihnen Ergebnisse zu präsentieren und zu erfahren, wo sie der Schuh drückt. „Wir verfolgen dabei keine eigenen ideologischen Interessen, sondern sammeln wissenschaftlich Daten, die wir auswerten“, erklärt Meitzler.

Die Pluralisierung der Gesellschaft – also das Entwickeln einer großen Vielfalt an Haltungen, Lebensentwürfen und Kulturen –- führt dazu, „dass nicht mehr verbindlich ist, was Trauern, Bestatten und Erinnern bedeutet“, sagt Meitzler. Die früher allen vertrauten Rituale, wie das Tragen bestimmter Kleidung innerhalb des „Trauerjahres“, stellten nur noch eine Möglichkeit unter vielen dar. Überliefertes Verhalten werde seines Sinns entleert. Übrig bleibt, „dass man das halt so macht“, sagt Meitzler.

Digitialisierung treibt Wandel der Trauerkultur unermüdlich voran

Die Digitalisierung treibe den Prozess unermüdlich voran. „Der Friedhof verliert seine Rolle als klassischer Trauerort“, erklärt Thorsten Benkel. Angehörige und Freunde tragen Gedenken und Erinnerung ins Netz. Virtuelle Gräber kommen auf, Videos und Fotos der Toten finden sich auf Social Media. Die Aufwertung der Trauer um und die Erinnerung an Haustiere sei eine weitere Erscheinung, die an Bedeutung gewinne.

Von weiterentwickelter „Künstlicher Intelligenz“ erhoffen sich manche gar für die Zukunft die Unsterblichkeit in der digitalen Welt. Indem Algorithmen die Profile und Konten von Verstorbenen auf den sozialen Netzwerken weiterführen, als seien die Personen dahinter noch am Leben.

Versuch, Bestattungskultur in bestimmte Richtung zurück zu bewegen, muss scheitern

„Der Versuch, die Bestattungskultur zurück in eine bestimmte Richtung zu bewegen, muss scheitern“, meint Matthias Meitzler angesichts der Herausforderungen an alle Beteiligten. Sowohl im Bestattungshandwerk als auch auf staatlicher oder kirchlicher Ebene beobachten die Wissenschaftler unterschiedliche Reaktionen. Diese schwanken zwischen großer Flexibilität und dem Pochen auf Tradition, ohne dass sich feste Muster erkennen lassen. Zwar schreitet die Entwicklung in Ballungsräumen grundsätzlich schneller voran als auf dem Land, aber beide Formen der Reaktion fänden sich über ganz Deutschland verteilt, sagen die Wissenschaftler.

Wer zurückhaltender mit dem Wandel umgehe, den treibe zumeist die Sorge, dass die Friedhöfe verschwinden könnten. Diese Befürchtung halten die Forscher jedoch für unbegründet. „Das zeigt sich beim Blick ins Ausland“, sagt Thorsten Benkel. Im Gegenteil: Flexiblere Bestattungs-, Trauer- und Erinnerungsformen machten Friedhöfe wieder attraktiver für Hinterbliebene und für Menschen, die Vorsorge für ihren eigenen Tod treffen.

Bestatter: Friedhofspflicht erhalten

„Digitalisierung ist einer von zwei Megatrends für das Bestattungshandwerk, vor allem bei der Auftragsbearbeitung“, meint Hermann Hubing, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Bestattungskultur an der Holzfachschule. Der zweite Megatrend betreffe die Nachhaltigkeit: „Früher zerfielen etwa Urnen in der Erde nicht. Heute steigen die Anforderungen an biologische Abbaubarkeit.“

Trotz solcher Trends ändere sich eins aber nicht: Bestatterinnen und Bestatter seien gefordert in der persönlichen Beratung und Trauerbegleitung von Mensch zu Mensch. Eine Abkehr von der Friedhofspflicht für Urnen lehne das Handwerk ab: „In Bremen dürfen sie zwar eine Urne im Garten bestatten, müssen diesen aber dafür zum Friedhof umwidmen.“ Streit unter Hinterbliebenen werfe die Frage auf, wer denn Anspruch auf die Urne erheben dürfe – nicht nur in Patchwork-Familien. „Menschen brauchen einen festen Ort zum Trauern“, sieht sich Hubing hier auf einer Linie auch mit den Kirchen. Ungewöhnliche Wünsche äußere nach wie vor eine eher kleine Minderheit. (Matthias Schuldt)

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