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Ein verräterisches graues Haar: Wildkatzenforschung im Nationalpark Kellerwald-Edersee

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Von: Matthias Schuldt

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Eine Wildkatze hat ein Haar an einem der Lockstöcke im Nationalpark Kellerwald-Edersee verloren. Torsten Daume hat es sofort entdeckt. Zur DNA-Analyse wird er es ans Senckenberg-Institut für Wildtiergenetik nach Frankfurt schicken, dem die Federführung bei der Langzeitforschung zu Wildkatzen im Nationalpark obliegt.
Eine Wildkatze hat ein Haar an einem der Lockstöcke im Nationalpark Kellerwald-Edersee verloren. Torsten Daume hat es sofort entdeckt. Zur DNA-Analyse wird er es ans Senckenberg-Institut für Wildtiergenetik nach Frankfurt schicken, dem die Federführung bei der Langzeitforschung zu Wildkatzen im Nationalpark obliegt. © Matthias Schuldt

Die WLZ startet eine neue Beitragsreihe. Die Serie widmet sich der Wissenschaft im Nationalpark Kellerwald-Edersee: ihren Themen, ihren Forscherinnen und Forschern, ihren Ergebnissen.

Edersee – Ein graues Haar. Der Laie übersieht´s, doch Ranger Torsten Daume entdeckt es beim ersten Blick auf die kurze Holzlatte, die im Waldboden steckt und es eingefangen hat. Wieder geht ein Jahr für den hauptamtlichen Wildkatzen-Beobachter des Nationalparks. Die Saison, in der Daume „Lockstöcke“ aufstellt, so Katzenhaarproben sammelt und zur DNA-Analyse ins Labor schickt, beginnt im Dezember und endet im März/April.

Behutsam zieht der Ranger das unten angespitzte Holz aus der Erde, nimmt das Haar mit einer Pinzette behutsam ab und bugsiert es in ein Tütchen. Mit einem Messer schlägt er Kerben in einen neuen, vorbereiteten, nummerierten Lockstock. „Er muss aufgeraut sein, damit die Tiere Haare verlieren, wenn sie sich reiben“, erklärt er. Idealerweise bleiben lange Grannenhaare mitsamt Wurzel zurück, an denen zusätzlich Hautschuppen haften. Diese Kombination erleichtert die DNA-Auswertung.

Der Duft, dem die Wildkatzen nicht widerstehen können

Warum aber reiben sich die Katzen ausgerechnet an diesem menschengemachten Stock, wo der Wald doch von Bäumen und Sträuchern wimmelt? Daume holt eine Sprühflasche aus seinem Rucksack hervor. Daraus gibt er einen kräftigen Nebelstoß aufs Holz ab. „Baldrian“, sagt er. Der intensive Geruch des Krauts zieht Wildkatzen magisch an, „weil er den Sexuallockstoffen der Tiere sehr ähnelt“, erklärt Daume. Ein letztes Mal für diese Saison schlägt er mit einem Hammer den Stock an den vorbestimmten Platz im Waldgrund.

Nachbars Hauskatze hat er einmal eine Baldrian-Kostprobe auf einem Pflasterstein serviert. „Dass sie den Stein nicht herausgekratzt hat, war alles“, erzählt er schmunzelnd. Auch Marder, Fuchs und Waschbär springen auf Baldrian an. Daume hat aber sein Auge mittlerweile so geschult, dass er Fremdhaare rasch aussortiert.

Manchmal lohnt sich Naturschutz sehr rasch

70 Lockstöcke stehen in einem regelmäßigen Raster über den Nationalpark verteilt. „Rund 150 Proben sammle ich davon im Winterhalbjahr ab“, berichtet Daume. 2007 startete dieses Wildkatzenprojekt im Nationalpark unter Federführung des Senckenberg-Instituts für Wildtiergenetik. Torsten Daume war vom Fleck weg an dieser Langzeitforschung beteiligt.

Der Ranger hat den Moment im Gedächtnis behalten, als eine Fotofalle 2007 zum ersten Mal eine Wildkatze einfing. „Geil, dachte ich“, erinnert er sich: „Naturschutz lohnt sich.“ Manchmal zahlt sich Naturschutz sogar in kaum glaublicher Geschwindigkeit aus.

Im Spitzenjahr 2018 lebten 43 Wildkatzen im Nationalpark Kellerwald-Edersee

Im ersten Jahr wies das Institut drei Wildkatzen im Nationalpark Kellerwald-Edersee nach. „2009 waren es schon sieben“, berichtet Daume. Binnen weniger Jahre hat sich der Durchschnitt der per Gen-Analyse identifizierten Tiere auf 30 bis 40 per anno eingependelt – binnen nur 15 Jahren. Im bisherigen Spitzenjahr 2018 waren es 43.

Torsten Daume genießt den neuen Schwerpunkt seines Berufs. Seit 1986 ist der heute 50-Jährige gelernte Forstwirt in diesem Wald eingesetzt. Er kennt ihn wie seine Westentasche. Seit Gründung des Nationalparks haben sich Torsten Daume und seine Arbeit gemeinsam mit dem Gebiet verändert.

Das Paradies für Wildkatzen

Zwar beschneidet oder fällt der Ranger auch heute noch Bäume zwecks Verkehrssicherung oder zur Pflege spezieller Lebensräume wie der Wiesentäler oder der Quernst. Seinen Alltag aber bestimmt der Prozessschutz – das Natur Natur sein lassen – und nimmt besonders die Wildkatze ein. „Es macht einfach Spaß, auch persönlich mehr und mehr Wissen über sie zu sammeln“, meint er. Ein bis zwei Mal pro Jahr erhascht der Ranger, wenn ihm das Glück hold ist, einen persönlichen Blick auf die scheuen Tiere. „Vorwiegend morgens früh oder wenn ich auf die Jagd gehe und vorwiegend in der Zeit, wenn die Jungen großgezogen werden“, erzählt Daume.

Sie kann man im Naturpark Knüll entdecken: Viel Glück und Geduld braucht man, wenn einem eine Wildkatze vor die Linse laufen soll.
In kurzer Zeit und großer Zahl hat die Wildkatze den Nationalpark Kellerwald-Edersee nach dessen Gründung besiedelt. ©  1 dpa/1Katrin Anders

Ausgestattet mit den Erfahrungen aus 15 Jahren wundert es den kundigen Ranger nicht, dass die Wildkatze so rasch und in großer Zahl den werdenden Urwald wiederbesiedelt hat. Sie fühlt sich pudelwohl, weil sie die Wiesentäler liebt, die Altbuchenbestände und Wälder, die sich selbst überlassen bleiben. Mäuse als Hauptbeute der Wildkatze finden hier reichlich Nahrung.

Kleine Wildkätzchen im Nationalpark Kellerwald-Edersee immer sich selbst überlassen

Kein Motorenlärm von Sägen oder Holzerntemaschinen verscheucht die vorsichtigen Schleichjäger. Umgestürzte Bäume bleiben liegen. An deren Wurzeltellern ziehen die Katzen ihre Jungen auf, denn anders als etwa Fuchs oder Dachs bewohnen sie keine Baue.

„Das ist auch der Grund dafür, weshalb man manchmal miauende Kätzchen allein im Wald entdeckt. Meine große Bitte an alle Besucherinnen und Besucher: Lassen Sie die Jungtiere, wo sie sind. Die Mutter hält sich nicht weit entfernt von ihrem Nachwuchs auf und geht für die Kleinen auf die Jagd“, sagt der Wildkatzen-Ranger aus dem Nationalpark Kellerwald-Edersee.

Ältere Männchen der Wildkatze tragen das höchste Risiko vertrieben zu werden

Fünf bis sechs Wildkatzen richten sich auf zehn Quadratkilometern ein, bestätigt die bisherige Forschung im Nationalpark Kellerwald-Edersee. 2019 etwa identifizierte man 10 Katzen und 21 Kuder. Wie beim Luchs werden die Männchen so bezeichnet. Reviere überschneiden sich und werden verteidigt. Ältere Kuder tragen das höchste Risiko, bei solchen Kämpfen von jüngeren Rivalen vertrieben zu werden.

Schwankungen im Gesamtbestand haben viele Ursachen. Beschert eine Buchenmast den Beutetieren im einen Jahr großen Fortpflanzungserfolg, steigt auch die Zahl der Wildkatzen. Im nächsten Jahr grassiert vielleicht unter Waschbären die Staupe und erfasst auch die Katzen.

Wildkatzen im Nationalpark Kellerwald-Edersee sind im Schnitt etwa zehn Jahre alt

Gen-Analysen liefern eine Vielzahl weiterer Informationen. „Die Wildkatzen sind im Durchschnitt neun bis zehn Jahre alt, die Kuder zehn bis elf Jahre“, berichtet Torsten Daume. Interessant: Die meisten Tiere halten sich nur ein oder zwei Jahre im Gebiet auf. Entweder kommen sie zu Tode oder sie wandern wieder ab. Im Bestand zeigt sich also viel Bewegung.

Eine sinnvolle Dynamik, denn um die Population gesund und widerstandsfähig zu erhalten, bedarf es einer regelmäßigen Auffrischung der Gene als Gegenteil zur Inzucht. Regelmäßig wechseln Wildkatzen aus dem Rothaargebirge oder dem Habichtswald in den Nationalpark, belegen die DNA-Untersuchungen.

Die größte Gefahr für Wildkatzen geht vom Verkehr aus

Voraussetzung für einen erfolgreichen Austausch sind Wanderkorridore, die im Zuge von Wildkatzenprojekten gezielt zwischen Verbreitungsgebieten erschlossen werden. Eine wichtige Rolle spielen abwechslungsreich bewachsene Waldränder von rund 25 Metern Breite, die den Tieren auf ihren Wanderungen Deckung bieten.

Wie für viele Wildtiere, geht die größte Gefahr für die Katzen auf ihren Streifzügen vom Autoverkehr aus. Für den Nationalpark sind 24 überfahrene Wildkatzen nachgewiesen seit dem Start des „Monitorings“, der wissenschaftlichen Datenerhebungen – „bei vermutlich einer hohen Dunkelziffer“, fürchtet Daume. Mancher Autofahrer lasse vielleicht ein Tier illegal ausstopfen. Meistens entdeckten aber wohl Aasfresser den Kadaver und ließen ihn verschwinden, bevor er in die Statistik einfließen könne. Entlang der Straße durchs Wesetal werben große Schilder bei den Verkehrsteilnehmern für langsames Fahren und Aufmerksamkeit gegenüber dem geschützten Tier.

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