Zunehmend ein Problem in Kindertagesstätten

Fachtagung in Bad Wildungen zu sexuellen Übergriffen unter Kindern

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Um sexuelle Übergriffe unter Kindern drehte sich ein Fachtag für 95 Kindertagesstätten. Im Bild Referentin Ulli Freund mit Olla Steiger, Alexandra Martinez und Beate Hecker (von links) von der Beratungsstelle Lautstark in der Wildunger Wandelhalle.

Bad Wildungen. Was tun, wenn Kinder bei „Doktorspielen“ Grenzen überschreiten? Darum ging es bei einer Tagung für Leitungsteams von 95 Kindertagesstätten des Landkreises in der Wildunger Wandelhalle.

„Sexuelle Übergriffe unter Kindern werden in pädagogischen Fachkreisen zunehmend als Problem wahrgenommen“, sagt Alexandra Martinez von der Beratungsstelle „Lautstark“. Die Anlaufstelle bei sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Waldeck-Frankenberg richtete die Fachtagung aus. „Kinder-Sexualität ist anders als das, was sich die Erwachsenen darunter vorstellen“, erläuterte Referentin Ulli Freund, deswegen herrsche schnell Alarmstimmung. „Sexualität gehört jedoch zur kindlichen Entwicklung.“ 

Aber wie weit geht kindliche Neugier, und wo weicht ein Verhalten von der „normalen Sexualität“ ab? Darüber herrsche oft Unsicherheit bei Eltern und Erziehern. In den pädagogischen Ausbildungsgängen sei das Thema noch gar nicht berücksichtigt. In Referat und Workshops wurden Informationen zu Prävention und Schutzkonzepten vertieft, aber auch Tipps zum richtigen Handeln bei auffälligem Verhalten diskutiert. 

Einen Workshop leitete Andrea Noon von der Beratungsstelle in Korbach. Grundlage für den Austausch war das aktuelle Buch von Ulli Freund mit dem Titel „Sexuelle Übergriffe unter Kindern“. Die werden beispielsweise dort beobachtet, wo ältere Kinder ihre Stärke ausnützen und Jüngere zu einem bestimmten Verhalten nötigen. „Sehr häufig werden Außenseiter beim Spielen aufgefordert, sich auszuziehen, und dürfen danach erst mitmachen,“ schildert Freund eine Szene aus dem Alltag von Kindertagesstätten. Andere Kinder wollen unbedingt mit zur Toilette gehen oder Spielkameraden nackt anschauen und anfassen. „Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, wenn sich die Kinder einig sind – aber auch da sind bestimmte Dinge tabu.“ 

Immer wieder erzählen auch Kinder zu Hause von Erlebnissen in der Kita. „Wichtig ist, dass sie das Thema offen ansprechen dürfen“, stellt „Lautstark“-Mitarbeiterin Olla Steiger klar. Begleitung und Orientierung bei der sexuellen Entwicklung seien nötig und Menschen, die mit den Mädchen und Jungen darüber reden. „Es ist kein Petzen, wenn man sich den Eltern oder den Erziehern anvertraut,“ unterstreicht Freund. 

Die Fachtagung soll die Leiter und Leiterinnen der Kindertagesstätten für das Thema sensibilisieren und zu mehr Aufmerksamkeit anregen. Wenn am Ende herauskommt, dass bei „Doktorspielen“ Grenzen überschritten wurden, rät Freund zum maßvollen Umgang miteinander. „Bei Übergriffen unter Kindern gibt es weder Opfer noch Täter und es ist auch kein Missbrauch.“

Kontakt zur Beratungsstelle „Lautstark“: Bad Wildungen, Brunnenstraße 53, Tel. 05621/965758; Korbach, Entengasse 1, Tel. 05631/ 5049130. E-Mail: beratungsstelle-lautstark@t-online.de. Internetadresse: www.beratungsstelle-lautstark.de.

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