Fincallorca-Chef Ralf zur Linde fand Insel erst scheußlich

Gefährdetes Paradies: Bad Wildunger ist Finca-König von Mallorca

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Spieleerfinder und Finca-Vermieter: Der gebürtige Bad Wildunger Ralf zur Linde lebt auf Mallorca.

Reich und bekannt wurde Ralf zur Linde als Spieleerfinder. Heute vermietet der Bad Wildunger Fincas auf Mallorca und hofft, dass die neuen Regeln für den Massentourismus das bedrohte Paradies retten.

Als Ralf zur Linde das erste Mal auf Mallorca war, wollte er sofort wieder weg. 2003 machte der gebürtige Bad Wildunger mit Kumpels am Ballermann Urlaub und fand den lauten Party-Ort scheußlich, wie er sagt. Heute lebt der 48-Jährige auf der Baleareninsel, zudem ist er so etwas wie der Finca-König von Mallorca. Seine Firma Fincallorca ist selbst ernannter Marktführer bei der Vermietung von bäuerlichen Ferienhäusern. Vor Kurzem ist zur Linde mit seiner Frau und seinem Sohn (1) aus seiner bisherigen Wahlheimat Bielefeld komplett auf die Insel gezogen, die vom Tourismus lebt und bedroht wird wie noch nie. Die Geschichte des schillernden Nordhessen, der eigentlich Mathelehrer war und als Spieleerfinder reich und bekannt wurde, passt perfekt zu Mallorca.

Das Video ist Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Die Firma Fincallorca

Dass der Mallorca-Verächter zur Linde doch zum Fan der Insel wurde, hat er einem Freund zu verdanken. Der arbeitete Anfang der Nullerjahre in einem Bielefelder Reisebüro und sagte: "Ralf, du musst Malle noch eine Chance geben." Zur Linde verbrachte ein paar schöne Tage in der Nähe von Arta im Osten der Insel. Noch heute schwärmt der Deutsche von der "komplett unbebauten grünen Landschaft".

Damals war gerade die von ihm entwickelte Lernwerkstatt-Software für Schüler durch die Decke gegangen. An jeder Schule lernten Mädchen und Jungen mit dem Programm. Zur Linde hatte genug Geld übrig und kaufte sich eine Finca.

Weil er damals noch als Ausbilder für angehende Pädagogen an der Uni Bielefeld arbeitete, versuchte er, das Haus in der Zeit zwischen den Ferien zu vermieten. Er sicherte sich die Seite www.fincallorca.de, weil alle anderen passenden Namen schon vergeben waren. So einfach wie in einem Spiel funktioniert die Wirtschaft allerdings nicht. Das Geschäft mit dem Vermitteln der ersten Fincas lief nur schleppend an. Darum bot zur Linde einem Freund, einem Online-Marketingexperten, eine Wette an: "Wenn du es schaffst, dass unsere Seite bei Google ganz oben auftaucht, darfst du eine Woche in meiner Finca wohnen." Bald rangierte Fincallorca bei den Suchmaschinen auf den vorderen Plätzen. Seinen Wettgewinn hat der Kumpel aber nie eingelöst. Dafür wurde er zur Lindes Geschäftspartner.

Bedrohtes Paradies Mallorca

Heute hat Fincallorca 70 Mitarbeiter und knapp 1300 Miet-Fincas im Angebot. Der Umsatz mit Ferienhäusern auf Mallorca lag zuletzt bei 35 Millionen Euro im Jahr und wächst laut dem Gründer immer noch im zweistelligen Prozentbereich. Mittlerweile vermietet zur Linde auch Unterkünfte auf den Seychellen und Mauritius. Das Zentrum aber bleibt Mallorca. "Mit 17 Millionen Gästen im Jahr ist das der touristische Hotspot Europas", sagt zur Linde.

Aber genau das ist das Problem. Steigende Mieten, lärmende Party-Touristen und Wasserknappheit machen Spaniens größter Insel und den mehr als 850.000 Einwohnern zu schaffen. Das soll sich durch ein neues Gesetz ändern, das pünktlich zur neuen Saison am 1. Juli in Kraft tritt. Die linke Stadtregierung hat dafür gesorgt, dass Privatwohnungen in Palma nicht mehr an Touristen vermietet werden dürfen. Mittelfristig soll die Zahl der Gästebetten von 600.000 auf 435.000 gesenkt werden. Zudem wird die Insel in drei Zonen eingeteilt. In den gesättigten Bereichen dürfen keine neuen touristischen Angebote mehr entstehen.

Zur Linde begrüßt die neuen Regeln, denn "das Geld soll breiter in der Masse ankommen und nicht mehr nur bei den großen Hotelketten". Seiner Ansicht nach kann das Paradies so gerettet werden, das für ihn das Hinterland ist und nicht der Ballermann. Party-Touristen müssen sich nun im Zaum halten. Wer beim Sex am Strand erwischt wird, muss bis zu 3000 Euro Strafe zahlen. 

Der Spieleerfinder

Aus dem Tagesgeschäft hat sich zur Linde mittlerweile weitgehend zurückgezogen. Früher hat er in Dorfkneipen mit Bauern Kontakte geknüpft, die ihre Fincas vermieten wollten. Er fotografierte sämtliche Zimmer und stellte die Bilder online. Heute beantwortet er Mails und arbeitet weiter als Spieleerfinder. Die ersten Games hat er noch in den 80er-Jahren in Bad Wildungen mit dem C 64 von Commodore programmiert. Mit "Finca" landete er später einen Brettspielerfolg, das 2009 für den Preis "Spiel des Jahres" nominiert wurde. Jedes Jahr erscheint ein neues Produkt. Bei Wikipedia ist seine Ludografie, wie man die Auflistung aller Spiele nennt, länger als die Bibliografie des Bestsellerautors Dan Brown. Noch im Herbst soll beim Verlag "Schmidt Spiele" zur Lindes "Dizzle" erscheinen, eine abgewandelte Form des Klassikers "Kniffel".

Für jeden Spaß zu haben: Ralf zur Linde mit seinem Hund beim Videodreh.

Die Heimat Wildungen

Nach Bad Wildungen kommt zur Linde nur noch an Weihnachten. Lieber reisen die Eltern zu ihm nach Mallorca. Sein Vater hatte ihm einst abgeraten, etwas im Ausland zu kaufen. "Heute ist er verliebter in die Insel als ich", sagt zur Linde, der einst am Gustav-Stresemann-Gymnasium in der Schulband spielte. Mit seinem Schulfreund Claus-Peter Niem macht er heute noch in der Rock'n'Roll-Band Crystalairs Musik. Im Mai erscheint das neue Album des Quartetts.

Der Titel "Big Boys" ist Programm. Mit zwei Metern und 130 Kilo ist zur Linde ein großer Junge. Manche bezeichnen den Koloss, der gern Muschelketten und Armbänder trägt, als Hippie. Er selbst findet: "Je älter und weiser ich werde, desto mehr werde ich zum Hippie." Er weiß, dass es ein Widerspruch ist, um die Natur besorgt zu sein und Menschenmassen mit Kerosinschleudern nach Mallorca zu holen: "Ich kämpfe jeden Tag einen inneren Fight." Wie der im Paradies ausgeht, ist noch offen.

Zur Person

Geboren: am 19. November 1969 in Bad Wildungen

Ausbildung: Abitur am Gustav Stresemann-Gymnasium in Bad Wildungen,  Lehramtsstudium in Bielefeld

Beruf: Spiele-Autor, Chef der Firma Fincallorca

Privates: Lebt mit seiner Frau und seinem Sohn (1) auf Mallorca, ist Mitglied der Rock'n'Roll-Band The Crystalairs und erzählt auf seinem Youtube-Kanal kleine Filmgeschichten. 

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