Sambia und Sizilien

Funken sprühen ins Publikum beim Bad Wildunger Folk im Park

Die Seele Siziliens auf die Bühne gebracht: Etta Scollo mit Cathrin Pfeiffer am Akkordeon.
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Die Seele Siziliens auf die Bühne gebracht: Etta Scollo mit Cathrin Pfeiffer am Akkordeon.

„Internationale Künstler, die in Deutschland leben“: Mit diesem Konzept bewältigte das Festival Folk im Park die Beschränkungen der Pandemie-Prävention ohne Substanzverlust.

Bad Wildungen – Auch beim Finale am Sonntag ging die Rechnung auf. Yvonne Mwale und Band vereinigten im Verlauf des Auftritts nicht nur die volle stilistische Vielfalt der „Black Music“ in immer neuen Konstellationen. Die in Sambia geborene Soulsängerin erzählte vom Leben der Mädchen dort, das in krassem Gegensatz zu einer Kindheit in Deutschland steht. Im Alter von sechs Jahren muss ein Mädchen für die Familie kochen können und anschließend die Wäsche aufhängen. Die Künstlerin forderte bei Folk im Park in Bad Wildungen Eltern und Großeltern auf, ihre Kinder lebenstüchtig zu erziehen und sich selbst anzunehmen.

Die Show auf der Bühne des Musikpavillons begann mit elektrisierenden, funkigen Grooves und starkem Einsatz des Wahwahpedals von Gitarrist Tilmann Höhn. Mit den lebenslustigen Trillern von Dschungelvögeln stürmte Yvonne Mwale an die Rampe. Ein heller Kontrast zum Hauptteil ihres Vokalparts, denn im weiteren Verlauf des dynamischen Openers „Welasoti“, spielte sie die tieferen Register ihre vielfältigen Stimme aus und kombinierte dabei Samt und und Reibeisen-Elemente.

Applaus aus Begeisterung von Anfang an beim Finale von Folk im Park in Bad Wildungen

Angesichts des mitreißenden Auftakts sprang der Funke schon während der ersten zehn Minuten aufs Publikum bei Folkl im Park in Bad Wildungen über, begeisterter Beifall von Anfang an. Federnd-smooth, leichter, aber nicht weniger spannend ging es mit „Chinsea-Nseya“ weiter. Im zweiten Titel fügte sich eine hellere Stimme ins Klangbild ein. Auf das etwas gelassenere Stück folgte die erste absolut tanzbare Komposition, denn auf ein Plädoyer für mehr persönlichen Einsatz für eine bessere, lebenswertere Welt folgten lange Instrumentalparts, die voll in die Beine gingen.

Zwischen Samt und Reibeisen: Yvonne Mwale mit Bassist Matthias Deisenroth.

Mittels rhythmischer Vokalparts krönte Yvonne Mwale das Finale des engagierten Songs. Das bluesige „Mwanida“ und „Amulange Mwana“ mit seinen karibischen Anklängen aus Steel-Drum und Reggae-Ryhthmus setzten die stilistische Reise eindrucksvoll fort. „Iwe Sela“ holte dagegen die Freude von klassischen Soul-Balladen voll intensiver Sehnsucht ab, in denen eine verlassene Frau sich nach dem Geliebten verzehrt und auf bessere Einsicht beim Treulosen hofft. Thematisches Gegenstück dazu war „Free Soul“ eine positive Darstellung persönlicher Qualitäten. Der offenherzige Song voll Selbstbewusstsein bildete das offizielle Finale samt ausgiebiger Gelegenheit der Bandmitglieder, sich noch von der besten Seiten zu zeigen: Drummer Andreas Neubauer, Bassist Matthias Deisenroth und Nico Hering am Keyboard.

Tiefe Einblick in die Seele Siziliens bei Folk im Park in Bad Wildungen

Tiefe Einblicke in die Seele ihrer Heimatinsel hatte am Samstagabend Etta Scollo an der Konzertmuschel bei Folk im Park in Bad Wildungen gewährt. In der einen Sekunde rauchig und dunkel, im nächsten Moment hell und glockenklar, verleiht die Sizilianerin, die in Berlin lebt, ihrer Stimme den Charakter eines ganzen Chores, eines Schauspielensembles. Nicht von ungefähr, denn Grundlage vieler ihrer Lieder sind Legenden und Märchen Siziliens mit fantastischen Figuren und der Liebe als alles beherrschendem Thema.

Wie die Geschichte von „Colapesce“, halb Mensch, halb Fisch, der laut Legende bis zum heutigen Tag tief am Meeresgrund die Standfestigkeit Siziliens mit eigenen Händen sichert, während die ihm versprochene Prinzessin, zu Fels geworden, an der Oberfläche ihm Gesellschaft leistet. „Schiller verarbeitete diese Geschichte in seiner Ballade vom Taucher“, ließ die Sängerin und Musikerin ihr begeistertes Publikum wissen. Kongenial begleitet wurde die Sizilianerin hier und bei allen anderen Stücken von Cathrin Pfeiffer am Akkordeon und Susanne Paul am Cello. Nicht nur der mit Inbrunst gesungene Ruf der Schönen nach ihrem „Cooolapesceee“ hallt in der Erinnerung der Folkfans an diesen Abend voller Poesie nach – auch der in ein Lied verwandeltes, 2012 von der Bürgermeisterin von Lampedusa an Europa geschriebene, offene Brief über das Flüchtlingselend. „Wir dürfen unsere Menschlichkeit nicht verlieren“, sagte Etta Scollo leise, aber vernehmlich ins Mikrofon.  ahi/su

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