Freie Wähler schlagen Alarm

Gefährdet Abriss des Kurhauses den Titel „Bad“ für Bad Wildungen?

Hoffnungsloser Fall für die Abrissbirne oder unverzichtbar für das „Bad“ Wildungen? Vor rund einem Jahr trieben nach dem Ausbruch eines Feuers Rauchschwaden durchs dreieinhalb Jahrzehnte alte „Neue“ Kurhaus.
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Hoffnungsloser Fall für die Abrissbirne oder unverzichtbar für das „Bad“ Wildungen? Vor rund einem Jahr trieben nach dem Ausbruch eines Feuers Rauchschwaden durchs dreieinhalb Jahrzehnte alte „Neue“ Kurhaus.

Die Freien Wähler sehen das Prädikat „Bad“ für Wildungen gefährdet und verweisen auf den geplanten Abriss des Kurhauses. Das Regierungspräsidium als Prüfstelle widerspricht der These.

  • Die Freien Wähler sehen das Prädikat „Bad“ für Bad Wildungen gefährdet, verweisen im Zusammenhang mit dieser These auf den Abriss des Kurhauses und streben einen Förderverein zum Erhalt des Kurhauses an
  • Das Regierungspräsidium als Prüfstelle sieht das Prädikat „Bad“ allein durch ein fehlendes Kurhaus nicht gefährdet und stellt den Status „Bad“ für Bad Wildungen derzeit nicht in Frage
  • Turnusgemäß wird ab dem Jahr 2022 geprüft, ob Bad Wildungen weiterhin die Voraussetzungen für das Führen des Prädikates „Bad“ erfüllt

Bad Wildungen – Ab 2022 wird routinegemäß das Prädikat „Bad“ für Bad Wildungen überprüft. Zuletzt wies Nordhessens Reha-Metropole 2014 die Qualifikation nach. Die Freien Wähler schlagen nun Alarm. Bad Wildungen arbeite daran, sein historisches Erbe zu vernichten „und setzt seine Badqualifikation leichtfertig aufs Spiel“, behauptet die FW in einer Pressemitteilung. Grund aus ihrer Sicht: die vielen in der Vergangenheit abgerissenen historischen Bauten, in deren Reihe sich das Bad Wildunger Kurhaus nach dem Stadtverordnetenbeschluss einsortiere. Die FW stoßen die Gründung eines Fördervereins für das Kurhaus Bad Wildungen an.

Aber: Könnte Wildungen tatsächlich sein „Bad“ verlieren, weil es das Kurhaus schleift? Nein; diese These entbehrt der Grundlage, stellt das Regierungspräsidiums Kassel (RP) auf WLZ-Nachfrage klar. Seit 20 Jahren obliegt ihm die Zuständigkeit für die Überprüfung des Bad-Prädikates.

Kernstadt Bad Wildungen und Reinhardshausen sind seit dem 19. Jahrhundert Heilbad

„Die Kernstadt und Reinhardshausen sind Heilbad seit dem 19. Jahrhundert“, schreibt die Behörde. Derzeit bestünden „keine grundlegenden Zweifel am Status, auch nicht mit Blick auf den Zustand des Kurhauses“ Bad Wildungen, heißt es weiter. Ein Kurhaus alleine bringe einer Stadt wie Wildungen nicht den Titel „Bad“ ein, wie umgekehrt ein fehlendes Kurhaus – für sich genommen – keinen Grund für ein Ablehnen des Prädikates „Bad“ für Wildungen liefere.

Es komme auf eine Vielzahl von Bad-Merkmalen an, wie die Bedeutung des Tourismus für die Kommune, das Erscheinungsbild des Kurgebietes, die Abwesenheit von Durchgangsverkehr, Barrierefreiheit, artgemäße Einrichtungen, kulturelle und sportliche Veranstaltungen, medizinische Versorgung und weitere Infrastruktur.

Kurmittelabteilungen der Reha-Kliniken haben altes Kurmittelhaus abgelöst

Eine Vielzahl von Plus- und etliche Minuspunkte weist Bad Wildungen im Abgleich auf, wie ein Blick in die Richtlinien zeigt. Positivbeispiele: Europas größter Kurpark, zwei Wandelhallen, Kurorchester. Negativbeispiel: Durchgangsverkehr auf Brunnenallee Hufeland- und Laustraße. In den Richtlinien für den Erhalt des Prädikates heißt es speziell zum Thema Kurhaus: Zu fordern sei ein „Kurmittelhaus oder eine Kurmittelabteilung (gegebenenfalls privat oder in Kur- oder Rehaklinik) oder vergleichbare Einrichtung mit derselben, vollständigen Funktionalität für Bäder, Massagen mit kurärztlicher Überwachung (passive Behandlungsform)“.

Schon vor dem Übergang des Staatsbades an die Stadt Bad Wildungen hatte das Kurhaus diese Funktion nach und nach eingebüßt, weil die mehr als 20 Wildunger Reha-Kliniken die Anwendungen zunehmend in ihre Häuser integrierten. Ein Kurhaus als Veranstaltungsort, wie es die Befürworter mit ihrer zentralen Forderung nach dem Erhalt der beiden Wildunger Säle propagieren, findet in den Richtlinien gar nicht statt.

Linkenfraktion will Kurhaus als „Haus der Kultur“, Freie Wähler peilen Kurhaus-Förderverein an

Auch die Wildunger Linken-Fraktion spricht sich erneut für das Kurhaus aus: „Es ist ein Vermächtnis in Form von Steuergeldern. Diese Gebäude und das umliegende Parkgelände sollen von den Einwohnern und Gästen der Stadt für Kultur und Freizeitveranstaltungen genutzt werden können“, heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung. Ob die Stadt hierfür Organisator sein müsse, solle diskutiert werden. Den Menschen der Region mit Interesse an Kultur will die Linke die Chance geben, mit einer eigenen Organisation das Kurhaus als Haus der Kultur zu nutzen. Für die Planung der Sanierung könnten Mittel in fünfstelliger Höhe aus dem Förderprojekt „Lebendige Zentren“ genutzt werden.

Weiter gefasst ist der Ansatz der FW: „Von der Bücherei und dem Archiv über Räume für das Mehrgenerationenhaus bis hin zu Ausweichmöglichkeiten für die Schulen oder die technische Hochschule Mittelhessen mit medizinischen Ausbildungsgängen sind Nutzungen denkbar. Angebote für Familien fehlen an jeder Ecke und könnten dort platziert werden. Die Tourismusinformation gehört an eine für Gäste zentrale Stelle der Stadt wie das Kurhaus“, schreiben die Freien Wähler zu ihrem Vorstoß, einen parteiunabhängigen Kurhaus-Förderverein ins Leben zu rufen. Interessierte werden gebeten, sich per Mail an NeuesKurhaus@t-online.de zu wenden, um eine Einladung zur Gründungsveranstaltung zu erhalten.

Die Stadtverordnetenversammlung Bad Wildungen hat kürzlich einen Beschluss zum Abriss von Teilen des Kurhauses gefasst.

Hintergrund: Im Jahr 2020 gab es einen Brand im Kurhaus Bad Wildungen.

Die komplette Antwort des Regierungspräsidiums

„Die Einordnung als Heilbad richtet sich nach der Verordnung über die Anerkennung als Kur-, Erholungs- oder Tourismusort vom 24.11.2016 (GVBl Nr. 18, Seite 218 bis 220 vom 05.12.2016), zuletzt geändert durch VO vom 20.6.2018 (GVBL S. 339). Dort sind die Anerkennungsvoraussetzungen und das Anerkennungsverfahren geregelt (siehe link zur Rechtsverordnung).

Das Regierungspräsidium ist seit 2001 zuständig für die Einordung und Überprüfung, insbesondere ist bei uns der Fachausschuss angesiedelt und wir führen die wiederkehrenden Überprüfungen gemäß den „Begriffsbestimmungen – Qualitätsstandards für Heilbäder und Kurorte, Erholungsorte –einschließlich der Prädikatisierungsvoraussetzungen- sowie für Heilbrunnen und Heilquellen“ (13. Auflage vom November 2017 –vgl. Anlage) durch. Das Ergebnis der Prüfung wird dem Hessischen Fachausschuss für Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen sowie dem Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen vorgelegt.

Eine solche Überprüfung von Bad Wildungen wurde zuletzt in 2014 erfolgreich abgeschlossen, mit dem Ergebnis der erfolgreichen Bestätigung der Beibehaltung des Status als Heilbad (Bestätigungsbescheid 14.02.2014).

Die nächste Überprüfung steht ab dem kommenden Jahr an. Dazu sind für das Prädikat „Heilbad“ die entsprechenden Vordrucke („Allgemeiner Erhebungsbogen – Teil 1“ und „Erhebungsbogen – Teil 2 H/P“ - siehe links) auszufüllen und vorzulegen sowie zur weiteren Einordnung auch aktuelle Prospekte, Wander- und Radwanderkarte, Vermieterverzeichnis und eine Veranstaltungsübersicht beizufügen.

Bad Wildungen-Kernstadt sowie Bad Wildungen-Reinhardshausen sind bereits Heilbad seit dem 19. Jahrhundert und gehören gemessen an den Übernachtungszahlen nach Bad Füssing und Bad Kissingen zu den großen Heilbädern Deutschlands. Dies sicher auch, weil es gelungen ist sich aus einer traditionellen Kurstadt in eine „Kur und Wohlfühlstadt“ zu wandeln. Insofern bestehen derzeit keine grundlegenden Zweifel am Status, auch nicht mit Blick auf den Zustand des Kurhauses.

Die Einordung und Wertigkeit als Heilbad richtet sich nach einer Vielzahl von Merkmalen, u.a. Bedeutung des Tourismus für Kommune, Kurortcharakter, also z.B. Erscheinungsbild des Kurgebietes, kein Durchgangsverkehr, Barrierefreiheit, artgemäße Einrichtungen, Kurmusik/ kulturelle bzw. sportliche Veranstaltungen, medizinische Einrichtungen, weitere Infrastrukturaustattung usw.. Ein Kurhaus alleine wäre sicher ebenso wenig hinreichend, wie umgekehrt ein nicht vorhandenes oder in Umgestaltung befindliches Kurhaus für sich genommen sicher kein Versagungsgrund. Es kommt eben auf die Summe und Qualitäten der wertbildenden Merkmale und das Vorliegen der prägenden Eigenschaften an.“

https://rp-kassel.hessen.de/sites/rp-kassel.hessen.de/files/Rechtsverordnung_0_1.pdf

https://rp-kassel.hessen.de/planung/regionalplanung/wirtschaft/pr%c3%a4dikatisierung-von-kur-erholungs-und-tourismusorten

https://rp-kassel.hessen.de/sites/rp-kassel.hessen.de/files/Allgemeiner%20Erhebungsbogen%20-%20Teil%201_0_1.pdf

https://rp-kassel.hessen.de/sites/rp-kassel.hessen.de/files/Erhebungsbogen%20Teil%202%20HP.pdf

Die Pressemitteilungen von FW und Linken im Wortlaut

Die Freien Wähler schreiben: „Während Bad Kissingen, Bad Ems und Baden-Baden von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet worden sind, arbeitet Bad Wildungen daran, sein historisches Erbe zu vernichten und setzt seine Badqualifikation leichtfertig aufs Spiel. Nach der Ausstellung „101 Häuser, die verschwunden sind“, zeigt nun „Balnea“, welch eindrucksvolle Gebäude bereits vernichtet wurden. Geht es nach dem jüngsten Beschluss der Stadtverordneten, wird sich das Kurhaus bald hier einreihen. Die Freien Wähler verstehen immer noch nicht, warum dieses vorsätzlich vernachlässigte Prachtgebäude nicht endlich wachgeküsst wird.  Nutzungsmöglichkeiten gäbe es viele: Von der Bücherei und dem Archiv über Räume für das Mehrgenerationenhaus bis hin zu Ausweichmöglichkeiten für die örtlichen Schulen oder die technische Hochschule Mittelhessen mit medizinischen Ausbildungsgängen sind vielseitige Nutzungen denkbar. Angebote für Familien fehlen in Bad Wildungen an jeder Ecke und könnten dort angeboten werden. Die Tourismusinformation gehört an eine für Gäste zentrale Stelle der Stadt wie dem Kurhaus.  Weiterhin verstehen die Freien Wähler nicht, warum nicht wenigstens die Grünanlagen - mitten im Kurviertel - so gepflegt und gestaltet werden, dass sie unseren Gästen ein einladendes Bild vermitteln. Andernorts werden Burgen, Schlösser und alte Gebäude erhalten, weil sie identitätsstiftend sind. Unser Kurhaus soll „entsorgt“ werden, um die Arbeit zu reduzieren. Seit Jahren werden wir mit dem Argument, es werde mit Investoren verhandelt, hingehalten. Das Gebäude wurde in dieser Zeit ungeschützt dem Verfall und Vandalismus überlassen. Die Leserbriefe der letzten Jahre haben sich ausschliesslich für den Erhalt des Kurhauses ausgesprochen, dies ermutigt uns, weiter für den Erhalt, die Renovierung und die Nutzung zu kämpfen. Noch ist es nicht zu spät, und es zeugt von Größe, sich für neue Dinge zu öffnen und einen gefassten Entschluss zurückzunehmen, ergänzt Kira Hauser .Die Freien Wähler möchten einen - selbstverständlich parteiunabhängigen - Förderverein initiieren.“

Die Linke schreibt: „Das Neue Kurhaus muss mit seinen Sälen, dem Lesesaal und dem weitläufigen Foyer unbedingt erhalten werden. Es ist ein Vermächtnis in Form von Steuergeldern. Diese Gebäude und das umliegende Parkgelände sollen von den Einwohnern und Gästen der Stadt für Kultur und Freizeitveranstaltungen genutzt werden können. Ob die Stadt hierfür der Organisator sein muss, sollte diskutiert werden. Es gibt in der Region sicherlich Menschen, deren Interesse an Kultur größer ist als das der Stadtpolitiker. Diesen sollte die Möglichkeit gegeben werden, mit einer eigenen Organisation das Neue Kurhaus als ein Haus der Kultur zu nutzen. Für die Planung der Sanierung können sofort noch Mittel in 5stelliger Höhe aus dem Förderprojekt „Lebendige Zentren“ genutzt werden. Die Linke in Bad Wildungen und darüber hinaus wird alle Aktivitäten in dieser Richtung unterstützen. Im Mai 2021 beantragte die Stadtverwaltung durch den Magistrat, die Mittel für den Komplettabriss des „Neuen Kurhauses“ bereitzustellen. Vorausgegangen war der Beschluss, das durch einen Brand und dessen Löschung schwer beschädigte Badehaus abzureißen. Dem sollten nun auch die zentralen Gebäudeteile mit den Sälen sowie der Lesesaal folgen. In dramatischen Ausführungen beschwor der Bürgermeister in seiner Rede den Zustand des gesamten Gebäudes als so schlecht, dass mit schwerer Verletzung von ungebetenen Besuchern dieses Hauses jederzeit zu rechnen wäre – und der Bürgermeister persönlich dafür zu haften hätte, was es zu vermeiden gilt. Tatsächlich ist es aber so, dass, dass Bürgermeister vielfältige Schutzrechte gegen persönliche Haftung haben. Ganz abgesehen davon drohen Herrn Gutheil in seiner Funktion als Bürgermeister auch persönliche Konsequenzen, wenn er berufliche Aufgaben nicht mit der entsprechenden Verantwortung ausführt. Und genau das liegt hier vor – wenn es auch nicht nur dem derzeitigen Bürgermeister Gutheil anzulasten ist. Der Umgang der Stadtpolitik mit dem Neuen Kurhaus erinnert an die Geschichte von Hans im Glück, der sein hart erarbeitetes Gold bei zufällig vorbeikommenden Händlern gegen vermeintlich Besseres eintauscht. Am Ende verliert er den schweren Mühlstein, zu diesem Zeitpunkt nur noch die Befreiung von einer Last. Dieses letzte Stadium, der Wunsch nach Befreiung von einer Last, scheint auch bei den Wildunger Stadtpolitikern (ja, diese Auffassung wird vorwiegend von den Herren in Magistrat und Fraktionen vertreten) den Umgang mit dem Kurhaus zu bestimmen. Die Aufgabe der Stadtverwaltung ist es doch, das Eigentum der Einwohner zu verwalten – nicht, es wegzugeben oder verkommen zu lassen und damit zu vernichten! Ob die zufällig herbeigekommenen, stets beschworenen Investoren sich um das Wohl der WildungerInnen und deren Gäste scheren? Man darf davon ausgehen, dass ihnen ihr eigener Gewinn wichtiger ist.Das Neue Kurhaus ist, das bestätigt auch die Besichtigung, kein abbruchreifer, maroder Kasten, der einzustürzen droht. Die Schäden, die mögliche Sanierungskosten in die Höhe treiben, sind vorwiegend selbst gemacht, durch Vernachlässigung von Reparaturen am Dach, auch der Tiefgarage, und durch das Nicht-Benutzen der Versorgungsleitungen. Vandalismus wurde durch zwei Maßnahmen der Stadt begünstigt: 1.      durch das Leerziehen des Gebäudes. 2.      durch die Freigabe der direkten Entnahme von Einrichtungsgegenständen an Wildunger Vereine. Und das alles, weil ständig auf Investoren geschaut wurde, die zufällig vorbeikamen oder auch nur erhofft waren. Eine professionelle Vermarktung des Geländes mit dem Gebäude war bislang nicht zu machen – das Stadtmarketing damit offensichtlich überfordert.“

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