Nach Zwangsheirat und Misshandlungen geflüchtet

Ausbildung in Bad Wildungen, neue Freunde, ehrenamtlicher Einsatz: Iranerin kämpft für ein Leben in Freiheit

Eine starke Frau: Mahi Akrami (41) flüchtete aus dem Iran und hat in Nordhessen eine neue Heimat und viele Freunde gefunden. Die Krankenschwester im zweiten Ausbildungsjahr – im Bild neben der selbstbewussten Dame am Kurschattenbrunnen – arbeitet in Vereinen und Institutionen tatkräftig mit.
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Eine starke Frau: Mahi Akrami (41) flüchtete aus dem Iran und hat in Nordhessen eine neue Heimat und viele Freunde gefunden. Die Krankenschwester im zweiten Ausbildungsjahr – im Bild neben der selbstbewussten Dame am Kurschattenbrunnen – arbeitet in Vereinen und Institutionen tatkräftig mit.

Gewalt in der Ehe und Unterdrückung prägten das Leben von Mahi Akrami im Iran. 2016 zieht die Mutter einer erwachsenen Tochter die Reißleine: Die Muslimin flüchtet in Todesangst nach Deutschland. Mit viel Engagement hat sich die junge Frau eine Existenz aufgebaut und büffelt für ihr Examen als Krankenschwester in Bad Wildungen.

Bad Wildungen - „Ich fühle mich wie neu geboren, wie ein richtiger Mensch. Vor Deutschland hatte ich nur ein Schattenleben,“ sagt Mahi Akrami.

Mahi wächst in Isfahan bei Teheran auf. Mit 14 Jahren wird sie zwangsverheiratet mit einem 14 Jahre älteren Mann. Bald darauf wird ihre Tochter geboren – heute 26 Jahre alt. Die junge Mutter leidet unter Misshandlungen ihres Ehemanns, Rechte hatte sie nicht. Frauen seien zum Teil besser ausgebildet als Männer, sagt Mahi Akrami, aber sie würden immer noch unterdrückt in der 83-Millionen-Einwohner-Republik.

Flucht in die Türkei und weiter nach Griechenland

Zeitweise darf die junge Ehefrau nur voll verschleiert das Haus verlassen. Heimlich macht sie ihr Abitur, beginnt Mikrobiologie und Wirtschaft zu studieren. Als die Familie davon erfährt, muss sie aufhören. In 2016 will sie dem Martyrium ihrer Ehe ein Ende setzen und flüchtet aus Persien in die Türkei.

Weil ihr Ehemann im Iran gute Kontakte in die Politik und zur Polizei unterhält, fürchtet sie eine Verfolgung und flüchtet in einem Boot mit 40 anderen Flüchtlingen nach Griechenland. Eine abenteuerliche Reise mit Menschenschleppern, unter Todesangst und schwer angeschlagen mit hohem Fieber führt über Belgien nach Deutschland. Von Frankfurt aus gelangt sie nach Ziegenhain und landet in der Massenunterkunft im Chinapark.

Führerschein für 7,5-Tonner für Arbeit beim DRK bestanden

Mahi lernt emsig Deutsch in Kursen, Lehrbüchern, im Internet. Die sympathische Frau mit dem strahlenden Lächeln sucht den Kontakt zu Einheimischen. Die Muslima singt im Kirchenchor, arbeitet im Diakonieladen, bringt sich bei Feuerwehr und SPD ein. Bei einem Securitydienst findet sie einen Job.

Für ihre ehrenamtliche Arbeit beim DRK in Schwalmstadt hat Mahi gerade erst den Führerschein gemacht und darf 7,5-Tonner fahren. „Ich bin auch Erste-Hilfe-Kursleiterin und habe einen Funklehrgang gemacht“, sagt sie stolz.

Ausbildung in der Bad Wildunger Stadtklinik

Die Iranerin ist in ihrer neuen Heimat angekommen und überwältigt von den Eindrücken: „Neue Gespräche, neue Kultur, ich darf hier tanzen, singen, arbeiten – ich bin wieder ein Mensch und habe in Deutschland wieder leben gelernt.“

In 2019 zieht sie um nach Bad Wildungen und beginnt eine Ausbildung zur Krankenschwester bei der Asklepios-Stadtklinik. Nebenher hilft sie in der Krankenpflege im Westend aus. Den Beruf übt sie mit Leidenschaft aus, die Arbeit in der Pflege sei Balsam für die eigene Seele. „Ich pflege meine Patienten, und wenn es ihnen besser geht, fühle ich mich wunderbar.“ Das Gefühl von Einsamkeit schweiße gerade in Corona-Zeiten noch mehr zusammen, wo viele Patienten unter Besuchsverboten litten.

Harmonisches Familienleben erst in Deutschland kennen gelernt

Dankbar ist die 41-Jährige und glücklich mit ihrem Neustart in einem fremden Land. „Ich bin hundertprozentig auf dem richtigen Weg“, ist sie überzeugt. Der Kontakt zu ihrer Familie ist abgerissen, ihre Tochter hat sie nicht mehr gesehen. Das harmonische Familienleben, das sie in ihrer Heimat so vermisste, erlebt sie zurzeit in Deutschland. Während eines zweimonatigen Dienstes in Hephata im Rahmen ihrer Ausbildung, lebt die 41-Jährige bei einem befreundeten Ehepaar und wird rührend umsorgt.

Ihren richtigen Namen verrät die gebürtige Iranerin aus Angst vor Verfolgung bis heute nicht. Sie nennt sich Mahi – das ist aus dem Indischen und heißt Schmetterling. Kein Name könnte treffender sein: Die Verwandlung eines unscheinbaren Kokons zu einem zauberhaften Falter ist Symbol für die neu gewonnene Freiheit. Zielstrebig hat sich Mahi, der Schmetterling, eine neue Existenz aufgebaut.

„Ich möchte ein Buch über mein Leben schreiben“

Ein dauerhaftes Bleiberecht hat die Iranerin nicht. „Die Deutschen haben mir geholfen, dass ich wieder leben kann“, sagt die 41-jährige. „Jetzt ist mein Leben so wertvoll, und ich versuche, für mein Leben zu kämpfen.“

Damit ihre Geschichte auch für andere Denkanstoß oder Motivation sein kann, führt sie Tagebuch. „Ich möchte unbedingt ein Buch über mein Leben schreiben.“ Und sie hat noch mehr Ziele. Nach dem Examen will sie sich als Krankenschwester spezialisieren und dann zur Universität gehen. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, zu studieren. „Zum Lernen ist es niemals zu spät“, entgegnet sie Kritikern selbstbewusst. (Cornelia Höhne)

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