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Bad Wildunger erinnert sich an seine Ausbildung: Seekrank auf der Gorch Fock

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Flaggschiff der Marine: Die „Gorch Fock“ ist nach umfangreicher Sanierung wieder auf großer Fahrt.
Flaggschiff der Marine: Die „Gorch Fock“ ist nach umfangreicher Sanierung wieder auf großer Fahrt. © Uwe Paesler/pr

Nach sechsjähriger Grundinstandsetzung ist die Gorch Fock – Flaggschiff der Marine – wieder auf hoher See. Der aus Bad Wildungen stammende Fregattenkapitän a. D. Ulrich Schneider erinnert sich in einem Interview an seine Ausbildung auf dem Großsegler.

Bad Wildungen/Kiel – Auf dem Segelschulschiff der Marine absolvierte der ehemalige Bad Wildunger Ulrich Schneider vor knapp fünf Jahrzehnten seine Offiziersausbildung. Im Interview beantwortet auch der neue Kommandant der Gorch Fock, Andreas-Peter Graf von Kielmansegg, Fragen zu dem „Flaggschiff der deutschen Marine“ .

Herr Schneider, welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Großsegler?

Schneider: Es war meine erste Fahrenszeit auf einem seegehenden Schiff. Alles war neu und interessant. Besonders dem Flair eines Großseglers mit Reminiszenzen an Erzählungen früherer Seefahrer auf Großseglern – Hornblower und andere – konnte ich mich nicht entziehen. Die körperlichen Strapazen wurden durch das Erlebnis Seefahrt unter Segeln mehr als wettgemacht und hatten für mich mehr sportlichen Charakter als den von harter Arbeit auf einem Großsegler. Auch das erste Erlebnis von Seekrankheit wurde mir nicht erspart.

Wie war der Alltag auf dem Schulschiff?

Schneider: Interessant war, zu erleben, wie sich das menschliche Verhalten wieder ein Stück weit „entzivilisierte“: Mit Staunen nahm ich auf, wie die Kameraden, bewaffnet mit Messer und Gabel, sich voller Hunger fast gleichzeitig über das in einem mehrstöckigen Behälter vom Backschafter herangetragene Essen hermachten. Dass dabei keine Verletzungen auftraten, erschien mir jedes Mal ein wahres Wunder. Der Backschafter selbst bekam in der Regel nichts von der ersten Lieferung ab, sondern erst beim zweiten oder dritten Mal und das als Letzter. Lebensrettenderweise wechselte diese Rolle täglich.

Welche Begebenheiten sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Schneider: Im Hafen von Stockholm hatte ich bei eisiger Kälte nächtliche Wache auf dem Achterdeck und ging langsam auf und ab, damit mir die Füße nicht einfroren. Das störte den in seiner Suite schlafenden Kommandanten, der sich unwirsch beschwerte und mich anwies, das Laufen zu unterlassen.

Welche Erfahrungen waren für Ihre persönliche und militärische Ausbildung wichtig?

Ausbildung auf Großsegler: Der Ex-Bad Wildunger Ulrich Schneider, war auf der Gorch Fock eingesetzt.
Ausbildung auf Großsegler: Der Ex-Bad Wildunger Ulrich Schneider, war auf der Gorch Fock eingesetzt. © pr

Schneider: Die Härte, auch bei Sturm, Regen, schwerem Seegang und eisiger Kälte durchzuhalten und die schwere Arbeit gemeinsam mit den Kameraden zu leisten, ist ein prägendes Erlebnis in Richtung Disziplin und Teamgeist. Den Sinn von Disziplin und Teamgeist so unmittelbar nahebringen kann wohl nur die Arbeit auf einem Schiff wie der Gorch Fock.

Herr Graf von Kielmansegg, die Gorch fock gilt als Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland und Paradeschiff der Diplomatie. Welche Botschaft senden Sie an die Länder dieser Welt?

Von Kielmansegg: Botschaften zu senden, steht mir nicht zu – Botschaften sendet unsere Regierung in die Welt. Aber Schiff und Besatzung können in gewisser Weise solche Botschaften überbringen, ein Schiffsbesuch kann ein aussagekräftiges Symbol für eine gewünschte Botschaft sein. Ganz grundsätzlich ist in meiner Wahrnehmung die wesentliche Botschaft bei allen Hafenbesuchen der Wunsch Deutschlands nach freundschaftlichen Verbindungen zu den Ländern, die die Gorch Fock besucht. Das gilt immer, und das bedarf keines besonderen Auftrages.

Es gibt aber auch Fälle, wo ein Schiffsbesuch eine konkretere und spezifischere politische Botschaft unterstreichen und unterstützen soll. Gerade wenn Beziehungen zu einem anderen Land nicht frei von Spannungen waren, kann der Besuch eines Schiffes als Zeichnung der Wertschätzung eine symbolische Bedeutung haben, dann ist das unbewaffnete Segelschulschiff mit seinem friedfertigen Charakter sicher ein geeigneter Botschafter.

Wird die Basisausbildung auf dem Segelschulschiff als Teil der Offiziersausbildung in einer hochtechnisierten Welt weiterhin ihre Berechtigung haben?

Von Kielmansegg: Davon bin ich fest überzeugt. Ein Segelschulschiff ist zweifellos eine gute Umgebung für das Erlernen seemännischer Grundfertigkeiten. Aber es geht nicht nur um Fachwissen sondern um die Ausformung von Persönlichkeitsmerkmalen auf der Basis von Erlebnissen und Erfahrungen. Beim Zusammenleben auf engem Raum mit kaum Privatsphäre, wenig Schlaf und körperlich anstrengender Arbeit erhält Kameradschaft, Hilfsbereitschaft und gegenseitig Rücksichtnahme einen unbezweifelbaren Wert. Darüber hinaus lernt hier jeder den Wert von Teamarbeit kennen, denn auf einem Segelschiff funktionieren die Dinge nicht auf Tastendruck, sondern nur durch gemeinsames und koordiniertes Zupacken. Und nicht zuletzt lehrt die Arbeit an Oberdeck und in der Takelage den notwendigen Respekt vor den Elementen und den Kräften der Natur, weil man sie hier sehr direkt spürt. Das alles können und sollen prägende Erfahrungen sein, die für einen angehenden Seeoffizier von großer Bedeutung sind.

Die Gorch Fock hat mehr als 150 Länder besucht. Wohin planen sie Ihre ersten Reisen?

Neuer Kommandant: Andreas-Peter Graf von Kielmansegg ist Kapitän des Segelschulschiffs.
Neuer Kommandant: Andreas-Peter Graf von Kielmansegg ist Kapitän des Segelschulschiffs. © Deutsche Marine/pr

Von Kielmansegg: Tatsächlich müssen solche Reisen mit einigem zeitlichen Vorlauf angemeldet werden, so dass die nun anstehende Fahrt noch von meinem Vorgänger geplant wurde. Die zeitlichen Vorgaben ergeben sich darüber hinaus aus der Lehrgangsplanung für die Offizieranwärter, in deren Ausbildung sich die Zeit auf der Gorch Fock einpassen muss. Vor diesem Hintergrund wurde die anstehende Ausbildungsreise als Ostsee-Törn geplant. Er führt uns zunächst nach Warnemünde, wo die Gorch Fock an dem großen Segelereignis der Hanse-Sail teilnehmen wird. Anschließend geht es nach Stettin und von da aus nach Helsinki, bevor das Schiff nach Kiel zurückkehren wird.

Welche Rolle spielt die Gorch Fock bei der Repräsentation der Marine im In- und Ausland?

Von Kielmansegg: Hauptauftrag ist die Ausbildung von Offizieranwärtern. Erst diesem nachgeordnet kann das Schiff auch repräsentative Aufgaben übernehmen. Die Repräsentation für die Marine und für unser Land ist aber dennoch wichtig, wenngleich die diesbezügliche Bedeutung schwer messbar ist. Repräsentation ist ja kein Selbstzweck – mit einem Schiffsbesuch kann ich das Interesse an einem anderen Land ausdrücken wie auch Wertschätzung und Respekt. Das gilt aber auch in gleicher Weise für alle anderen Schiffe der Marine, die ausländische Häfen besuchen.

Das Paradeschiff der Diplomatie hat auch zu Zeiten des kalten Krieges gute Kontakte zur sowjetischen Marine gepflegt. Ist das in so konfliktreichen Zeiten wie heute noch möglich?

Von Kielmansegg: Individuelle freundschaftliche Begegnungen zwischen einzelnen Besatzungsangehörigen, wenn sie sich zufällig ergeben, sollten immer möglich sein. Es scheint mir grundsätzlich nicht richtig zu sein, Einzelne für das Handeln einer Regierung haftbar zu machen, nur weil sie die entsprechende Staatsangehörigkeit besitzen. Aber wenn wir bei der Gorch Fock vom Schiff und seiner Besatzung als Ganzes reden, dann sind wir Vertreter unseres Landes und werden von außen auch so wahrgenommen. Dann muss unser Handeln den Grundsätzen der von der deutschen Regierung verfolgten Politik entsprechen.

Offizielle oder gar freundschaftliche Kontakte der Gorch Fock zur russischen Marine sind in der derzeitigen Lage daher nicht denkbar.

Zur Person: Ulrich Schneider trat nach seinem Abitur in Bad Wildungen in die Marine ein

Ulrich Schneider ist in Bad Wildungen aufgewachsen und bestand in 1971 sein Abitur am Gustav-Stresemann-Gymnasium. 1972 trat er als Wehrpflichtiger in die Marine ein. 1973 absolvierte er seine Offiziersausbildung auf Gorch Fock, Marineschule Mürwik und Schulschiff Deutschland. In Hamburg schloss er ein Studium an mit Abschluss Diplom-Ingenieur der Nachrichtentechnik.

1978 wurde Schneider Artillerieoffizier an Bord und 1980 Dezernatsleiter beim Kommando Marineführungssysteme in Wilhelmshaven. Ab 1984 war er an Bord einer Fregatte F122 verantwortlich für deren Führungsmittel, wie Computer, Funk, Radar. Letzter Dienstgrad Fregattenkapitän der Reserve.

1987 wechselte er ins Zivilleben als Ingenieur bei Dornier in Immenstaad. 1991 bis 2017 arbeitete er als Industriemanager bei Rheinmetall in Bremen und Norwegen und trat in 2017 in Ruhestand. (Peter Fritschi)

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