Motorradfahrer starb nach Unfall

Fahrlässige Tötung: Lkw-Fahrer zu Geldstrafe verurteilt

Verbotenes Abbiegemanöver: An dieser Stelle kostete es einen Motorradfahrer das Leben.
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Verbotenes Abbiegemanöver: An dieser Stelle kostete es einen Motorradfahrer das Leben.

Wegen fahrlässiger Tötung eines Motorradfahrers auf der Wildunger Umgehungsstraße im vorigen Herbst ist ein 29-jähriger Lkw-Fahrer vom Amtsgericht Fritzlar zu einer Geldstrafe über 3000 Euro verurteilt worden.

Bad Wildungen/Fritzlar - Nach Überzeugung von Richterin Corinna Eichler bog der Angeklagte unvermittelt und verbotenerweise mit seinem Lkw-Gespann über drei Spuren hinweg nach links ab. Der von hinten nahende Wildunger Motorradfahrer prallte auf den Anhänger.

Das Urteil ist rechtskräftig, weil Anklage, Nebenklage und Verteidigung auf Einsprüche verzichteten. Fahrlässige Tötung wird mit Gefängnis bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe geahndet, hatte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer erläutert. Doch sie beantragte weder Haft noch den Entzug des Führerscheins, sondern Geldstrafe. In einem „Augenblicksversagen“ habe der bisher unbescholtene, junge Mann seine Sorgfaltspflicht verletzt und unter tragischen Umständen den Tod des Motorradfahrers am Morgen des 18. Oktober 2019 entscheidend mitverschuldet.

Wie das Gericht verwies die Anklagevertreterin strafmildernd auf die Mitverantwortung des tödlich verunglückten Wildungers. Der Biker fuhr laut Unfallgutachten auf feuchter, schmieriger Straße 120 Stundenkilometer. Nicht auszuschließen seien 130. Bei maximal erlaubten 100 km/h hätte das Krad rechnerisch rechtzeitig bremsen können, sagte der Sachverständige aus. „Vorausgesetzt, der Motorradfahrer hätte in dem Schrecken fehlerfrei reagiert“, betonte Richterin Eichler.

Es blieben nur 1,8 Sekunden fürs Bremsen und Ausweichen

Tatsächlich blieben an dem Morgen laut Berechnung nur 1,8 Sekunden fürs Bremsen und Ausweichen. Der 49-jährige Wildunger versuchte alles und hatte trotz des ABS an seiner modernen Maschine keine Chance. Der Lastzug war aus Richtung Fritzlar zunächst auf die rechte der zwei bergauf führenden Spuren gewechselt. In Höhe der Einfahrt zum Ense-Parkplatz an der Bundesstraße bog er plötzlich nach links ab und kreuzte dabei mit einer Geschwindigkeit um die 30 Stundenkilometer sowohl Überholspur als auch Gegenfahrbahn – trotz doppelt durchgezogener Linie, die das untersagt.

Der Angeklagte stritt all das vor Gericht ab. Der Vorwurf der fahrlässigen Tötung mit Führerscheinentzug als möglicher Konsequenz bedrohe die berufliche Existenzgrundlage seines Mandanten, bemerkte der Verteidiger im Verlauf der Verhandlung – als er noch nicht ahnte, dass die Staatsanwältin die Fahrererlaubnis gar nicht im Visier hatte. Sein Klient gab an, versehentlich nur leicht nach links gezogen zu haben, weil er mit dem stotternden Automatikgetriebe seines 20-Meter-Lastzuges zu kämpfen hatte.

Dagegen betrachtete der Sachverständige die Auswertung des Fahrtenschreibers, die Spuren auf der Straße, am Anhänger, am Motorrad und am Helm des Bikers als Beleg für ein illegales Abbiegemanöver.

Den Ausschlag für das Urteil gab laut Richterin Eichler allerdings die Aussage der einzigen Zeugin, die das Geschehen in der Sekunde des Aufpralls beobachtete – ohne sich in jenem Moment der Tragweite ihrer Eindrücke bewusst zu sein. Sie kam mit ihrem Auto dem Lastwagen entgegen, als dieser abbog. Die Frau bremste scharf ab, um einen Zusammenstoß zu vermeiden.

„Ich dachte, er verliert Ladung“

Im selben Augenblick bemerkte sie Teile, die seitlich am Lkw-Anhänger vorbeiflogen, der sich noch auf der linken Gegenseite befand: „Ich dachte, er verliert Ladung.“ Weil der Lastwagen ihre Aufmerksamkeit beanspruchte, entdeckte die Frau den gestürzten Motorradfahrer am linken Straßenrand nicht und fuhr weiter. Erst später, als die Polizei einen Zeugenaufruf im Radio startete, verstand sie.

Weshalb der Lastwagenfahrer das Manöver vollführte? „Warum hätte ich das tun sollen? Meine Pause hatte ich schon gemacht“, versuchte der 29-Jährige seine Version des Geschehens zu untermauern: Erst in Folge des Unfalls sei er im Schock auf den Parkplatz gefahren. Die Frage nach dem Grund seines Augenblicksversagens blieb so ohne Antwort. Es tue ihm leid, er habe das nicht gewollt, sagte der Angeklagte und sprach der Familie des getöteten Motorradfahrers sein Beileid aus.

„Sie möchten nicht, dass der Angeklagte ins Gefängnis geht. Sie wünschen sich eine Aufklärung des Geschehens und eine gerechte Strafe“, sagte Rechtsanwältin Nenka Stielow-Miersch. Sie vertrat die beiden jungen, erwachsenen Söhne des Motorradfahrers als Nebenkläger. Der Tod des Vaters habe die beiden „aus der Bahn geworfen“. Er fehle ihnen als Freund, Ansprechpartner und Ratgeber. Eine gemeinsame große Reise nach bestandenen Abschlüssen der Söhne sei geplant gewesen.

Das schlimme Unfallgeschehen, die Folgen und der Prozess gingen allen im Saal an die Nieren. Wie dem Zeugen – jahrelang selbst Motorradfahrer – der etwa 30 Sekunden vor dem Unfall vom Wildunger überholt wurde. „Er raste nicht, aber ich dachte noch: Junge, lass es langsam angehen bei dem Wetter.“ Momente später bemerkten er und seine Beifahrerin den Verunglückten und sein Motorrad rechts an der Leitplanke auf dem Boden. Den Lkw auf dem Parkplatz brachten sie nicht damit in Verbindung.

Einem Zeugen aus der anderen Fahrtrichtung erging es ebenso. Auch er dachte, der Biker sei gestürzt. Ungewöhnlich ruhig sei es an dem Morgen auf der sonst stark befahrenen Straße gewesen.

Die Zeugen sperrten die Straße ab und alarmierten den Rettungsdienst, der sehr schnell eintraf. Doch für den Wildunger mit seinen schweren inneren Verletzungen kam jede Hilfe zu spät. „Immer, wenn ich seitdem an der Stelle vorbei komme, wird mir anders“, sagte einer der Ersthelfer bei Gericht.

Ein Lkw-Fahrer, der eine Pause auf dem Parkplatz „An der Ense“ einlegte, sagte als Ohrenzeuge des Unfalls aus. Er habe ein Motorrad beschleunigen gehört und einen Knall. „Aber ich dachte, das sei vom Feld oder aus dem Wald gekommen.“ Bäume verdecken die Sicht vom Parkplatz auf die Straße.

Einen Moment später sei ein Lastzug auf den Parkplatz gefahren und der Angeklagte aus dem Führerhaus gesprungen. „Mist, o Mist, mir ist ein Motorradfahrer hinten drauf gefahren“, habe der junge Mann geschockt gesagt. Der Berufskollege versuchte ihn in Schutz zu nehmen: „Er hat keine Schuld. Ich fahre seit 40 Jahren Lkw. Sie glauben nicht, was auf den Landstraßen los ist!“ Von Matthias Schuldt

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