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Stadtwald Bad Wildungen wirft unerwartet 2022 noch Gewinn ab

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Von: Matthias Schuldt

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Im ersten Halbjahr 2022 heiß begehrt, dann Ladenhüter: Nadelholz aus dem Wildunger Stadtwald.
Im ersten Halbjahr 2022 heiß begehrt, dann Ladenhüter: Nadelholz aus dem Wildunger Stadtwald. © Matthias Schuldt

Statt eines erwarteten Verlustes in sechsstelliger Höhe springt für Bad Wildungen 2022 ein noch nicht exakt abgerechneter Gewinn von um die 200 000 Euro aus dem Stadtwald heraus.

Bad Wildungen – Das erläuterte Martin Berthold von der Kommunalwald GmbH dem Finanzausschuss in seinem Bericht. Dieser beleuchtete die Lage des Wildunger Waldes fast ausschließlich aus Perspektive der Ökonomie. Der Gewinn stellt einen vorerst letzten Schluck aus der Pulle dar, verdeutlichte Berthold und warb dafür, davon Mittel in eine Rücklage zu Gunsten künftiger Wiederaufforstung zu geben. Für 2023 erwartet die Kommunalwald GmbH einen Verlust von 116 000 Euro – und das nur, weil sie mit einem Griff in den Sparstrumpf über knapp 170 000 Euro plant, damit das ausgewiesene Minus nicht an die 300 000 Euro heran reicht. In den Folgejahren dürfte es finanziell nicht besser aussehen, erwarten die Fachkreise.

Hektische Zeiten am einstmals eher ruhigen Holzmarkt prägten in Folge der Doppelkrise aus Pandemie und Ukraine-Krieg die Bilanz und den Ausblick in diesem Stadtwaldbericht. Im ersten Halbjahr 2022 sei Nadelholz sehr teuer gewesen, weil sehr viele Leute wegen Corona massig Holz für Projekte in ihren Gärten gekauft hätten. „Im Sommer fuhren sie endlich wieder in Urlaub und die Nachfrage brach ein“, schilderte Berthold. Statt es zu schlechten Preisen zu verkaufen, lagerte die GmbH das Nadelholz ein. „Einiges geht jetzt in den Verkauf nach Österreich, wo im Winter höhere Nachfrage herrscht als bei uns“, fügte Berthold hinzu.

„Schlachten vor abdecken“ lautete das Motto bei kranken Buchen im Stadtwald Bad Wildungen

Im gegenläufigen Trend ließen Ukrainekrieg und Energiekrise ab Sommer den Bedarf an Brenn- und damit Laubholz katapulthaft nach oben schnellen. „Ob das gut für den Wald ist, darf bezweifelt werden“, sagte Berthold. Die Industrie, die dieses Holz etwa für den Möbelbau braucht, reagierte. Um gegenüber den Brennholzbestellungen nicht hoffnungslos ins Hintertreffen zu geraten, „schlugen unsere Kunden aus der Branche aus eigenem Antrieb 30 Euro auf den Festmeterpreis auf“, sagte Berthold.

Die Kommunalwald GmbH holte speziell an vorgeschädigten Buchen heraus, was ging, „nach dem Motto Schlachten vor Abdecken“, zog Berthold Parallelen zur Fleischindustrie. Ökonomischer Grund: Befielen Pilze die durch Trockenheit geschwächten Buchen, stürben die Bäume binnen Monaten ab und das Holz verliere so rasant an Nutzwert, dass es am Ende selbst zum Verfeuern nur bedingt tauge.

Unberechenbarkeit des Holzmarktes prägt Kalkulation für Stadtwald Bad Wildungen 2023

Nicht nur die Folgen der Klimakrise für die Produktivität des Stadtwaldes aus Sicht der Ökonomie beeinflussen somit die Zahlen der Kommunalwald GmbH 2023. Die Unberechenbarkeit des Holzmarktes dominiert die Kalkulation in gleicher Weise. Nicht absehbare Preissprünge binnen kurzer Zeiträume machen Lieferverträge zu festen Sätzen über ein Jahr unattraktiv. „Sowohl für Käufer als auch für Verkäufer“, schloss Berthold.

2100 Hektar groß ist der Stadtwald. Das Räumen, das Freimachen von 213 Hektar geschädigter Gebiete auf diesem Areal sei abgeschlossen, berichtete Berthold. Es geschah auf 74 Einzelflächen.

Aufforsten im Stadtwald Bad Wildungen mit Hilfe auch von Spenden

Die GmbH versucht aufzuforsten, unterstützt auch durch Spenden. Am Wildunger Bilstein etwa wurde gepflanzt oder am Pärrner Weg. Dr. Hans Schultheis (Freie Wähler) regte eine Spendenaktion für den Stadtwald an. Es gebe den Verein „Klimaneutrales Waldeck-Frankenberg“, der steuerabzugsfähig Spenden für Wiederaufforstung im ganzen Kreis sammele, antwortete Bürgermeister Ralf Gutheil. Zwar fließe die Spende eines Wildunger Bürgers an den Verein nicht eins zu eins in den eigenen Stadtwald, „aber auch wir haben schon Geld erhalten“, sagte Gutheil. Schultheis und der übrige Ausschuss ermunterten die Stadt, dafür die Werbetrommel zu rühren.

Berthold erläuterte die Linie der Kommunalwald GmbH fürs Aufforsten. Lärche und amerikanische Douglasie werden gepflanzt, um künftige Nachfrage nach Nadelholz zu bedienen. Große Mengen Eicheln wurden geerntet, zum Teil als Saatgut verkauft, zum Teil eingesät. „Eichenkulturen brauchen in den ersten Jahren viel Pflege“, schilderte er. Dauerhaft müssten etwa Wege zur Pflege freigeschnitten bleiben, „sonst verlaufen Sie sich, sobald die Bäume zwei Meter hoch sind“, erklärte der Forstmann. Pflanzflächen werden mit Gattern vor allem gegen Rehe gesichert.

Beobachtung von Wildverbiss und gezielte „Bodenverwundung“ im Stadtwald Bad Wildungen

Zudem werden viele kleinere Flächen mit Zaun und – im Vergleich – Flächen ohne Zaun systematisch über Jahre beobachtet. Die GmbH untersucht so den Wildverbiss an Jungbäumen. Ziel laut Berthold: „eine Faktenbasis für Gespräche mit Jägern.“
An anderen Stellen reißen Bagger den Waldboden auf. „Bodenverwundung“ gilt in der Forstwirtschaft als der Naturverjüngung dienlich, weil Baumsamen, die natürlicherweise auf solche Flächen fielen, schneller auskeimten und besser angingen.

Die GmbH werbe für all diese Arbeiten Fördermittel von EU, Bund oder Land ein, „aber nicht um jeden Preis“, unterstrich Berthold mit Blick auf mögliche negative Folgen für Erlöse aus dem Stadtwald. Ein neues Förderprogramm beispielsweise sei ans Stilllegen von Flächen gebunden, „und das bedeutet, Sie dürfen bis zu 20 Jahre auf der Fläche kein Holz ernten.“
Von ersten Rückschlägen beim Wiederaufforsten berichtete er ebenfalls: „Auf einigen Flächen waren die Jungbäume gut angewachsen, doch die Trockenheit im Jahresverlauf machte ihnen den Garaus.“

Kritik des Naturschutzes am Räumen und Aufforsten wie im Stadtwald Bad Wildungen

Große Teile des Naturschutzes, allen voran das Bundesamt für Naturschutz (BfN), kritisieren scharf den Umgang der Forstverwaltung mit den großflächigen Schäden im Wald in den zurückliegenden drei Jahren. Der Waldgipfel von 2019 unter der damaligen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) habe einseitig auf Wiederaufforsten durch den Menschen gesetzt und keine Mittel vorgesehen, die natürliche Widerstandskraft des Waldes, seine Selbstheilungskräfte im Bewältigen des Klimawandels zu stärken.

So lautet die Kernkritik einer BfN-Tagung zur „Zukunft unserer Wälder“. Die Referentinnen und Referenten kritisierten den aus ihrer Sicht Irrglauben, Ingenieurskunst beim Aufforsten sei der Anpassungsfähigkeit der natürlichen Prozesse überlegen.
Das „Räumen“, wie im Wildunger Stadtwald etwa, beurteilen Experten für Wald-Ökosysteme als kontraproduktiv. Sterbende und abgestorbene Bäume lieferten Jungpflanzen Schatten gegen Hitze, verhinderten Austrocknen, Ausschwemmen und Abtragen des Bodens durch Wind. (Matthias Schuldt)

Die gesamte Publikation „Sind unsere Wälder noch zu retten?“ des BfN.

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