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Thespiskarren Bad Wildungen vor Premiere: Emotion wecken fürs Insekt

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Von: Matthias Schuldt

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In den Chitinpanzer geschlüpft: das Thespiskarren-Ensemble vor der Premiere von „Insection“.
In den Chitinpanzer geschlüpft: das Thespiskarren-Ensemble vor der Premiere von „Insection“. © Matthias Schuldt

Der Bad Wildunger Thespiskarren steht vor der Premiere eines in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen Projekts: „Insection“, einer Collage aus Theaterstück und Museumsausstellung.

Bad Wildungen – „Für uns Theaterleute ist das eine sehr schwierige Situation: normalerweise proben wir ein Stück sechs Wochen lang, und dann feiern wir Premiere“, sagt Regisseurin Annika Schäfer. Bei „Insection“ der Wildunger Theatergruppe Thespiskarren ist es anders gekommen. Ganz anders.Von der ersten Idee 2019 bis zur Premiere am 30. April in der Reinhardshäuser Wandelhalle, werden rund zweieinhalb Jahre vergangen sein, in denen Corona das Vorhaben ausbremste. In denen es der Regisseurin und dem Schauspielensemble gelingen musste, Spannung und Motivation zu halten. Über lange Strecken war das nur online möglich, „aber das ist etwas Anderes, als wenn wir intensiv von Angesicht zu Angesicht miteinander arbeiten“, sagt Annika Schäfer.

Solche einengenden Bedingungen setzten ausgerechnet einem Bühnenprojekt den Rahmen, mit dem der Thespiskarren um seinen Spiritus Rector Bernhard Schäfer zurückkehren wollte zu spektakulären Inszenierungen seiner Gründungstage vor großem Publikum. Bis heute bei Kulturfans in der Region unvergessen ist etwa der „Sommernachtstraum“ in Europas größtem Kurpark.

Fruchtfliege und Totenkopfkäfer statt Biene oder Schmetterling

„Insection“ greift eine der folgenschwersten Umweltkrisen unserer Zeit auf, welche die Wissenschaft ausgemacht hat: das massenhafte Sterben der Insekten. Bis auf wenige Sympathieträger wie Bienen oder Schmetterlinge lösen die Krabbeltiere bei den meisten Menschen eher Abscheu aus.

„Genau deshalb erscheinen in "Insection" die beliebten Arten nicht, sondern solche, die kaum jemand kennt oder mag“, erklärt die Regisseurin. Das gilt für den unheimlichen Totenkopfkäfer ebenso wie für die Motte oder die Fruchtfliege, die im Sommer winzig-wuselig in Schwärmen ums Obst in der Küche schwirrt.

Zwischen Faszination und Abscheu

Der besondere Reiz in der Zusammenarbeit mit den Laienschauspielerinnen und -schauspielern des Thespiskarren liegt für die professionelle Regisseurin in der persönlichen Haltung, die jede und jeder Einzelne zu diesem Thema mitbringt; geprägt durch unterschiedliche Lebensläufe, Berufe, Erfahrungen und Ideen. „Manche Menschen sind fasziniert von Insekten, andere ekeln sich einfach nur vor ihnen“, sagt Annika Schäfer. In die Haut dieser Tiere, in ihren Chitinpanzer zu schlüpfen, der sie vor der Vernichtung ihrer Lebensräume durch den Menschen nicht schützt, bedeutet für das Ensemble die besondere Herausforderung.

Das ist die Kernidee von „Insection“: die kleinen Tiere gehen in den von Hannah Zufall erdachten Texten und Szenen mit den Menschen, mit ihrem Publikum ins Gespräch. Sie berichten ihm von ihrem Alltag und der Bedrohung ihrer Existenz. Sie nehmen es im Wortsinn mit zu Stationen ihres Lebens und bringen die Zuschauer in der Wandelhalle so in Bewegung. „Insection“ ist mehr als ein Bühnenstück. Es ist aufgebaut als Collage aus Theater und musealer Ausstellung.

Über die Emotion Information vermitteln

„Über die Emotionen, die das Schauspiel weckt, wollen wir dem Publikum fundierte Informationen vermitteln“, beschreibt Annika Schäfer den Ansatz. Die Ausstellungstafeln, zu denen die Gliedertiere des Stückes ihr Publikum geleiten, sind in der Reinhardshäuser Wandelhalle zu deren Öffnungszeiten frei zugänglich.

„Die Idee ist, dass unser Publikum zurückkehrt, um sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen“, sagt die Regisseurin. Im Umkehrschluss ziehen die Tafeln Blicke anderer Gäste der Wandelhalle auf sich und sollen Interesse erregen , die nächste Aufführung von „Insection“ zu besuchen. „Wir haben große Lust daran, mit den Formaten zu spielen“, sagt Annika Schäfer.

Inspiration direkt vom „Bug Man of Hollywood“

Metamorphose, die Gestaltwandlung, bezeichnet die große körperliche Veränderung, die das Gros der Insektenarten vom Larvenstadium über die Verpuppung bis hin zum erwachsenen Tier vollzieht. Passend dazu war „Insection“ in seinem mehr als zweijährigen Entstehungsprozess großem Wandel unterworfen, wie der Alltag so vieler Menschen weltweit. Dokumentarfilmer Marc Eberhard, der gemeinsam mit Regisseurin Annika Schäfer und Autorin Hannah Zufall das Leitungsteam des Thespiskarren-Projektes bildet, tat sich leichter mit der langen Vorbereitungszeit: „Bei Filmen ist das normal.“

Eberhard nutzte die Zeit für intensive Recherchen und das Sammeln von Inspirationen für die Inszenierung. So sprach er in der Coronazeit online mit dem amerikanischen Insektenkundler Steven R. Kutcher. Er ist bekannt als „Bug Man of Hollywood“ und war beteiligt an Blockbustern wie Spiderman I oder Jurassic Parc. Berühmt sind die Bilder, die er geschaffen hat, indem er die Füße von Käfern mit Farbe betupfte und sie über Gemäldeleinwände laufen ließ.

Der Wandel von „Insection“ binnen mehr als zwei Jahren

2020 testete der Thespiskarren das Konzept von „Insection“ im Odershäuser alten Pfarrhaus der Familie Schäfer. Das Mini-Drama, das vom Bund deutscher Amateurtheater gefördert wurde, führte zu deutlichen Änderungen. Eine Szene war Bestandteil, in der Menschen über ihren Krieg gegen die Insekten beratschlagten. „Menschen als Bühnenfiguren im Wechsel mit Insekten als Figuren – das funktionierte nicht“, erinnert sich Annika Schäfer. Denn das unterbrach das Grundsatzkonzept, durch die direkte Konfrontation der Zuschauer mit den Insekten dem Publikum die Perspektive der Gliedertiere näherzubringen und sich mit dem eigenen Verhalten ihnen gegenüber auseinanderzusetzen. Die Szene fiel weg.

Weil Corona Proben verhinderte, sagte eine Gruppe von Tänzerinnen, die mitwirken wollte, ihre Beteiligung ab. Geblieben ist eine A-Capella-Gruppe mit ihrem Auftritt. Der Ansatz einer größeren Inszenierung mündete in ein Konzept, bei dem das Publikum in Gruppen aufgeteilt den Bühnen-Insekten folgt. 60 bis 80 Zuschauer pro Vorstellung sind möglich.

Umweltkrisen legen keine Pause ein, weil der Mensch ein Virus bekämpft oder Krieg führt

Ein Publikum, dem 2019 das Thema sehr geläufig war wegen der umfangreichen Berichterstattung darüber. Dann kam Corona. Dann kam der Ukraine-Krieg. Stürzt der Schwund der Insekten und dessen Folgen für die Öko-Systeme ab in die vermeintliche Bedeutungslosigkeit? „Zumindest für unsere Region bleibt das Thema aktuell wegen ihrer Naturschätze wie dem Nationalpark“, ist die Regisseurin sicher. Der „Veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer“, der Urwaldbewohner an den Ederseehängen, steht als zentrale Bühnenfigur für diesen regionalen Bezug von „Insection“.

Jedoch erinnern nicht nur „Fridays for future“ oder „Scientists for future“ daran: der Klimawandel und andere Existenz bedrohende Umweltkrisen legen keine Pause ein, weil der Mensch ein Virus bekämpft und Krieg führt.

Die Aufführungen von „Insection“ in der Wandelhalle Reinhardshausen beginnen um 19.30 Uhr. Die Termine: 30. April, 1. Mai, 14. und 15. Mai, 21. und 22. Mai. Karten gibt es unter www.theaterambunker.de oder im Bad Wildunger „Buchland“.

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