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Bad Wildungen: Selbsthilfegruppe „Anonyme Alkoholiker wird gegründet

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Von: Cornelia Höhne

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Wenn Alkohol zur Sucht wird: In Bad Wildungen wird am Montag eine Selbsthilfegruppe „Anonyme Alkoholiker“ gegründet.
Wenn Alkohol zur Sucht wird: In Bad Wildungen wird am Montag eine Selbsthilfegruppe „Anonyme Alkoholiker“ gegründet. © Ralf Poller/imago/avanti

Am Montag, 12. Dezember 2022, wird in Bad Wildungen eine Selbsthilfegruppe „Anonyme Alkoholiker“ (AA) gegründet.

Bad Wildungen - Ihr weiteres Leben ohne einen Tropfen Alkohol meistern, das wünschen sich Susanne und Klaus. Beide haben extreme Sucht-Erfahrungen hinter sich und ein großes Ziel vor Augen: Trocken bleiben. Das geht nur in Gemeinschaft mit Betroffenen, sind sich die Wildunger einig. Sie wollen am Montag eine Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker (AA) gründen.

Absturz mit 33 Jahren und ein Neuanfang

Klaus ist ein kleiner Junge, als er merkt, dass seine Mutter Alkoholkrank ist. Später kommt er auch zu ersten Drinks und Hochprozentigem. An Gelegenheiten mangelte es nicht. Als Kunststudent und später freischaffender Künstler nimmt er oft an Vernissagen teil, greift gern und häufig zum Glas.

Später zechte er „im Milieu“, sagt er rückblickend. „Ich habe mich regelmäßig abgeschossen. Wenn es mir schlecht ging, habe ich getrunken, und wenn es geil war, habe ich auch getrunken.“ An einen Absturz mit 33 Jahren kann er sich noch gut erinnern. „Ich wusste nicht mehr, wo ich am nächsten Tage hin wollte.“

Das ist ein Wendepunkt: Zu Hause macht er „kalten Entzug“. Dann wagt er einen Neustart, löst Freundschaften auf, baut ein neues Leben auf. Eine Ausbildung zum Industustriemechaniker verschafft ihm Lernstoff, der ablenkt, und eine Tagesstruktur. „Das hat mir den Hintern gerettet.“ Dann heiratet er, und ein Sohn wird geboren.

„Dass ich das geschafft habe, war ein Geschenk“

Aber auch nach Jahren „auf dem Trockenen“ sei die Gefahr groß, in alte Verhaltensstrukturen zurückzufallen. „Das Suchtgedächtnis ist krass – man ist nur eine Armlänge vom ersten Glas entfernt.“ Nach 20 Jahren ohne Alkohol begeht er einen fatalen Fehler – er gönnt sich einen Whisky. Rasch ist das Suchtverhalten wieder da. „Saufdruck“ nennt es der heute 66-Jährige. Sieben Jahre hängt der gebürtige Kasseler wieder an der Flasche. Mit 60 Jahren kriegt er die Kurve – „dass ich das geschafft habe, war ein Geschenk.“

Allein sei das nicht zu schaffen sagt Klaus, der inzwischen nach Bad Wildungen gezogen ist. Die größte Stütze bei seiner Alkoholkrankheit sei die Gemeinschaft. Wenn er nicht weiter weiß, dann helfe der Anruf bei AA, „da ist immer jemand da“. Bei Betroffenen, die ähnliche Erfahrungen durchlebten, fühle er sich verstanden und gestärkt für kritische Situationen.

„Wie eine Familie“

Susanne (57) ist 21 Jahre, als sie Drogen aus der Bahn werfen. Nach dreimonatigem Entzug in Haina wird ihr Alltag allmählich wieder normal. Aber, „dass Alkohol auch eine Droge ist, das war mir nicht bewusst“, sagt die Mutter von vier Kindern. Immer häufiger greift sie zur Flasche, bekommt zuletzt auch Depressionen. Deswegen will sie eine ambulante Reha antreten und muss dafür sechs Wochen trocken bleiben.

„Da bin ich zu den Anonymen Alkoholikern gekommen.“ Gespräche mit Betroffenen hätten ihr geholfen. „Ich habe total viele Leute kennen gelernt, es ist wie eine Familie, sagt die Bad Wildungerin heute. Eine Freundin teile die Begeisterung. „Sie hat gesagt: Sie war immer das schwarze Schaf der Familie und hat jetzt durch AA ihre Herde gefunden.“

Betroffene motivieren, an Treffen teilzunehmen

Susanne nimmt an Online-Meetings teil, an Treffen anderer AA-Gruppen und großer Veranstaltungen. Der Austausch sei wichtig. Er helfe besonders, wenn die Stimmung am Tiefpunkt sei und das Risiko für einen Rückfall groß ist. Auch sie hat alte Freundschaften aufgegeben und ihr Leben umgekrempelt. Die Angestellte hat auch auf Homeoffice verzichtet.

Klaus und Susanne sind sich einig: „AA ist unsere Lebensversicherung.“ Sie wollen Betroffene motivieren, an den Treffen teilzunehmen. „Die Kapitulation ist der erste Schritt, den jeder selbst machen muss: Wir geben zu, dass wir gegenüber dem Alkohol machtlos sind.“

Eröffnungs-Meeting am Montag im Mehrgenerationenhaus

Eine Bad Wildunger Selbsthilfegruppe „Anonyme Alkoholiker“ (AA) wird am Montag, 12. Dezember, ab 18 Uhr im Mehrgenerationenhaus, Kirchplatz 9, gegründet (hinterer Eingang, erster Stock). Es ist die erste AA-Gruppe im Landkreis. Regelmäßige Meetings finden jeden Montag von 18 bis 19.30 Uhr statt.

„Jeder ist willkommen, der den Wunsch hat, mit dem Trinken aufzuhören,“ kündigen die Organisatoren Klaus und Susanne an. Besucher bleiben anonym, die Treffen geschlossen, das heißt, es sind nur Betroffene, aber keine Angehörigen dabei.

Es geht nicht um Ratschläge sondern um Gespräche über Erfahrungen mit der Alkoholabhängigkeit. Weitere Informationen: www.anonyme-alkoholiker.de. (Cornelia Höhne)

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