Versteckt im Gestrüpp

Ruine Katzenstein: Einst beliebtes Ausflugsziel in Bad Wildungen fristet trauriges Dasein

Versteckt zwischen Bäumen und Gestrüpp: Die Ruine Katzenstein, oberhalb der Klinik am Homberg.
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Versteckt zwischen Bäumen und Gestrüpp: Die Ruine Katzenstein, oberhalb der Klinik am Homberg.

Vor 150 Jahren wurde die Ruine Katzenstein am Rande der Stadt Bad Wildungen wärmstens als Wanderziel empfohlen, heute fristet die Anlage ein trauriges Dasein.

  • Bei der Neugestaltung des Bad Wildunger Kurparks in den Jahren 1876/77wurde die „Ruine Katzenstein“ künstlich an einem Bergkegel angelegt.
  • Der Aussichtsturm bot eine prächtige Sicht auf Bad Wildungen und war beliebt als Wander- und Ausflugsziel.
  • Inzwischen ist der Katzensteinturm in Vergessenheit geraten. Die ungepflegte und von Gestrüpp überwucherte Anlage soll wieder instand gesetzt werden.

Bad Wildungen – Der Glanz früherer Zeiten ist verblasst. Heute finden nur noch Eingeweihte den Turm, die Anlage ist in miserablem Zustand. Hinweisschilder fehlen, die Mauern sind zugewachsen, das Gelände ist ungepflegt.

Auf den unwürdigen Zustand der Anlage machte Rainer Paulus (SPD) im Stadtparlament aufmerksam. „Das Gelände liegt seit Jahren in einem Dornröschenschlaf.“ Zudem hinterlassen Reste von Partys und anderer Unrat keinen einladenden Eindruck.

Beliebtes Motiv auf alten Wildunger Postkarten

Dabei bietet sich der Aussichtsturm auf dem bewaldeten Bergkegel als Naherholungsgebiet geradezu an. Wenige hundert Meter hinter den Kliniken in der Gemarkung Katzenstein ist der Turm einfach zu erreichen. Aber Hinweisschilder fehlen. Unscheinbar und verborgen unter dichtem Gestrüpp am Waldrand fristet die Ruine ein trauriges Dasein.

Auch von der Minigolfanlage hinter dem Maritim-Hotel ist der Katzensteinturm, der einst ein beliebtes Motiv auf Wildunger Postkarten war, zu erreichen. Ein Waldweg, der in einen malerischen Pfad mündet, führt sanft bergauf bis zur Anhöhe. Aber auch von dieser Seite des Weges ist der Turm nicht ausgeschildert.

Die Ruine Katzenstein auf einer alten Postkarte aus Bad Wildungen.

Die „prächtige Rundsicht“, von der bei der ersten Turmerwähnung in 1876/77 die Rede war, ist heute allerdings nicht mehr möglich. Längst hat die Vegetation die Aussicht eingeschränkt. Der Fernblick von der im zweiten Weltkrieg betonierten Zinnenkrone auf die Stadt ist nur noch an zwei Stellen möglich, wo Büsche und Bäume den Blick frei geben.

Aus Hornstein bestehender Bergkegel in Bad Wildungen

Mit Pflegemaßnahmen und erforderlichen Reparaturen könnte die Anlage wieder aufgewertet werden, warb Paulus in der Stadtverordnetenversammlung um Zustimmung und überzeugte. Das Gelände um den Turm „Am Katzenstein“ soll wieder in einen ordentlichen Zustand versetzt werden, beschloss das Parlament einstimmig.

Der eigentliche „Katzenstein“ ist ein zum südlichen Abhang vorgelagerter spitzer, aus Hornstein bestehender Bergkegel. Er ist heute durch die Bewaldung nicht mehr zu erkennen. Weitere Details zur Geschichte der Ruine Katzenstein hat Gerhard Kessler zusammen getragen:

Vom Badelogierhaus zum Aussichtsturm

1876/77 ließ der Verwaltungsrat der 1855 gegründeten Wildunger Mineralquellen A.G auf der Kuppe dieses Felsenkegels eine künstliche Ruine errichten, die als Aussichtsturm diente. Sie war über einen bequemen Zickzack-Weg vom Badehotel (damals Badelogierhaus) zu erreichen und ein beliebtes Ziel vieler in Wildungen heilungssuchenden Gäste.

Die Planung dieser künstlichen Ruine geht auf die Neugestaltung des Kurparks ab Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Mit der Gesamtplanung des Parks wurde der hessisch nassauische Gartenbaudirektor Telemann beauftragt. Der Kenner und Liebhaber der englischen Gartenbauarchitektur Fürst Pückler zu Muskau weilte 1868 als Brunnengast in Wildungen und trat als Berater Telemanns auf.

„Nutzloses Gebäude“ ziert Ende einer Sichtachse

In den englischen Landschaftsgärten kommt den Sichtachsen eine besondere Bedeutung zu. Am Ende dieser lang gezogenen Schneisen steht ein besonderer Sichtpunkt, oft auch eine Ruine. In Gartenkunst und Architektur werden sie „Follies“ genannt – zu deutsch etwa Narretei, Verrücktheit, nutzloses Gebäude. Bei der Ruine Katzenstein handelt es sich um ein Folly.

Durch eine Sichtachse war der spitze Kegel mit der künstlichen Ruine vom Badehotel aus zu sehen. Eine weitere Sichtachse gab vom Turm den Blick auf die gotische Stadtkirche und Schloss Friedrichstein frei. Der Baumbewuchs lässt dies heute nicht mehr zu, auch die Kegelform des Felsens ist nicht erkennbar.

Zinnenkrone und Treppe der Ruine Katzenstein sollten verfallen wirken

Die Ruine bestand aus einer gewollt verfallen wirkenden Zinnenkrone, zu der eine verfallen aussehende Treppe empor führte.

Im Zusammenhang mit der Planung, während des zweiten Weltkriegs in Bad Wildungen das Hauptquartier der deutschen Luftwaffe einzurichten, wurden 1939/40 insgesamt 15 Bunker in der Stadt errichtet, und die Krone der Ruine Katzenstein bekam einen Betonmantel, um dort eine Flakstellung einzurichten. Damit wurde der Gesamteindruck dieses „nutzlosen Gebäudes“ zerstört.

Katzensteinturm bis nach dem Zweiten Weltkrieg in allen Reiseführern erwähnt

Der Aussichtsturm wird bis nach dem Zweiten Weltkrieg in allen Reiseführern erwähnt, berichtet Gerhard Kessler. Inzwischen ist die Anlage auf dem Katzenstein offenbar in Vergessenheit geraten. „Heute wagt man wegen des heruntergekommenen Zustands sowohl des Turms als auch des Umfelds, kaum jemanden dorthin zu schicken.“

Sinn des Wortes Katzenstein liefert Stoff für Spekulationen

Über den Sinn des Wortes Katzenstein lässt sich nur spekulieren, sagt Gerhard Kessler, Kenner der Bad Wildunger Geschichte. Der Begriff „Katz“ hatte einst die Bedeutung von „klein“. Das könnte auf einen kleinen Bergkegel hinweisen.

Beim Geschichtsverein führten um das Jahr 1980 mehrere alte Wildunger den Namen auf Chattenstein zurück, dies sei eine Kultstätte gewesen, zu der auch Hügelgräber gehörten. Ein wissenschaftlicher Beweis darüber liegt laut Kessler nicht vor. Da der Flurname Am Katzenstein recht alt sei, gehe er vermutlich nicht auf einen Familiennamen zurück. höhl

Zugewachsen: Aufstieg auf die Ruine Katzenstein.
Durchblick: An zwei Stellen gibt die Vegetation den Blick auf Bad Wildungen frei.
Die Zinnenkrone wurde während des Zweiten Weltkriegs betoniert.

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