Akrobatik im Tannenbaum

Wie das Forstamt Frankenberg Samen zur Wiederaufforstung gewinnt

Einer der Baumkletterer pflückt in der Baumkrone im Revier Battenberg Tannenzapfen. Er schwingt sich von Baumkrone zu Baumkrone.
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Einer der Baumkletterer pflückt in der Baumkrone im Revier Battenberg Tannenzapfen. Er schwingt sich von Baumkrone zu Baumkrone.

Das Forstamt Frankenberg gewinnt Saatgut aus dem eigenem Forst zur Wiederbegrünung brachgefallener Flächen - auch mittels Baumkletterern.

Frankenberg – Sie kletterten nicht nur mit Leichtigkeit die bis zu 35 Meter hohen Weißtannen hinauf. Einmal oben, schwangen sich die Männer vom Baumkletterteam Strasser aus der Nähe von Reutlingen sogar von Baum zu Baum. Zuschauer hatten die Profis bei ihrer Aktion allerdings keine – außer Mitarbeitern des Forstamts Frankenberg. Aufgabe der Kletterer war es, Tannenzapfen zu pflücken.

„Das musste geschehen, bevor die Samen ganz reif waren. Denn bei Reife zersetzen sich die Zapfen, der Samen wird durch den Wind verweht. Das ist anders als bei den Fichtenzapfen, die Spaziergänger gern vom Boden aufsammeln“, erläutert Nils Pasler, Revierleiter in Battenberg, der die Aktion im Forstamt organisierte.

Im Frühjahr hatte sich angesichts voller Blütenstände schon eine gute Ernte abgezeichnet. Um den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen, haben Forstamtsmitarbeiter Aufnahmen mit einer Drohne von oben gemacht. Förster Pasler hat kurz vor der Ernte mit der Schrotflinte einige Zweige abgeschossen, um zu schauen, ob die Tannenzapfen mit Samen gefüllt sind. Und das sind sie.

An die 12 Tonnen Tannenzapfen holten die vier Baumkletterer in zwei Wochen aus den Tannen. Die größte Menge im Bereich zwischen Frohnhausen und Eifa – und das in bester Qualität. „Auch die Kletterer waren von der großen Menge begeistert“, sagte Pasler. Denn die Zapfen ließen sich leicht ernten. Die Bezahlung erfolgt nach Menge.

Die Männer kletterten in die Baumkrone, füllten die Zapfen in Körbe und ließen sie dann per Seil in Säcken nach unten. Weil das Rauf- und Runterklettern das Zeitaufwendigste an ihrem Job ist, schwingen sich die Kletterprofis – da, wo es geht – von einem Baum zum anderen. Sie werfen dazu ein Kletterseil zum nächsten Baum. „Beeindruckend“, sagt Revierleiter Nils Pasler.

Die Tannenzapfen wurden zunächst am Boden zum Trocknen ausgebreitet und dann in Lkw zur Samen-Darre nach Hanau gebracht, einem Teilbetrieb von Hessen-Forst. Dort wird das Saatgut aufbereitet für die Weitergabe an Forstämter oder Baumschulen. Auch der Frankenberger Betrieb nutzt natürlich einen Teil des Samens. Schon im Frühjahr hatte das Forstamt die Saatgut-Gewinnung mit Experten der Darre besprochen – auch für andere Baumarten wie Eichen und Buchen (HNA berichtete).

Förster Nils Pasler hat Netze auf einer Freifläche ausgelegt, dort werden Tannensamen gesammelt.

Infrage kommen für solches Saatgut nur Samen aus speziell geprüften und zertifizierten Beständen, so fordert es das Forstvermehrungsgutgesetz, erläutert Pasler. Im Forstamt und besonders in seinem Revier gibt es mehrere zertifizierte Weißtannen-Bestände. Sie gehören zu den besten in ganz Nordhessen.

Anders als die Fichten kommen Tannen nach Angaben des Forstmanns bisher mit dem Klimawandel und der Trockenheit klar und seien nicht vom Borkenkäfer befallen. „Sie zeigen bisher keine Absterbezeichen wie Fichte oder Buchen“, sagt Pasler. Ihr Samen ist dementsprechend begehrt für die Aufforstung der Kahlflächen.

Der junge Förster setzt, erstmals bei Hessen-Forst, noch eine andere Erntemethode, als das kostenintensiv Pflücken durch die Baumkletterer ein: die Ernte mit Netzen. Auf einer an einem Weißtannenbestand zwischen Laisa und Holzhausen entstandenen Freifläche, die genau in der Hauptwindrichtung liegt, hat er mit Mitarbeitern in der vergangenen Woche feine Netze ausgelegt.

Nach den ersten stärkeren Böen stellte er jetzt mit Freude fest: „Es funktioniert.“ Viele Tannensamen sind auf den Netzen gelandet. Die Netze werden zusammengerafft. Aus dem eingesammelten Gut werden die Samen ausgesiebt. Die kostensparende Methode wird wohl Schule machen.

Eberesche: Ehrenamtliche pflückten die Beeren

Das Forstamt Frankenberg setzt bei der Wiederbegrünung der kahlen Flächen auf einen Mix von Baumarten. Eine klassische Pionierbaumart ist die Eberesche. „Vielen auch als Vogelbeere bekannt, besiedelt sie offene Flächen und verhindert die Vergrasung. Das Laub fördert die Bodenfruchtbarkeit. Die Bäume wachsen schnell und setzen schon nach fünf bis sechs Jahren Blüten und leuchtend orange Früchte an“, sagt Forstamtsleiter Andreas Schmitt.

Er startete einen Aufruf zur Sammlung von Ebereschen-Samen. „Die Bäume am Waldrand hängen in diesem Jahr richtig voll“, stellte er fest. Viele Mitarbeiter, Familienangehörige, Jäger und weitere Helfer beteiligten sich an der Aktion. Innerhalb von einer Woche kamen in der Kühlkammer des Forstamtes mehrere Zentner Beeren mit hochgerechnet drei Millionen Samen zusammen. Die Beeren werden – wie auch der Samen der Tannen, die Eicheln und Bucheckern – in der Samendarre von Hessen-Forst in Hanau aufbereitet. Im Frühjahr sollen die Samen auf den Rohboden der ehemaligen Fichtenflächen im Forstsamt Frankenberg ausgebracht werden.

Auch Mitglieder der Frankenberger NABU/Naturschutzjugend halfen bei der Ernte der Beeren. Im Forstrevier Rodenbach und in der Willersdorfer Feldgemarkung pflückten Aktive mehrere Säcke voll Beeren. „Die Eberesche ist eine heimische Baumart und bietet Insekten während der Blüte und Vögeln mit ihren Beeren Nahrung“, betonten die Helfer. Sie freuen sich über das Engagement des Forstamtes für schnelle Wiederbewaldung und wollen bei weiteren Sammel- und Pflanzaktionen mit anpacken – als nächstes bei der Eichelernte.

Eichelernte mit Helfern und Netzen

Die Ernte von Eicheln als Saatgut erfolgte im Forstamt bisher durch händisches Auflesen. „In diesem Jahr sollen zusätzlich auch Netze ausgelegt werden“, kündigt Nils Pasler an. Im Bereich zwischen Berghofen und Wollmar/Ernsthausen werden ab dem bevorstehenden Wochenende auf Forstwegen Netze ausgebreitet. „Wir bitten die Bevölkerung, nicht darüber zu fahren und den Samen zu zerstören“, sagt Pasler.

Doch auch per Hand sollen Eicheln aufgelesen werden. Dafür bittet das Forstamt Freiwillige um Mithilfe bei einer coronakonformen Sammelaktion. Wer Interesse hat, meldet sich per E-Mail an: Nils.Pasler@Forst.Hessen.de.

Die Eichelernte werde Anfang Oktober beginnen, zirka drei Wochen früher als sonst. „Auch der Laie kann es sehen: Das Laub verfärbt sich bereits, wie sonst erst Mitte, Ende Oktober“, sagt Pasler.

Das Forstamt hat auch zertifizierte Bestände für die Gewinnung von Buchensamen. Die Ernte der Buchecker erfolgt mit Netzen. Von Martina Biedenbach und Frank Seumer

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