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Diskussion um Reaktivierung des Personennahverkehrs auf der Schiene im Oberen Edertal

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Von: Klaus Jungheim

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An der „Endstation“ Bahnhof Battenberg: Über den aktuellen Sachstand der Bahnstrecke Frankenberg-Battenberg informierten sich (von links) Markus Menn, Leiter der Stabsstelle Wirtschaftsförderung, Klimaschutz und Mobilität beim Landkreis Siegen-Wittgenstein, Waldeck-Frankenbergs Erster Kreisbeigeordneter Karl-Friedrich Frese, Battenbergs Bürgermeister Christian Klein, Allendorfs Bürgermeister Claus Junghenn, Marburg-Biedenkopfs Erster Kreisbeigeordneter Marian Zachow und Waldeck-Frankenbergs Landrat Jürgen van der Horst.
An der „Endstation“ Bahnhof Battenberg: Über den aktuellen Sachstand der Bahnstrecke Frankenberg-Battenberg informierten sich (von links) Markus Menn, Leiter der Stabsstelle Wirtschaftsförderung, Klimaschutz und Mobilität beim Landkreis Siegen-Wittgenstein, Waldeck-Frankenbergs Erster Kreisbeigeordneter Karl-Friedrich Frese, Battenbergs Bürgermeister Christian Klein, Allendorfs Bürgermeister Claus Junghenn, Marburg-Biedenkopfs Erster Kreisbeigeordneter Marian Zachow und Waldeck-Frankenbergs Landrat Jürgen van der Horst.  © Klaus Jungheim

Die Diskussion um eine mögliche dauerhafte Reaktivierung des Personennahverkehrs auf der noch vorhandenen Schiene im Oberen Edertal hat neue Nahrung erhalten.

Battenberg – Eine Machbarkeitsstudie zu der zwölf Kilometer langen Eisenbahn-Stichstrecke zwischen Frankenberg und Battenberg wurde Hessen Mobil zufolge positiv abgeschlossen.

Diese Studie betrachtet ein gemeinsames Betriebskonzept der sogenannten Obere- Edertal-Bahn mit der 31 Kilometer langen Bahnstrecke Frankenberg-Korbach und beinhaltet ein sogenanntes Flügelungskonzept der Züge in Frankenberg. Dabei werden Zugtraktionen getrennt und fahren in unterschiedliche Richtungen weiter.

Die dazugehörige Nutzen-Kosten-Untersuchung (NKU) läuft derzeit noch. Darin enthalten sind unter anderem geplante Beschleunigungsmaßnahmen auf der Linie Frankenberg-Korbach.

„Wenn diese Untersuchung mit einem positiven Wert über 1 abschließt, ist geplant, das Projekt zur Finanzierung über den Fördertopf Gemeindeverkehrs- und Finanzierungsgesetz des Bundes anzumelden.“ Dies berichtete Sabine Herms, Pressesprecherin des Nordhessischen Verkehrs-Verbunds (NVV), auf HNA-Anfrage.

Waldeck-Frankenbergs Landrat Jürgen van der Horst ist optimistisch, dass diese Untersuchung positive Ergebnisse bringen werde. Möglicherweise 2023 könnte sie vorliegen, hofft er. Was danach der nächste Schritt sein könnte, darüber wollte er während eines Informationsaustauschs auf erweiterter politischer Ebene zunächst nicht weiter spekulieren.

An diesem Treffen im Battenberger Rathaus nahmen neben Landrat Jürgen van der Horst auch Waldeck-Frankenbergs Erster Kreisbeigeordneter Karl-Friedrich Frese, Battenbergs Bürgermeister Christian Klein, Allendorfs Bürgermeister Claus Junghenn, Marburg-Biedenkopfs Erster Kreisbeigeordneter Marian Zachow und Markus Menn, Leiter der Stabsstelle Wirtschaftsförderung, Klimaschutz und Mobilität beim Landkreis Siegen-Wittgenstein, teil.

Dabei wurde deutlich, dass das Thema „Verbesserung des Öffentlichen Personennahverkehrs – neben der Bahn auch mit Blick auf andere Konzepte für Bus- und Anruf-Sammel-Taxi-Verkehr – bereits seit einem Jahr auf höchster politischer Ebene in Waldeck-Frankenberg, Marburg-Biedenkopf und Siegen-Wittgenstein visionär miteinander diskutiert wird.

Marburg-Biedenkopfs Erster Kreisbeigeordneter Marian Zachow betonte, dass „der Öffentliche Personennahverkehr nicht getrennt voneinander, sondern langfristig ganzheitlich betrachtet werden muss, um erfolgreich zu sein. Dabei haben wir es hier nicht nur mit drei Verkehrsverbünden zu tun, sondern auch mit einer Landesgrenze“. Davon sollte man sich perspektivisch aber nicht abschrecken lassen. Schließlich gehe es um  Projekte für kommende Generationen. Er sprach von einem Zeitraum bis zu 30 Jahren.

Dies sieht Landrat Jürgen van der Horst ebenso: „Um Bus, Bahn und Anruf-Sammel-Taxi eine langfristige Zukunft zu ermöglichen, müssen wir über Kreis- und Landesgrenzen hinaus zusammenarbeiten und Schritt für Schritt gehen. Jeder Schritt unter tatsächlich umsetzbaren Gesichtspunkten.“

Damit spielte er auf die Vorstellung einer etwaigen Verlängerung der Eisenbahnstrecke zwischen Frankenberg und Battenberg bis nach Bad Berleburg an. So, wie es früher einmal war. Aber: Kurz hinter dem Battenberger Bahnhof liegen seit vielen Jahren bis kurz vor der Kleinstadt im nordrhein-westfälischen Kreis Siegen-Wittgenstein keine Schienen mehr. Im Bereich des Oberen Edertals verläuft auf Teilen der abgebauten Bahntrasse im Bereich Dodenau, Reddighausen, Holzhausen und Hatzfeld ein in der Bevölkerung beliebter Radweg.

Immerhin hat der Nordhessische Verkehrs-Verbund darauf hingewiesen, dass „es grundsätzlich sinnvoll ist, für die nächsten Jahre und Jahrzehnte auch über eine Durchbindung bis Bad Berleburg und langfristig bis Siegen nachzudenken, da Stichstrecken nur begrenzt attraktiv sind“. Dieser Aspekt spielt in den Visionen der Politiker zwar auch eine Rolle – „aber wir wollen auf gar keinen Fall den Radweg wieder zurückbauen. Dafür hat er einen viel zu hohen Stellenwert“, unterstrich Christian Klein.

Für den Battenberger Bürgermeister muss es gar nicht unbedingt einen Weiterbau der Stichstrecke zwischen Frankenberg und Battenberg geben: „Es wäre auch denkbar, diese Schienenverbindung ab der Bergstadt durch eine angemessen vertaktete Buslinie zu verlängern.“

Wie auch immer die Nutzen-Kosten-Untersuchung für die Bahnstrecke zwischen Frankenberg und Battenberg ausfallen wird: Die Verkehrswende ist „kompliziert, aber machbar“, so Marburg-Biedenkopfs Erster Kreisbeigeordneter Marian Zachow. „Der Wille dazu ist da“, signalisierte Landrat Jürgen van der Horst. Waldeck-Frankenbergs Erster Kreisbeigeordneter Karl-Friedrich Frese machte unmissverständlich klar: „Es handelt sich letztlich um Klimaschutz. Den dafür eingeschlagenen Weg müssen wir gehen.“ 

NVV hat eine umsteigefreie Verbindung im Blick

Mit der möglichen Reaktivierung der zwölf Kilometer langen Eisenbahnstrecke zwischen Frankenberg und Battenberg würde der ländliche Raum eine weitere Verbindung mit dem Verkehrssystem Bahn bekommen. In diesem Fall könnten gleichzeitig das Mittelzentrum Frankenberg und die Universitätsstadt Marburg angebunden werden. Davon würden Pendler, Studierende, Schülerinnen und Schüler genauso profitieren wie Touristen.

Diese Position vertritt der Nordhessische Verkehrs-Verbund (NVV), wie dessen Pressesprecherin Sabine Herms auf Anfrage unserer Zeitung berichtete.

Sabine Herms, Pressesprecherin des Nordhessischen Verkehrs-Verbunds (NVV).
Sabine Herms, Pressesprecherin des Nordhessischen Verkehrs-Verbunds (NVV). © NVV

Eine besondere Qualität biete die Vernetzung mit den anderen Bahnstrecken, so dass eben auch Ziele Richtung Rhein-Main und Nordrhein-Westfalen „einfach und komfortabel zu erreichen wären. Insgesamt erfreut sich das Bahnfahren großer Beliebtheit, wie sich bei der Strecke Frankenberg-Korbach eindrucksvoll zeigt“.

Deren insgesamt 22,9 Millionen Euro teure Reaktivierung hat sich laut NVV entgegen aller Befürchtungen, Kritik und Erwartungen für die gesamte Region gelohnt. Mehr als 340 000 Fahrgäste nutzten jährlich die im September 2015 eingeweihte Strecke. „Damit hat sich die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer seit dem Start mehr als verdoppelt“, sagte Pressesprecherin Sabine Herms.

Die Verbindung, die im Jahr 1987 stillgelegt worden war, werde nicht nur für die täglichen Wege zur Arbeit, Schule und Ausbildung, sondern auch für Reisen zu touristischen Zielen wie dem Edersee, dem Nationalpark Kellerwald oder ins Skigebiet Willingen genutzt, erläuterte Herms. Sie seien damit mit der Bahn auch aus Nordrhein-Westfalen, Süd- und Mittelhessen zu erreichen.

Auch ist daran gedacht, dass die Fahrgäste aus Battenberg mit Ziel Marburg in den Hauptverkehrszeiten durch ein sogenanntes Flügelungskonzept in Frankenberg im Zug sitzen bleiben und eine umsteigefreie Verbindung erhalten könnten.

All das wird bei der laufenden Nutzen-Kosten-Untersuchung (NKU) nach einem standardisierten Verfahren geprüft und abschließend bewertet. Herms: „Bis zu einer möglichen Reaktivierung rechnen wir mit Zeitabläufen zwischen 10 und 15 Jahren.“ Die vorhandene Trasse kann laut NVV genutzt werden. Erneuert werden müssten der Aufbau des Gleises, die Leit- und Sicherungstechnik, die Stationen und fast alle Bauwerke wie Brücken und Durchlässe.

Die NVV-Pressesprecherin sprach von einer „konkret gelebten Verkehrswende. Das geht am besten mit großen Arbeitgebern vor Ort, wenn diese so aktiv pro Klimaschutz sind wie das Unternehmen Viessmann“.

Welche Rolle dabei der weltweit tätige Hersteller von Heiz- und Kühltechnik spielen könnte, beispielsweise auch durch die Einrichtung einer Werksbahn zur Beförderung der Mitarbeiter, dazu wollte sich Sabine Herms nicht näher äußern. Nur so viel: „Dazu sind weitere Untersuchungen notwendig. Grundsätzlich hat ein Betriebsstandort mit vielen Beschäftigten Einfluss auf die mögliche Nachfrage bei einem attraktiven Angebot im Öffentlichen Personennahverkehr. Erste Ideen werden auch mit dem Verein Klimaneutrales Waldeck-Frankenberg und dem Landkreis besprochen.“

Darauf verwies ebenso Waldeck-Frankenbergs Erster Kreisbeigeordneter Karl-Friedrich Frese während des Informationsaustauschs auf politischer Ebene im Battenberger Rathaus: „Wir ziehen an einem Strang.“

Nicht über eine Werksbahn, aber über Betriebsbusse dachte Landrat Jürgen van der Horst laut nach: „Das geht aber nur raumübergreifend.“ Ein solches Angebot hatte es bei der Firma Viessmann vor Jahrzehnten schon einmal gegeben. Allendorfs Bürgermeister Claus Junghenn: „Eine gute Idee, aber man muss dies aus Sicht der Nutzer auch unter Kostengesichtspunkten betrachten.“

Neben dem Ausbau des Bahnangebots und dem Einsatz von Betriebsbussen brachte Marburg-Biedenkopfs Erster Kreisbeigeordneter Marian Zachow auch den verstärkten Einsatz von grenzüberschreitenden Schnellbuslinien ins Gespräch, um den Öffentlichen Personennahverkehr zu verbessern: „Das allein reicht zwar nicht aus, wäre aber ein weiterer, guter Schritt.“

Ob nun, Bahn, Bus oder Anruf-Sammel-Taxi – für Landrat Jürgen van der Horst geht es perspektivisch darum, „für die Menschen das unter den gegebenen Umständen bestmögliche Gesamtkonzept zu erarbeiten“. Für eine Mobilitätswende müssten die Rahmenbedingungen stimmen. Mag das 9-Euro-Ticket für die Ballungszentren sinnvoll gewesen sein, habe es für den ländlichen Raum vergleichsweise unbefriedigend gewirkt: „Die Angebotsqualität muss besser werden.“ Einen guten Öffentlichen Personennahverkehr bekomme man nicht zum Nulltarif. Van der Horst: „Da muss Geld in die Hand genommen werden.“

Hin und wieder rollen noch Güterzüge

Am 15. November 1910 war der Bahnverkehr zwischen Frankenberg, Allendorf und Hatzfeld in Betrieb genommen worden. Am 15. August 1911 ging auch die restliche Strecke zwischen Hatzfeld und Bad Berleburg in Betrieb.

Am 29. Mai 1981 um 14.55 Uhr verließ der letzte lokbespannte Reisezug nach Frankenberg den Bahnhof von Bad Berleburg. Einen Tag später, am 30. Mai 1981, fuhr der letzte Zug des Streckenteils Hatzfeld – Frankenberg.

Es gab zwar noch einmal Personennahverkehr in Triebwagen ab dem Jahr 2005 zwischen Frankenberg und Battenberg. Es handelte sich um ein touristisches Angebot an Sonn- und Feiertagen. Es wurde nach einigen Jahren aber wieder eingestellt.

Derzeit rollen sporadisch Güterzüge auf dem rund zwölf Kilometer langen, noch vorhandenen Abschnitt zwischen Frankenberg und Battenberg. Es handelt sich um Züge, die Holz aus der Region abtransportieren.

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