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Stolpersteine erinnern in Battenberg an Holocaust-Opfer

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Sieben Stolpersteine wurden am Donnerstag von Hannah Mills (Mitte), der Nachfahrin eines Überlebenden, am Haus Hauptstraße 54 unter einer Sandschicht freigelegt und damit enthüllt. Neben ihr stehen ihr Ehemann Nadav Pais-Greenapple und Hausbesitzer Norbert Becker, der mit Ortsvorsteher Felix Horsel (3. von rechts) zu den Initiatoren des Battenberger Stolperstein-Projektes gehört.
Sieben Stolpersteine wurden am Donnerstag von Hannah Mills (Mitte), der Nachfahrin eines Überlebenden, am Haus Hauptstraße 54 unter einer Sandschicht freigelegt und damit enthüllt. Neben ihr stehen ihr Ehemann Nadav Pais-Greenapple und Hausbesitzer Norbert Becker, der mit Ortsvorsteher Felix Horsel (3. von rechts) zu den Initiatoren des Battenberger Stolperstein-Projektes gehört. © Karl-Hermann Völker

Im Gedenken an jüdische Opfer nationalsozialistischer Verfolgung sind in Battenberg acht Stolpersteine verlegt worden.

Battenberg – Aus der Bürgerschaft des Städtchens Battenberg (Waldeck-Frankenberg) wurden nach 1933 mehr als 30 Menschen aus politischen und rassistischen Gründen Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Jetzt wurde an acht von ihnen unter großer Anteilnahme der Bevölkerung erstmals eine nachhaltige Form öffentlichen Gedenkens gefunden: An zwei Stellen der Hauptstraße wurden Stolpersteine mit ihren Daten verlegt, die damit nun Teil des länderübergreifenden Gedenkprojektes des Künstlers Gunter Demnig (Elbenrod) mit mehr als 100 000 Steinen sind. Der 76-Jährige konnte aus gesundheitlichen Gründen selbst nicht anwesend sein.

Verlegung von Stolpersteinen in Battenberg: Enkelin eines Holocaust-Überlebenden war dabei

Wohl aber besondere Gäste aus Amerika: Hannah Mills, Enkelin des aus Battenberg verschleppten und überlebenden Hans-Joseph („Harry“) Isenberg, die mit ihrem Mann Nadav Pais-Greenapple aus Farmington Hills (Michigan) angereist war, um an der feierlichen Zeremonie teilzunehmen. Sie ist pädagogische Mitarbeiterin im örtlichen „Zekelman Holocaust Center“ und hat im vergangenen Jahr dort am Jahrestag der Befreiung von Bergen-Belsen die Geschichte ihres Großvaters Harry Isenberg (1930-1961) publiziert.

Beim Empfang im alten Rathaus schilderte sie sehr bewegt, wie er mit seinen Eltern Gustav und Berta Isenberg 1941 aus Battenberg in das Ghetto Riga verschleppte wurde. „Er war doch ein ganz normales deutsches Kind!“ Der damals elfjährige Junge überlebte als einziger wie durch ein Wunder verschiedene Lager, zuletzt das 1945 durch Briten befreite KZ Bergen-Belsen. In Amerika sprach er nie wieder über diese schreckliche Zeit. Hannah Mills: „Ich war 7 Jahre alt, als ich erfuhr, dass mein Großvater ein Überlebender des Holocaust war!“

An der Hauptstraße 28 erinnert jetzt in Battenberg ein Stolperstein an Selma Löwenstein, die 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde.
An der Hauptstraße 28 erinnert jetzt in Battenberg ein Stolperstein an Selma Löwenstein, die 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. © Völker, Karl-Hermann

Nachdem an den Ortsbeirat von Battenberg aus der Bevölkerung schon vor längerer Zeit der Wunsch nach einer Ehrung der jüdischen Opfer durch Stolpersteine herangetragen worden war, hatte Ortsvorsteher Felix Horsel bei der Recherche im Internet zu Einzelschicksalen auch die in der Gedenkarbeit aktive Hannah Mills entdeckt. Ihre Anwesenheit war für Horsel Zeichen dafür, „dass die Geschichte, die wir hier aufarbeiten, nicht nur Vergangenheit ist. Sie lebt in den Nachkommen weiter, in den Familien, die die Narben der Geschichte tragen.“ Es sei unsere Verantwortung, „die Lehren der Vergangenheit zu bewahren und aktiv gegen jede Form von Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung einzutreten“, betonte der Ortsvorsteher. Alle Teilnehmer der Feier bekamen eine gedruckte Broschüre mit den von ihm ermittelten Daten der Opfer.

Bereits am ersten Tag ihres Besuchs in Deutschland, der für das junge Ehepaar zugleich auch Teil einer Hochzeitsreise durch Europa ist, hatten die Gäste bei einem Stadtrundgang Battenberg kennengelernt, dabei auch Spuren jüdischer Familien verfolgt, mit denen ihre Großeltern befreundet waren.

In Battenfeld führte sie Rainer Gasse von der Gedenktafel am Backhaus zum Platz der nach der Pogromnacht vernichteten Synagoge und zum jüdischen Friedhof. Bürgermeister Christian Klein sah im Besuch der Amerikaner auch ein Zeichen der Versöhnung und lud sie ein, sich als Ehrengäste in das Goldene Buch der Stadt einzutragen. „Unsere Geschichte hat gezeigt, wie schnell Nachbarn und Freunde zu Feinden werden können. Und leider sehen wir das derzeit wieder sehr genau!“

Verlegung von Stolpersteinen: Harry Isenberg überlebte als einziger seiner Familie

Der mit seinen Eltern Gustav und Berta Isenberg 1941 aus Battenberg in das Ghetto Riga verschleppte, damals elfjährige Junge Hans-Joseph („Harry“) Isenberg überlebte wie durch ein Wunder. Durch offizielle Dokumente und dessen persönliche Aufzeichnungen erfuhr seine Enkelin Hannah Mills, dass er nach einem Kindertransport 1939 nach Antwerpen im Sommer 1941 nach Deutschland zurückgeschickt wurde, um der Verfolgung durch die Nazis in Belgien zu entkommen.

Harry Isenberg im Jahr 1953.  Er 1941 als Elfjähriger von Battenberg ins Ghetto Riga verschleppt worden.
Harry Isenberg im Jahr 1953. Er 1941 als Elfjähriger von Battenberg ins Ghetto Riga verschleppt worden. © Völker, Karl-Hermann (Repro)

Im Dezember desselben Jahres wurde seine Familie in das Rigaer Ghetto deportiert, wo er bis zu seiner Schließung blieb und abscheuliche Bedingungen und rheumatisches Fieber überlebte.

Er war der letzte seiner Familie, der noch am Leben war. Von dort aus erwähnen seine Briefe die lettische Hafenstadt Libau, ein wichtiger Ort der Evakuierung, als sich die Russen an der Ostfront näherten. Er nahm offenbar ein Schiff von dieser Stadt nach Hamburg und wurde kurzzeitig in Neuengamme interniert, bevor er den letzten Monat seiner Haft in Bergen-Belsen bis zur Befreiung durch die Briten verbrachte.

Harry konnte 1946 nach kurzer Erholungszeit in Schweden nach Amerika auswandern. „Dort litt er sein Leben lang gesundheitlich an den Folgen der Lagerkrankheiten und starb deshalb bereits mit 51 Jahren“, berichtete seine Enkelin im alten Battenberger Rathaus. Nun erinnert ein Stolperstein in Battenberg auch an ihn. (Karl-Herrmann Völker)

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