Benennungsverfahren für Amtszeit 2022 bis 2027 läuft

Ortslandwirte vermitteln zwischen Bauern, Behörden und Bürgern

Selbstvermarktung: Gemündens Ortslandwirt Jens Möbus im eigenen Hofladen. Regionalität ist für den 48-Jährigen ein wichtiger Baustein seiner Tätigkeit.
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Selbstvermarktung: Gemündens Ortslandwirt Jens Möbus im eigenen Hofladen. Regionalität ist für den 48-Jährigen ein wichtiger Baustein seiner Tätigkeit.

Die Amtszeit der ehrenamtlichen Ortslandwirte endet am 31. Dezember 2021. Derzeit finden Versammlungen zur Benennung des jeweiligen Ortslandwirtes für 2022 bis 2027 statt.

Waldeck-Frankenberg – Mit 2000 Betrieben ist die Landwirtschaft in Waldeck-Frankenberg ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. In den verschiedenen Regionen und Orten sind die Ansprüche und Bedürfnisse der Landwirte und die Anforderungen an sie unterschiedlich. Deshalb gibt es spezielle Ansprechpartner: die sogenannten Ortslandwirte. Sie sind Mittler zwischen Landwirten, Behörden und der Bevölkerung. 182 gibt es im Landkreis. Waldeck-Frankenberg gilt damit als Kreis mit den meisten Ortslandwirten in Hessen.

Die Amtszeit der ehrenamtlichen Ortslandwirte beträgt sechs Jahre. Die aktuelle Periode endet am 31. Dezember 2021. Derzeit finden in den Orten Versammlungen zur Benennung des jeweiligen Ortslandwirtes für die Wahlperiode 2022 bis 2027 statt.

Teilnahmeberechtigt sind alle Betriebsinhaber, mithelfende Familienangehörige sowie Arbeitnehmer aus landwirtschaftlichen Betrieben mit mehr als acht Hektar landwirtschaftlicher Fläche (2,2 ha bei Sonderkulturen). Sie müssen ihren Wohnsitz seit mindestens drei Monaten in Hessen haben, Deutscher sein und das 18. Lebensjahr vollendet haben.

„Früher wurde die Wahl von einem Bediensteten der Gemeinde oder des Landwirtschaftsamtes abgehalten, heute wird sie von bisherigen Amtsinhabern organisiert“, schilderte auf Anfrage Matthias Eckel, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Frankenberg.

Das Benennungsverfahren, bei dem die Orte die Wahl des Ortslandwirtes selbst organisieren, gibt es nach seinen Angaben seit 1997. Es wurde eingeführt, „weil das bisherige Wahlverfahren mit erheblichem bürokratischem Aufwand verbunden war. Darüber hinaus ist die Benennung in 98 Prozent der Fälle völlig unstrittig. Meist gibt es nur einen Bewerber“, sagt Eckel.

Das letzte Wort bei der Benennung allerdings hat der Gebietsagrarausschuss, der beim Kreis Waldeck-Frankenberg angesiedelt ist. Grundlage für die Benennung der Ortslandwirte durch den Gebietsagrarausschuss sind die bei ihm eingegangenen Vorschläge aus den einzelnen Bezirken. In der Regel wird nicht gegen das Mehrheitsvotum entschieden.

Dieser Ausschuss setzt sich zusammen aus Vertretern ländlicher Gruppierungen wie Bauernverband, Gewerkschaft, Landjugend, Landfrauen, Öko-Landbau, Verein für landwirtschaftliche Fortbildung und Gärtner. Vorsitzender ist Kreislandwirt Martin Vollbracht (Diemelsee-Giebringhausen).

Jens Möbus aus Gemünden berichtet über seine Tätigkeit als Ortslandwirt

Für Jens Möbus ist die Regionalität der Dreh- und Angelpunkt seines Handelns – als hauptberuflicher Landwirt und als ehrenamtlicher Ortslandwirt für den Bezirk Kernstadt Gemünden. Auf seinem landwirtschaftlichen Betrieb am Rande der Wohrastadt führt Jens Möbus mit seiner Familie einen Hofladen. In dem kleinen Geschäft werden Produkte aus eigener Herstellung verkauft.

„Es ist sehr wichtig, hochwertige Lebensmittel anzubieten, die auch aus der Region stammen, aus der die Menschen kommen“, beschreibt der 48-Jährige. Letztendlich dient diese regionale Selbstvermarktung auch als weiteres Standbein zur Existenzsicherung der Landwirte.

Jens Möbus ist seit 2010 Ortslandwirt für seinen Bezirk. Nach dem Stand der Dinge wird er auch von 2022 bis 2027 dieses Amt bekleiden. Er vertritt zehn Betriebe mit einer Größe von jeweils mehr als acht Hektar.

Er versteht sich als regionaler Ansprechpartner in allen landwirtschaftlichen Bereichen. Er ist vor Ort, ist greif- und ansprechbar. Er ist in seinem Umfeld die erste Adresse. Möbus gibt ebenso Antworten auf Fragen von auswärtigen Besitzern von Grundstücken in Gemünden, zum Beispiel zur Pacht, wie von Berufskollegen, etwa zu Neuerungen in der Gesetzgebung. Das klappt sehr gut, wenn auch nicht immer: „Wenn ich wirklich einmal nicht weiter weiß, mache ich mich anderweitig schlau, um weiterzuhelfen.“ Ein regionales Netzwerk als Fundament.

Es kommt auch schon einmal vor, dass er Bekanntschaft mit der Polizei bekommt – wenn Gesetzeshüter seine Ortskenntnisse brauchen. Beispielsweise, wenn Tiere aus einem Stall oder von einer Weide das Weite gesucht haben. Dann müssen die Halter gefunden werden. „Da ist schnelles Handeln gefragt. Denn neben dem Leben der Tiere geht es auch darum zu verhindern, dass unter Umständen der Straßenverkehr gefährdet wird“, unterstreicht Jens Möbus.

Da helfen ihm langjährige Berufserfahrung und gute Kenntnisse der regionalen Zustände und Besonderheiten: „Wenn ich zum Beispiel nachts um Drei von der Polizei telefonisch über ausgerissene Ziegen informiert werde, weiß ich gleich, wen ich als wahrscheinlichen Halter anrufen muss.“

Derartige nächtliche Aktionen bilden aber übers Jahr betrachtet die Ausnahme. Auch die Arbeitsbelastung als Ortslandwirt hält sich in erträglichen Grenzen. Eine kleine Aufwandsentschädigung ist der Lohn neben seiner zentralen Bedeutung in landwirtschaftlichen Angelegenheiten in seinem Bezirk.

Einen größeren Raum seiner ehrenamtlichen Tätigkeiten nehmen Grundstücksangelegenheiten ein. Denn die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Flächen steigt, gerade durch Wohnbebauungen und Industriegebiete. Wer landwirtschaftliche Flächen verkaufen will, kann sich seinen Käufer nicht immer selber aussuchen: Die Ortslandwirte können ihr Veto einlegen, wenn der Käufer selbst kein Landwirt ist.

Für landwirtschaftliche Betriebe sei es wichtig, dass Eigentumsflächen zur Betriebssicherheit vorhanden seien. Dass beispielsweise für Milchkühe ausreichend Futter produziert werden könne.

Interessiere sich ein Landwirt für eine angebotene Fläche, müsse er nachweisen, dass er die Fläche zur Existenzsicherung bewirtschaften wolle. In solchen Fällen gibt es zwar ein Vorkaufsrecht für Landwirte, die müssen aber zu den ursprünglich vertraglich vereinbarten Konditionen zugreifen. Mitunter kein Pappenstiel. Möbus: „Das Vorkaufsrecht wird selten genutzt.“

An die künftige Bundesregierung gerichtet hat der Gemündener Ortslandwirt einen Wunsch: „Es ist wichtig, dass es endlich zu Bürokratieabbau kommt. Wir Landwirte brauchen etwas mehr Luft für eigene unternehmerische Entscheidungen.“

Ansprechpartner für ortskundige Auskünfte

Ansprechpartner für fundierte und ortskundige Informationen und Auskünfte ist der Ortslandwirt, der oft als Vermittler zwischen Verwaltung und Bürgern im ländlichen Raum fungiert. Zu seinen wichtigsten Angelegenheiten gehören Agrar- und Marktstruktur, Landschaftspflege und Grundstücksverkehr durch Beratung, Stellungnahme und Erteilung von Auskünften. Ortslandwirte werden auch von der Gemeindeverwaltung, anderen Behörden und der Polizei um Hilfe gebeten.

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