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Betrugsprozess endet mit Bewährung: „Ich begann wie Robin Hood“

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Von: Matthias Schuldt

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Prozesspause: die Dose, in der das Geld gehortet war, im Fritzlarer Amtsgericht.
Prozesspause: die Dose, in der das Geld gehortet war, im Fritzlarer Amtsgericht. © Matthias Schuldt

Ein Jahr Haft auf Bewährung lautet ein Urteil am Fritzlarer Amtsgericht. Angeklagt: ein Schulleiter, wegen betrügerischer Honorarabrechnungen.

Waldeck-Frankenberg/Fritzlar – Einen außergewöhnlichen Prozess führte das Fritzlarer Schöffengericht am Donnerstag unter Vorsitz von Corinna Eichler: Mit einem Angeklagten, der seinen Arbeitgeber in Waldeck-Frankenberg über Jahre gewerbsmäßig betrog, das an sich gebrachte Geld aber bar in einer übergroßen Kaffeedose hortete, statt es auszugeben.

Kurz vor Antritt seines Ruhestandes 2021 legte der Angeklagte den Betrug seinem Arbeitgeber offen, gab die gesamte Summe zurück und zahlte darüber hinaus Geld an die Klinik, deren Krankenpflegeschule er 30 Jahre geleitet hatte. Seine Hoffnung, das Unternehmen werde Gnade vor Recht ergehen lassen, weil er reinen Tisch machte, erfüllte sich nicht. Der Arbeitgeber erstattete Anzeige. „Das kann sie doch nicht wirklich überrascht haben?“, wunderte sich Richterin Eichler.

„...und ich wurde zum Sheriff von Nottingham.“

„Ich begann wie Robin Hood und wurde zum Sheriff von Nottingham‘‘, charakterisierte der heute 65-Jährige seine Geschichte. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, zwischen 2016 und 2020 knapp 40 000 Euro ergaunert zu haben. Der Schulleiter erfand Schulstunden, die es nie gab und ließ dafür von der Buchhaltung Honorare an freie Dozenten überweisen, die es nicht gab. Das Geld floss auf Konten, die dem Angeklagten gehörten oder über die er verfügte.

Sein Motiv: „Die Auszubildenden wurden bei uns unter Tarif bezahlt. Sie erhielten nur 700 Euro brutto im Monat.“ Bei etlichen, die keine zusätzliche Unterstützung erfuhren, etwa von ihren Eltern, habe das kaum zum Leben gereicht. „Ich erfand eine ‘Unterstützungskasse‘, aus der ich solchen Schülern Geld zusteckte“, schilderte der Mann und präsentierte dem Gericht den Blechbehälter, der als Spardose diente.

Arbeitgeber wurde ohne dessen Wissen an „Unterstützungskasse“ für Schüler „beteiligt“

Er bestückte die „Unterstützungskasse“ zunächst nur aus eigener Tasche, dachte sich den Titel aus, „weil ich die Schüler nicht damit beschämen wollte, von ihrem eigenen Lehrer Geld anzunehmen.“ Irgendwann sei er auf die Idee verfallen, den Arbeitgeber an diesem Projekt „zu beteiligen“; auf die geschilderte, betrügerische Weise, denn die Klinik habe sich nicht einmal in Härtefällen hilfsbereit gegenüber Schülern gezeigt.

Nur: All diese „Robin Hood“-Einsätze spielten sich vor 2015 ab, denn in dem Jahr stockte der Arbeitgeber die Löhne der Auszubildenden deutlich auf. Zusätzliche Hilfe war nicht mehr nötig. Diese Taten sind verjährt, sodass sie am Donnerstag nicht Gegenstand der Anklage waren. Weshalb aber machte der Angeklagte weiter? Weil er 2015 in eine vielgestaltige, tiefe persönliche Lebenskrise schlitterte. Der Betrug geriet zur Zwangshandlung. Jeder Eingang auf den Konten vermittelte dem Mann ein kurz währendes Hochgefühl. „Wie eine Sucht“, meinte der Staatsanwalt. Wie jemand, der kleptomanisch nicht wegen der Beute stiehlt, sondern wegen des Kicks, den ihm die Tat verleiht.

Angeklagter beruhigte schlechtes Gewissen durch „Strafzahlung“ aus eigener Tasche

Sein schlechtes Gewissen versuchte der Angeklagte zu beruhigen, indem er nicht nur jeden Zahlungseingang in bar in die Dose steckte, sondern jedes Mal zusätzliche 50 Euro aus dem eigenen Portemonnaie. „Mein Kopf sagte: Hör auf! Mein Bauch sagte: Mach weiter“, beschrieb der 65-Jährige seinen damaligen, inneren Kampf.

Den Ausweg fand der Angeklagte erst, als er sich in seiner seelischen Not einem Psychologen öffnete und eine Therapie begann. Gemeinsam entwickelten sie einen Plan für den Ausstieg: das Auflösen der für den Betrug genutzten Konten, den vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand mit zugleich der Offenbarung gegenüber dem Arbeitgeber und dem Wiedergutmachen des Schadens.

64 000 Euro an Arbeitgeber zurückgezahlt

64 000 Euro zahlte der Angeklagte vor Beginn der Strafverfolgung an seinen Arbeitgeber, darunter die 40 000 Euro aus der Dose und weitere Summen, welche die Klinik einforderte. Dazu zählten Verwaltungsgebühren in Höhe von 13 000 Euro.

Der Angeklagte allein engagierte freie Dozenten für die Schule und löste die Überweisungen an sie aus. „Es gab kein Vier-Augen-Prinzip? Als würde eine Bank ihren Tresor öffnen und jeder könnte Geld mit der Schubkarre abholen“, war ein Schöffe verblüfft angesichts solcher Organisationsmängel trotz siebenstelliger Jahresumsätze.

Niemandem fiel der Betrug auf

„Wunderten sich die Schüler nicht, wenn Stunden, die im Stundenplan standen, gar nicht gegeben wurden?“, wollte der zweite Laienrichter wissen. Es habe ein offizieller Stundenplan für die Schüler existiert und ein schulinterner für die Abrechnung, antwortete der Angeklagte. „Und dieser Widerspruch fiel niemandem auf?“, staunte der Schöffe. „Nein, das glich niemand ab“, antwortete der Ex-Schulleiter.

Er berichtete von einem schlechten Betriebsklima. Den Draht zur unmittelbaren Vorgesetztenebene bewertet er zwar als gut. Bei der Geschäftsleitung seien aber schwer Termine zu erhalten gewesen, etwa, wenn Schüler marode Unterrichtsräume bemängelten. In der Corona-Krise sei das Unternehmen aus Sicht des Angeklagten rau mit mutmaßlichen Fehlern leitender Mitarbeiter umgegangen. In dieser Atmosphäre habe er ältere Ansätze verworfen, sich früher mit seinem Betrug dem Arbeitgeber zu offenbaren.

Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre Haft auf Bewährung

110 einzelne betrügerische Überweisungen stellte die Staatsanwaltschaft fest und wertete das als Beleg „erheblicher krimineller Energie“. Die Taten selbst waren der einzige Punkt, der zulasten des Angeklagten zu Buche schlug. Alle übrigen Umstände wirkten sich selbst aus Sicht der Anklagevertretung zu seinen Gunsten aus: das zu Beginn „edle Motiv“, die Offenbarung gegenüber dem Arbeitgeber, der vor Anklage wieder gut gemachte Schaden, das volle Geständnis vor Gericht, seine Reue, das leere Vorstrafenregister. Bei einem theoretischen Strafrahmen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft für jeden einzelnen Betrug forderte die Anklagevertretung eine Gesamtstrafe von zwei Jahren, für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Zudem solle der Angeklagte 10 000 Euro für einen guten Zweck zahlen.

Verteidigerin Oxana Köhler bestritt die „erhebliche kriminelle Energie“. Die Umstände hätten es dem Angeklagten sehr leicht gemacht. Sie plädierte auf eine Haftstrafe von „maximal zwei Jahren auf Bewährung“ und 2000 Euro Zahlung an eine wohltätige Einrichtung oder Organisation.

Angeklagter muss 2400 Euro an eine Homberger Schule zahlen

Das Schöffengericht verurteilte den 65-Jährigen zu einem Jahr Gefängnis, das für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt ist. Außerdem hat der Mann 2400 Euro an eine Homberger Schule zu überweisen, „weil das Ihrem ursprünglichen Motiv, Jugendliche in der Ausbildung zu unterstützen, entspricht“, begründete Richterin Corinna Eichler.

Sie und die zwei Laienrichter blieben deutlich unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, weil sie nicht 110 einzelne Taten identifizierten, sondern deutlich weniger: 40. „Denn mit einem Tastendruck, einer einzigen Handlung am Computer, wurden zumeist an einem Datum mehrere Überweisungen getätigt“, erklärte die Richterin.

Der Angeklagte nahm das Urteil an. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob sie auf Berufung verzichtet.

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