Mischwaldfläche

NABU-Antrag: Naturwald am Großen Diedensberg bei Bromskirchen ausweisen

Im Bannwald am großen Diedensberg bei Bromskirchen: NABU-Kreisvorsitzender Heinz-Günther Schneider.
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Im Bannwald am großen Diedensberg bei Bromskirchen: NABU-Kreisvorsitzender Heinz-Günther Schneider.

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat beim hessischen Umweltministerium beantragt, rund 1300 Hektar Mischwaldfläche im Bereich des Großen Diedensberges bei Bromskirchen als Naturwald auszuweisen.

Bromskirchen/Osterfeld - Dabei geht es zum einen um den Schutz seltener Vogelarten, zum anderen um die Frage, welche Baumarten trotz des Klimawandels künftig von Natur aus in unseren Breiten noch wachsen können. Nach Ansicht der Naturschutzverbände sind Buchen- und Eichenwälder besonders geeignet; viel besser jedenfalls als Fichten, die flach wurzeln und in trockenen Jahren zu wenig Wasser bekommen.

Zusammen mit dem NABU-Kreisvorsitzenden und Schutzgebietsbetreuer Heinz-Günther Schneider war die HNA in dem beantragten Naturwaldgebiet unterwegs. Auf eine besondere Fläche machte Heinz-Günther Schneider in der Nähe von Osterfeld aufmerksam: Dort wurden Anfang der 1990er-Jahre rund 40 Hektar Wald als Prozessschutzfläche oder „Bannwald“ ausgewiesen.

„In ganz Hessen hat man damals etwa 40 solcher Flächen ausgewiesen, um zu sehen, wie sich der Wald ohne jegliche Nutzung entwickelt“, erklärt Schneider. Am Diedensberg hat man den direkten Vergleich: Links des so genannten Amtsweges wird der Wald forstwirtschaftlich genutzt, rechts hat man den Mischwald, in dem überwiegend Buchen und Eichen stehen, sich selbst überlassen.

„Unser Anliegen ist es, den Bannwald zusammen mit mehreren verstreuten, kleinen Prozessschutzflächen auf etwa 440 Hektar Kernfläche auszuweiten“, sagt der NABU-Kreisvorsitzende.

Mindestens drei Schwarzstorch-Paare

Das geplante Naturwald-Gebiet (Schneider: „Alles Staatswald“) erstreckt sich grob von einer Linie Battenberg-Dodenau bis zum Viadukt Bromskirchen entlang der Bundesstraße 236. Eingebettet ist das Gebiet in das etwa 28 000 Hektar große Vogelschutzgebiet Rothaargebirge. Schneider: „In dem gesamten Vogelschutzgebiet brüten mindestens drei Schwarzstorch-Paare, darüber hinaus unter anderem der Wespenbussard, Rotmilan, Schwarz-, Grau- und Mittelspecht sowie der Raufußkauz und die Hohltaube.“

Anfang der 1990er-Jahre hatte es Pläne gegeben, den Großen Diedensberg und dessen Umgebung als Nationalpark auszuweisen. In diese Richtung gebe es nun aber „keinerlei Ambitionen“ mehr. Wanderer und Naturfreunde müssten sich keine Sorgen machen: „Da kann der Mensch nach wie vor rein. Der Wald wird nur aus der Bewirtschaftung genommen“, versichert der NABU-Kreisvorsitzende.

Nach der „Biodiversitätsstrategie“ des Landes Hessen sollten bis 2020 eigentlich 5 Prozent des hessischen Waldes einer natürlichen Entwicklung unterliegen. Dafür fehlen laut NABU noch 9600 Hektar – oder 1,2 Prozent. „Wir wollen weg von den Flickenteppichen der Bannwälder, weil das langfristig für den Artenschutz weniger effizient ist“, sagt Schneider.

Frei stehende Buchen bekommen Sonnenbrand

Typisch für die gängige Bewirtschaftung des Laub- oder Mischwaldes ist es, dass Forstleute „Zukunftsbäume“ markieren. Diese sollen möglichst gerade und ohne Äste im unteren Bereich wachsen, damit man das Stammholz gut vermarkten kann. Rund um die „Z-Bäume“ werden andere gefällt, damit die Zukunftsbäume Platz haben, um sich zu entfalten.

Das hat aus Sicht des Naturschutzbundes nicht nur Vorteile. Im bewirtschafteten Wald stünden im Endstadium der Nutzung nur rund ein Drittel der Bäume im Vergleich zu einem gleichaltrigen Naturwald, bei dem man von oben auf ein dichtes Blätterdach schaue. „Im Wald ist es im Sommer schon regulär vier bis fünf Grad kälter“, sagt Heinz-Günther Schneider. „Im Naturwald sind es noch etwa zwei Grad mehr.“ Das sei wichtig unter dem Aspekt des Klimawandels.

Wenn die Baumkronen nicht geschlossen seien, reagiere die Buche mit „Sonnenbrand und Schleimfluss“. Folge: Die Rinde falle ab, zwei bis drei Jahre später gingen die Bäume ein.

Ein weiteres Merkmal des Naturwaldes seien vermehrte Höhlen in den Bäumen, die jedes Jahr von Spechten angelegt würden. „Nachnutzer“ dieser Höhlen seien beispielsweise Hohltaube, Dohle, Raufuß- oder Sperlingskauz.

Schneider: „Ein typisches Indikator-Tier ist die Bechstein-Fledermaus, die pro Populationen bis zu 35 Höhlen oder Spalten benötigt. In bewirtschafteten Wäldern kommt die Bechstein-Fledermaus kaum noch vor.“

Innerhalb oder am Rande des beantragten Naturwaldgebietes liegen teilweise auch offene Wiesentäler wie Nitzelgrund, Linspherbach und Elbrighäuser Grund. Diese seien vor Jahrzehnten zunächst von Landwirten aus dem Wittgensteiner Land angepachtet worden, um dort Gülle auszubringen, die sie laut Gülleverordnung in Nordrhein-Westfalen auf ihren eigenen Flächen nicht ausbringen durften, berichtet Heinz-Günther Schneider.

„Das wollte aber die Forstverwaltung nicht, unter anderem aus jagdlichem Interesse.“ Die Gülle habe das Wild vertrieben.

Schneider: „Innerhalb von nur zwei Jahren wurden dort Naturschutzgebiete ausgewiesen. Dass das so schnell geht, habe ich sonst noch nie erlebt.“

Gedenkstein erinnert an Forstmeister Frevert

Dieser Gedenkstein erinnert an den Forstmeister Walter Frevert, der 1932 am Großen Diedensberg versuchsweise Muffelwild aussetzte.

Auf dem Großen Diedensberg gibt es auch die „Wilhelmshütte“; einfache Unterstände, die vermutlich einmal als Wetterschutz für Waldarbeiter angelegt wurden. Im Bereich Wilhelmshütte steht ein Gedenkstein des ehemaligen Forstamtes Battenberg, der an den früheren Forstmeister Walter Frevert erinnert.

Laut der Enzyklopädie „Wikipedia“ war Walter Frevert, der 1897 im Hamm/Westfalen geboren wurde und 1962 im Forstamt Kaltenbronn starb, ein „deutscher Forstmann, Jäger, Jagdschriftsteller und Kriegsverbrecher, der aufgrund seiner verschiedenen publizistischen Tätigkeiten seit den 1930er-Jahren großen Einfluss auf das deutsche Jagdwesen ausübte“.

1932 Mufflons ausgesetzt

Frevert ist Herausgeber und Autor von Büchern zur deutschen Jagd, wie dem 1936 im Auftrag von Hermann Göring und des Reichsbundes deutsche Jägerschaft erschienenen Buch „Jagdliches Brauchtum“.

„Diese Bücher sind bis heute Bestseller und gelten als Klassiker der deutschen Jagdliteratur, die Generationen von Jägern geprägt haben“, heißt es bei Wikipedia.

Von 1928 bis 1936 war Walter Frevert Leiter des Forstamtes Battenberg. 1932 setzte Frevert Mufflons am Oberen Diedensberg aus. Einige Tiere mit den typischen Hörnern gibt es dort bis heute.

Unter anderem aus Angst vor Klauenkrankheiten wie der „Moderhinke“ habe man die Mufflons in den letzten 20 Jahren abgeschossen, wenn sie ihre Gebiete verließen, erzählt Schneider. Grund dafür sei die Sorge, dass Mufflons Krankheiten auf Schafbestände übertragen könnten.

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