Interview mit Parkchef Manuel Schweiger

Buchensterben auch an Edersee-Steilhängen im Nationalpark Kellerwald

Wipfeldürre in den Buchen: Insbesondere an den Edersee-Steilhängen im Buchenwald-Nationalpark Kellerwald-Edersee setzen Trockenheit und hohe Sonneneinstrahlungen den Buchen zu.
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Wipfeldürre in den Buchen: Insbesondere an den Edersee-Steilhängen im Buchenwald-Nationalpark Kellerwald-Edersee setzen Trockenheit und hohe Sonneneinstrahlungen den Buchen zu.

Auch im Buchenwald-Nationalpark Kellerwald-Edersee beobachten Ranger in manchen Bereichen Buchensterben. Wie die Verwaltung damit umgeht, schildert Leiter Manuel Schweiger im Interview.

Kellerwald – Ob in den Wäldern der Forstämter Frankenberg-Vöhl oder Burgwald, den Stiftungsforsten Kloster/Haina oder bei der Kommunalwald-GmbH Waldeck-Frankenberg – alle sind vom Buchensterben betroffen. Auch im Buchenwald-Nationalpark Kellerwald-Edersee beobachtet man das Phänomen.

Anders als Waldbesitzer und Wirtschaftsbetriebe könne und müsse der Nationalpark die Entwicklung ergebnisoffen betrachten und greife so wenig wie möglich ein, sagt Leiter Manuel Schweiger im Interview mit unserer Zeitung..

Herr Schweiger, wie steht es um die Buchen im Nationalpark?

Im Zuge der Klimaerwärmung haben die allgemeine Trockenheit und hohe Sonneneinstrahlung der vergangenen Jahre auch an den Buchen im Nationalpark ihre Spuren hinterlassen. Die außergewöhnliche Trockenheit hat dazu geführt, dass insbesondere an den südexponierten Edersee-Steilhängen Bäume in Stress geraten. Im ursprünglichen Nationalparkgebiet scheinen sich die Auswirkungen durch den guten Kronenschluss noch in Grenzen zu halten.

Wie groß ist der Anteil der kranken Buchen?

Genaue Zahlen können wir derzeit noch nicht liefern. Was wir wissen: Im ursprünglichen Nationalparkgebiet gab es bis 2018 nahezu keine Austrocknungserscheinungen im Kronenbereich. Seit 2020 sieht man aber auch dort vermehrt trockene Äste in den Kronen und einzelne Buchen sterben ab. Das passiert aber nur punktuell verteilt über das ganze ursprüngliche Nationalparkgebiet. Flächiges Absterben haben wir dort bislang nicht.

Manuel Schweiger, Leiter Nationalpark Kellerwald-Edersee

Und wie sieht es im Bereich der 2020 neu zum Nationalpark hinzugekommen Flächen aus?

An den Edersee-Steilhängen im Erweiterungsgebiet sieht das leider etwas anders aus: Dort zeigten sich vielerorts bereits im August 2018 verfrühte Laubfärbung und Blattabwurf. Im Mai 2019 war zu beobachten, dass auch frische Blätter verdorrten. In den Jahren 2019 und 2020 kam es zu verstärktem Schleimfluss, aufgeplatzten Rinden und massiveren weiteren Schäden, wir sprechen von Komplexschäden. Insbesondere an den Südhängen, die stark von der Sonne beschienen sind, kommt es auch zum Ausfall ganzer Gruppen von Buchen, was in den vergangenen Jahren zu Straßensperrungen am Edersee geführt hat. Dort sind die Böden sehr flachgründig. Das heißt, es kann im Boden nur wenig Wasser gespeichert werden. Die Buchen krallen sich dort quasi in den blanken Fels.

Wie geht der Nationalpark mit dem Thema Buchensterben um?

Im Nationalpark gilt der Leitgedanke „Natur Natur sein lassen“. Entgegen der Waldbesitzer und Wirtschaftsbetriebe können und müssen wir die Entwicklung ergebnisoffen betrachten und greifen so wenig wie möglich ein. Deshalb können wir auch das vermehrte Absterben von Bäumen und den Wandel der Waldökosysteme lediglich wissenschaftlich beobachten und analysieren.

Was erhoffen Sie sich von den Analysen?

Es wird spannend zu lernen, in welcher Form es zu einer Verschiebung in der Zusammensetzung der Bäume im Nationalpark kommen wird, wie also die Natur auf die sich ändernden klimatischen Verhältnisse reagiert. Im Gegensatz zum Wirtschaftswald müssen wir zwar nicht mit Ertragseinbußen kalkulieren. Insbesondere der steigende Aufwand für die Verkehrssicherung beschäftigt uns allerdings sehr. Immerhin fällt durch die absterbenden Bäume vermehrt Totholz an, wovon wiederum viele unserer Naturwaldspezialisten, die in unserem Nationalpark leben, profitieren könnten.

Wie sehen Sie die künftige Entwicklung der Buchen im Nationalpark?

Perspektivisch gleicht eine Einschätzung der künftigen Entwicklung unseres Buchenwald-Nationalparks noch einem Blick in die Glaskugel, denn die Szenarien hängen entscheidend von der faktischen Einhaltung der Klimaziele ab. Die natürliche Dynamik im Ökosystem Buchenwald unterliegt so vielen verschiedenen Parametern, dass heute nicht mit Sicherheit prophezeit werden kann, inwieweit und in welchem Ausmaß sich eine andere Baumart durchsetzen könnte, wenn sich die Trockenheit der vergangenen Jahre auch in den Folgejahren fortsetzen und es zu einem massiven Buchensterben kommen würde.

Was kann der Nationalpark Kellerwald an Erkenntnissen zum Umgang mit dem Klimawandel beitragen?

Unser Nationalpark kann als Referenzgebiet dienen. Wir bekommen Antworten auf die Fragen: Wie geht die Natur mit den Folgen des Klimawandels um, wenn der Mensch mal nicht eingreift? Welche Strategien entwickeln sich? Davon können wir lernen und wertvolle Erkenntnisse für Forstwirtschaft und Gesellschaft ableiten. (Martina Biedenbach)

Zur Person

Manuel Schweiger (40) ist seit September Leiter des Nationalparks Kellerwald-Edersee. Er hat an der TU München Landschaftsökologie studiert, war ab 2008 bei einem Planungsbüro zuständig für Bundesvorhaben der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt.

Seit 2014 setzte er sich als Leiter des Deutschlandprogramms der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt für neue Schutzgebiete ein, in denen Natur Natur sein darf. Zudem rief er die Initiative „Wildnis in Deutschland“ ins Leben, der sich 20 Naturschutzorganisationen angeschlossen haben. Schweiger gilt als Experte für Schutzgebiete und die Bewahrung von natürlichen Lebensräumen für bedrohte Arten. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. su

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