Buchtipp: Judith Herrmann - Daheim

Netze auf dem kargen Land

Judith Herrmann: Daheim
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Judith Herrmann: Daheim


Mit „Sommerhaus, später“ hatte Judith Hermann großen Erfolg, der auch verfilmt wurde. Inzwischen sind ihre Romanfiguren „erwachsen“ geworden. Auch in „Daheim“.

Die Erzählerin lässt eine ehemalige Arbeiterin in einer Zigarettenfabrik und einer dann doch nicht „zersägten Jungfrau“ nach dem Auszug der Tochter ihren Mann zurück, um in der norddeutschen Provinz einsam zu sich selbst zu finden. Dort finden sich viele skurrile Figuren, etwa Nike mit den schlechten Zähnen, die von ihren Eltern in Kisten gesperrt wurde. Ihrem Exmann schreibt sie kleine Briefe, in denen sie erzählt, wie es ihr geht, in diesem neuen Leben im Norden. Sie schließt vorsichtige Freundschaften, versucht eine Affäre, fragt sich, ob sie heimisch werden könnte oder ob sie weiterziehen soll. Dabei geht es um zu leere und zu volle Räume, Versäumtes und Zufälliges, um wenig entscheidungsfreudige Frauen und um noch weniger entscheidungsfreudige Männer.

Wie Judith Hermann von einem ländlichen Daheim erzählt, ohne die Zumutungen des Ländlichen auszulassen, gehört zu den Stärken dieses Romans. Die Protagonistin fürchtet sich in der Einsamkeit schon bald vor Geräuschen im Haus, die vielleicht von einem Marder stammen. So muss sie sich den Einheimischen anvertrauen, die völlig anders gestrickt sind. Dabei geht es weniger um das Verhältnis von Stadt und Land, sondern um die Frage, wie sich individualisierte Menschen begegnen, wie sie bei all den Differenzen Gemeinsamkeiten finden.

Spröde Schönheiten

Stilistisch arbeitet Judith Hermann mit knappen, präzisen Hauptsätzen. Das passt zur „spröden Schönheit“ der Landschaften, es passt zu oberflächlichen Kargheit der Figuren. Aber unter der kargen Oberfläche gibt es etwas zu entdecken. So wird im Ungesagten zwischen Leerstellen und Lücken ein Netz gewoben, in dem „Landschaft, Figuren, Erinnerungen und Dingwelt“ Gestalt annehmen. Dazu gehören quiekende Schweine, tickende Uhren und schließlich der „Zustand des Dazwischen“. Aber so geheimnisvoll sich manche Beziehungen in dem Buch gestalten, nichts und niemand wird verklärt. Die finanziellen Zwänge bleiben immer präsent.

Wer sich darauf einlassen mag, den kann die sich dabei einstellende Atmosphäre und die eher ungewöhnlichen Figurenkonstellationen zu existenziellen Fragen anregen. Diese bleiben im Roman allerdings unbeantwortet, weil auf nichts Verlass sei. Das kann ebenso „meisterlich“ wie „kaum auszuhalten“ empfunden werden.

Judith Hermann vermag es jedenfalls, alle ihre Figuren und Fäden gekonnt zu verknüpfen. Alles fügt sich und steuert auf ein wiederum überraschendes Finale zu mit falschen Sorgen und bitteren Schockmomenten.

Dr. H Schaaf für die Christine Brückner Bücherei Arolsen

      

Info

S. Fischer Verlag 2021, 192 S., 21 Euro

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