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Legal, illegal, nicht egal - Oliver Schröm: Die Cum-Ex-Files

Oliver Schröm: Die Cum-Ex-Files
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Oliver Schröm: Die Cum-Ex-Files

Die Cum-Ex-Geschäfte nimmt Journalist Oliver Schröm unter die Lupe in seinem Buch: Die Cum-Ex-Files – Der Raubzug der Banker, Anwälte und Superreichen.

Raubritter hatten es schwer. Aufwendig mussten Kutschen, Dörfer oder Burgen überfallen werden, schwer war die Rüstung, gefährdete das eigene Leben, und sicher war die Beute am Ende auch nicht. Dagegen sitzen die großen Räuber (Steuerhinterzieher) heute in aller Regel im Warmen, leben im Luxus und können ihre Beute auch noch steuergünstig anlegen.
So betrügen schon jahrelang Menschen mit einem für Normalverdiener kaum vorstellbaren Vermögen mit Hilfe von Banken und Anwälten den Staat.

Allein in Deutschland raubten Banker, Anwälte und Anleger 31,8 Milliarden Euro aus der Staatskasse. Konkret geht es dabei um so genannte Cum-Cum/Cum-Ex-Geschäfte. Cum Cum bezeichnet auf Latein eine gemeinsame „Cumpanei“, bei der ausländische Investoren ihre Aktien vor dem Dividendenstichtag ins Inland verschieben. Damit umgehen sie, dass sie in Deutschland 15 Prozent Kapitalertragsteuern auf die Dividende eines deutschen Unternehmens zahlen müssen. Um das zu verhindern, „verleiht“ der Investor seine Anteilsscheine an einen deutschen Dienstleister, beispielsweise eine Bank. Nachdem die Dividende ausgezahlt wurde, gibt die Bank die Anteilsscheine wieder zurück – den Gewinn, also die gesparten Steuern – teilen sich die Beteiligten.

Bei Cum-Ex-Geschäften inszenierten Aktienhändler gegenüber dem Finanzamt ein Verwirrspiel mit Aktien mit („cum“), ohne („ex“) Dividendenansprüche. Dabei lassen sich Anleger eine einmal gezahlte Kapitalertragsteuer auf Aktiendividenden mithilfe von Banken mehrfach erstatten. Dazu werden diese Aktien rund um den Dividendenstichtag zwischen mehreren Beteiligten hin- und hergeschoben. Finanzämter erstatteten dann Kapitalertragsteuern, die gar nicht gezahlt worden waren.

Gemeinwesen werden Mittel entzogen

Eines haben Raubritter und die heutige Steuerhinterzieher gemeinsam: Ohne eigene produktive Arbeit werden die Beraubten um den Lohn ihrer Mühen gebracht und dem Gemeinwesen Mittel entzogen, die wahrhaft sinnvoller eingesetzt werden könnten, Aufgaben gibt es genug. Dennoch gelingt es bis heute nicht, diesem Raubzug einen Riegel vorzuschieben.

Wenn man das Buch von Oliver Schröm liest, bekommt man eine Idee, warum das so ist und nicht bleiben darf. So enttarnt der Journalist, der unter anderem für das ARD-Magazin „Panorama“ arbeitet, die Cum-Ex-Deals von Finanzjongleuren wie Carsten Maschmeyer und Clemens Tönnies sowie Verstrickungen von Olaf Scholz in die Cum-Ex-Affäre von Deutschlands größter Privatbank. In diesem ungleichen Kampf treten Finanzakteure ohne jedes Unrechtsbewusstsein, mutige Ermittler, denen die Zeit davonrennt, und Politiker, denen es anscheinend mehr um Vertuschung als um Behebung der Missstände geht, an.

Spannend wie ein Roman und real

Das Buch liest sich wie ein Detektiv-Roman – leider kommen die handelnden Personen in der Wirklichkeit vor. Wirklich ist aber auch, dass angesichts großer, auch finanzieller Herausforderungen keine Regierung länger dem Steuerbetrug durch Cum-Ex oder ähnlichen steuergetriebenen Geschäften so wenig entgegensetzen darf, wie es bislang der Fall war.

Oliver Schröm ist einer der profiliertesten Investigativ-Journalisten Deutschlands und enthüllte zahlreiche Affären in Politik, Wirtschaft, Sport und Gesundheit. Für seine Recherchen erhielt er mehrere nationale und internationale Auszeichnungen. Einige seine Bücher: „Die Krebsmafia“ (2017, mit Niklas Schenck), „Geld Macht Politik“ (2014, mit Wigbert Löer), „Tödliche Fehler“ (2003, mit Dirk Laabs), „Al-Qaida“ (2003), „Allein gegen Kohl, Kiep & Co.“ (2000, mit John Goetz und Conny Neumann).
Dr. Harald Schaaf für die Christine-Brückner-Bücherei in Bad Arolsen

Info

Oliver Schröm, Die Cum-Ex-Files. Der Raubzug der Banker, Anwälte und Superreichen - und wie ich ihnen auf die Spur kam, Ch. Links Verlag, 2021, 368 S. ISBN: 978-3-96289-123-7

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