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Circus Barelli will Quartier in Ernsthausen verlassen, braucht aber Geld für Diesel

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Von: Martina Biedenbach

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Es fehlt an Futter und Diesel: Seniorchef Harry Spindler-Barelli (links) bittet um Spenden für Diesel, damit der Circus das von Jochen Pfeiffer (rechts) gemietete Gelände in Ernsthausen auch tatsächlich verlassen kann. Für die Tiere sind nur noch wenige Heuballen an Futter da. Beide stehen neben einem Kamel, im Hintergrund zwei Heuballen.
Es fehlt an Futter und Diesel: Seniorchef Harry Spindler-Barelli (links) bittet um Spenden für Diesel, damit der Circus das von Jochen Pfeiffer (rechts) gemietete Gelände in Ernsthausen auch tatsächlich verlassen kann. Für die Tiere sind nur noch wenige Heuballen an Futter da. © Martina Biedenbach

Der aufgrund der Corona-Pandemie vor zweieinhalb Jahren in Burgwald-Ernsthausen gestrandete Circus Barelli hat ein neues Quartier in Pirmasens (Rheinland-Pfalz) gefunden und will dorthin umziehen. Doch nun fehlt das Geld für Kraftstoff. 

Ernsthausen – Der Circus Barelli ist am Packen. Er will nach zweieinhalb Jahren sein ursprünglich nur für Winter 2019/20 gemietetes Quartier im Betonwerk Ernsthausen zum 20. Juni verlassen. Doch der Familie Spindler-Barelli fehlt Geld zum Betanken der Fahrzeuge.

Coronabedingt konnte der Circus, wie berichtet, seit März 2020 kaum auftreten, erzielte keine Einnahmen mehr. „Wir mussten in dieser Zeit zirka 80 000 Euro aufbringen – für den Unterhalt unseres Circus, für Miete, Strom, Wasser, Versicherung, Futter für die Tiere und nicht zuletzt für die Lebensmittel, die wir für uns selbst benötigten“, erläutert Seniorchef Harry Spindler-Barelli unserer Zeitung. „Ohne Geld- oder Sachspenden und Hilfe in Form von Freundschaftsdiensten hätte der Circus nicht überleben können. Wir selbst haben alle unsere Reserven und den Familienschmuck eingesetzt. Wir haben auch Tiere verkauft.“

Für die verbliebenen Tiere seien nur noch wenige Ballen Heu da. Kraftfutter könne man sich schon seit Wochen nicht mehr leisten. Die wenigen Aufführungen in den vergangenen Wochen hätten kaum Geld eingebracht, sagt der Seniorchef.

Circus Barelli will in kleiner Besetzung in der Region auftreten

Wie berichtet, hatte der Besitzer des Ernsthäuser Betonwerks, Jochen Pfeiffer, Barelli schon zum 31. Dezember 2020 den Mietvertrag gekündigt, weil er das Areal verkaufen will (Artikel unten). Nach langer Suche habe Barelli nun ein geeignetes Ausweich-Quartier gefunden. „Ein Großteil der Fahrzeuge und das Zelt für 2000 Besucher soll in ein Lager bei Pirmasens überführt werden, mit dem Rest werden wir Gastspiele geben“, erläutert Spindler-Barelli weiter. Mit einem kleinen Zelt und kleinem Team von knapp 30 Leuten, das vor allem aus Familienmitgliedern bestehe, will der Circus in Hessen und angrenzenden Bundesländern auftreten. Ab 22. Juli gastiert er für vier Tage in Battenfeld.

Für die Überführung der Wagen und Ausstattung nach Pirmasens müssen die Zugmaschinen wieder zugelassen werden, Reparaturen für über 8000 Euro müssen noch bezahlt werden, sagt Spindler-Barelli und fasst zusammen: „Für den Transport unseres Equipments nach Pirmasens werden voraussichtlich um 10 000 Euro an Kraftstoff und Maut dazu kommen, ohne die Kosten, die für die Zulassungen und damit in Zusammenhang stehende Posten entstehen, sind wir also schon bei 18 000 Euro.“

Circus Barelli: Artisten aus Urkaine und Russland fehlen

Rund 60 Fahrzeuge – von Wohnwagen bis Lkw-Aufliegern, von Transportfahrzeugen für die Tiere bis zu alten Circuswagen, die für eine historische Ausstellung verwendete werden, gehören zum Unternehmen, das laut Spindler-Barelli vor Corona der zweitgrößte Circus Deutschland war und bis zu 200 Beschäftigte hatte. Neben Corona erschwere der Krieg in der Ukraine die Situation für die Familie. Dadurch verteuerten sich nicht nur Dieselkraftstoff und andere Kosten, sondern viele der Artisten, die bisher bei Barelli auftraten, stammten aus der Ukraine und aus Russland. Sie fielen jetzt aus.

Circus Barelli vor Umzug. Ramona Barelli von der Circusleitung und die Mitarbeiter Livio und Florin aus Rumänien beim Packen.
Circus Barelli vor Umzug. Ramona Barelli von der Circusleitung und die Mitarbeiter Livio und Florin aus Rumänien beim Packen. © Martina Biedenbach

„Wir brauchen noch einmal die Großzügigkeit der Bevölkerung, damit wir unseren Umzug finanzieren können, denn alle anderen Geldquellen haben wir bereits ausgeschöpft“, bittet Harry Spindler-Barelli um Hilfe und dankt allen bisherigen Förderern und Spendern.

Circus Barelli: Aufgeben keine Option

Das Circus-Geschäft angesichts der schwierigen Lagen aufzugeben, sei für die Familie keine Option, sagt der Seniorenchef. „Wir sind Circusleute. Circus ist für uns eine Herzensangelegenheit. Ich bin im Wohnwagen geboren, mein Vater ist im Wohnwagen gestorben. Reisen gehört zu unserem Leben.“

Dennoch falle der Abschied nach zweieinhalb Jahre schwer. Die Kinder hätten erstmals dieselben Lehrer und Mitschüler über einen längeren Zeitraum gehabt. Eine Enkelin habe in Frankenberg ihren Schulabschluss gemacht. „Wir freuen uns, wieder auf Reisen zu gehen, sind aber auch traurig, dass wir liebgewonnene Menschen verlassen müssen“, sagt Spindler-Barelli.

Circus Barelli: Vermieter in Ernsthausen wartet sehnlich auf den Abzug

Sehnlich auf die Abreise des Circus-Unternehmens wartet Jochen Pfeiffer, der Vermieter des Geländes an der Bundesstraße in Ernsthausen. Der 49-Jährige hatte das Betonwerk Ende 2019 geschlossen und für die Wintermonate 2019/2020 einen Mietvertrag mit Barelli abgeschlossen. Doch aufgrund von Corona ist der Circus mit seinen Tieren und den über 60 Fahrzeugen immer noch da.

Pfeiffer plant hingegen, das Betonwerk zu verkaufen. „Ich habe monatlich 5000 Euro Verbindlichkeiten dafür zu leisten“, sagt er. Mit fünf Käufern seien die Kaufverhandlungen bereits so weit fortgeschritten gewesen, dass schon Termine beim Notar vereinbart waren. Doch alle Interessenten seien abgesprungen, weil der Circus trotz Kündigung nicht abgezogen sei, erläutert Pfeiffer.

Jetzt gebe es wieder zwei Kaufinteressenten, die beide den gleichen Kaufvertrag vorliegen hätten. Er sei zuversichtlich, dass diesmal einer unterschreiben werde, erläutert der Noch-Besitzer aus Gladenbach, der nun vom Verkauf von Betonteilen lebe. Neben Abtrag und Zinsen für das Betonwerk lasteten auch weitere Verbindlichkeiten auf dem Grundstück, zum Beispiel Abgaben an die Gemeinde Burgwald.

Circus Barelli: Vermieter hat Räumungsklage vorbereitet

Eine Räumungsklage gegen den Circus habe er vorbereitet, dennoch setze er immer noch auf eine einvernehmliche Lösung, sagt er. „Wir wissen, Herr Pfeiffer ist kein reicher Mann“, zeigt Seniorchef Spindler-Barelli Verständnis. Aber seine Familie habe ihrerseits einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Der sage, der Circus könne nicht einfach zum Abzug gezwungen werden.

Trotz der schwierigen Lage reden beide Seite weiter miteinander. Und sie sind sich in einem einig: Beide sind aufgrund von Corona in diese, besonders für den Circus, existenzbedrohende Lage geraten. Aber beide hätten keine staatlichen Hilfen bekommen, seien allein gelassen worden. „Barelli hätte vom Land unterstützt werden müssen. Das Land hat schließlich das Auftrittsverbot verhängt“, sagt Pfeiffer.

Der für Montag, 20. Juni, geplante Abzug des Circus, hängt nun laut Circusleitung davon ab, dass Spenden für Diesel kommen. Spindler-Barelli und Pfeiffer erinnern Burgwalds Bürgermeister Lothar Koch an seine Zusage, dass er Kosten für eine Tankfüllung übernehme.

Wie berichtet, hatte die Gemeinde dem Circus eine Zeitlang Gebühren für Wasser und Abwasser erlassen – ein fünfstelliger Betrag. Die Gemeinde hatte auch alternative Quartiere vorgeschlagen. Die seien nicht geeignet gewesen, hält der Seniorchef dem entgegen.

Circus Barelli: Auch anderes Unternehmen wartet auf Abzug

Auf den Abzug des Circus wartet auch die Ernsthäuser Firma Kahl & Schlichterle, die Barelli gestattet, auf einem in der Nähe befindlichen Gelände an der Bundesstraße, wo einst die Natursaft-Mosterei war, Auflieger kostenlos abzustellen. „Erst waren es zwei Auflieger, jetzt sind es 14“, sagt Bernd Schlichterle von der Geschäftsführung auf Anfrage. Er hat dem Circus eine Frist zum Abzug bis Ende Juli eingeräumt. (Martina Biedenbach)

Geldspenden an das Konto DE10 5235 0005 0000 8909 39, Sparkasse Waldeck-Frankenberg, Inhaberin Ramona Spindler, oder direkt an den Circus.

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