1868 brannten 14 Häuser und der Kirchturm ab

Warum die Birkenbringhäuser "Ratzverbrenner" genannt werden

+
Werner Heusing hat auf einer Flurkarte von 1842 rekonstruiert, wie sich das Feuer im Dorf am 23. Juli 1868 verbreitet hat.

Birkenbringhausen. Heute vor 150 Jahren zerstörte der große Brand in Birkenbringhausen 14 Häuser und den Kirchturm. Der Birkenbringhäuser Hobby-Historiker Werner Heusing erinnert an die Katastrophe.

Die Birkenbringhäuser nehmen es mit Humor, dass sie die Ratzverbrenner genannt werden. Die Ursache für den Spitznamen – Kinder wollten einen Iltis (Ratz) verbrennen und verursachten einen Großband – gibt aber zum Scherzen keinen Anlass. „Das zerstörerische Feuer hat viel Leid verursacht in der zuvor schon armen Dorfbevölkerung“, sagt der Birkenbringhäuser Hobby-Historiker Werner Heusing.

Der 69-Jährige hat sich zum 150. Jahrestag der Katastrophe intensiv mit dem Großbrand in seinem Heimatort beschäftigt. 14, eventuell sogar 15 Häuser fielen den Flammen zum Opfer. Dass von der Kirche nur Turm und Dachstuhl brannten, grenze an ein Wunder, sagt Heusing.

Verletzte Helfer und Retter kamen noch hinzu. Den Vater von Johannes Kahl, dem Kind, das den Brand verursachte, traf es besonders schlimm. Heusing berichtet: „Kahl war in sein brennendes Haus gestürmt und wurde beim Versuch, sein Hab und Gut zu retten, selbst vom Feuer erfasst. Auf der Flucht vor den Flammen sprang er aus einer Bodenluke ins Freie, rannte zum nächsten Wassereimer, tauchte seinen Kopf ein und löschte so sein brennendes Haar. Seine Verletzungen waren so schwer, dass er viele Wochen krank darnieder lag. Beim Aufbau seines neuen Hauses, das zuvor in Wiesenfeld gestanden hatte, konnte Johannes Kahl sich nicht beteiligen.“

Tragisch auch die Geschichte von Hermann Naumann. Heusing: „Er hatte sich beim Aufbau seines neuen Hauses so übernommen, dass er geraume Zeit später verstarb. Besonders tragisch war sein Tod deshalb, weil ihm vor dem Brand das erste Kind nach 16-jähriger Ehe geboren war.“

Heute spreche kaum noch einer von der Katastrophe. „Das große Leid der Menschen sollte nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Heusing aber.

Er beschäftigt sich leidenschaftlich gerne mit der Heimatgeschichte, verbringt viele Stunden damit, alte Akten und Unterlagen der Kirchengemeinden und aus Archiven zu entziffern. Seitdem der ehemalige Verwaltungsangestellte bei der Kripo Marburg im Ruhestand ist, verbringt er manchmal bis zu 30 Stunden in der Woche mit seinem Hobby. Er entwickelt eigene Computer-Programme, um die historischen Daten, die er aus den Dokumenten herausfindet, übersichtlich darzustellen.

Schon bei der Birkenbringhäuser Chronik zur 750-Jahr-Feier 1999 hat er wesentlich mitgewirkt. Zusammen mit dem Bottendorfer Historiker Dr. Ulrich Stöhr hat er den genealogischen Teil der Wangershäuser Chronik erstellt. Und auch in Birkenbringhausen kennt er fast zu jedem Haus die Familiengeschichte.

Hintergrund: Der Unglückstag

Der außergewöhnliche heiße und trockene Sommer des Jahres 1868 zwang die Birkenbringhäuser Landwirte sehr früh zur Kornernte auf ihre umliegenden Felder. Es war am Nachmittag des 23. Juli 1868 gegen 15 Uhr, als einige kleine Jungen, die noch zu jung waren, um bei der Kornernte zu helfen und deshalb im Dorf verbleiben durften, einen “Ratz“, so nannte man in Birkenbringhausen einen Iltis, entdeckten. Sofort wurde der Plan gefasst, den Ratz zu fangen, was aber auf Anhieb nicht gelang. 

Während der Verfolgungsjagd flüchtete der Ratz in einen Reisighaufen, der an die Scheunenwand des Anwesens Nr. 19 Schreck (Schneirer-Eckels) angelehnt war. Nach kurzer Beratung der „jungen Jäger“ holte der Jüngste – es war Johannes Kahl – aus seinem nahe gelegenen Elternhaus Streichhölzer. In ihrem kindlichen Unverstand glaubten die Jungen, mit Feuer nun dem Ratz beikommen zu können. 

Sie zündeten den Reisighaufen an, der augenblicklich lichterloh brannte und dessen Flammen direkt die Scheune des Anwesens Nr. 19, Schreck, in Brand setzten. Von dort schlug das Feuer auf das Wohnhaus und weiter auf die Gebäude des Anwesens Nr. 6 Kahl (Lipses) über. 

Nach den Warnrufen „Feuer“ und den Rufen nach Hilfe wurden die Kirchenglocken geläutet, um die sich auf den Feldern am Baltzersberg, im Soolfeld oder auf dem Kriegacker bei der Erntearbeit befindenden Birkenbringhäuser zurück ins Dorf zu rufen. Da die meisten Häuser aber noch mit Stroh gedeckt waren, verbreitete sich das Feuer, unterstützt von einem starken Südwest-Wind, sprichwörtlich in Windeseile. 

Alle geradezu übermenschlichen Anstrengungen und Bemühungen, der vom Feld zurückgekehrten Birkenbringhäuser, scheiterten. Im Ort stand ohnehin nur wenig Wasser zur Verfügung und auch das Wasser, das man in Fässern von der Eder heranschaffte, reichte nicht aus, um über das Flammeninferno Herr zu werden. 

Viele von dem Brand betroffene Birkenbringhäuser mussten die ersten Tage und Nächte im Freien verbringen. Nachts schliefen sie unter einer großen Fichte, bis für alle Betroffenen eine Notunterkunft gefunden war. Es dauerte aber nicht lange, bis Hilfe aus den Nachbargemeinden eintraf. Besonders die Gemeinden im Ebsdorfergrund haben durch Sammlungen von Lebensmitteln und Kleidern hier Besonderes geleistet.

Der Wiederaufbau der abgebrannten Häuser erfolgte mit leerstehenden Häusern aus den umliegenden Gemeinden. Die Fachwerkhäuser wurden zerlegt, die Teile nummeriert und dann in Birkenbringhausen wieder aufgebaut.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.