Alarmsirene für den Ernstfall

Gefährliches Unterfangen: Wie 1946 im Burgwald das letzte Giftgas entsorgt wurde

Verladung von Munitionskisten: Die Amerikaner waren für ihr „Entmunitionierungsprogramm“, das sich auf der Frankenberger Muna weit ins Jahr 1946 hinzog, auf das alte Personal und aller verfügbaren männlichen Arbeitskräfte der Umgebung angewiesen. Archivfotos: Karl-Hermann Völker
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Verladung von Munitionskisten: Die Amerikaner waren für ihr „Entmunitionierungsprogramm“, das sich auf der Frankenberger Muna weit ins Jahr 1946 hinzog, auf das alte Personal und aller verfügbaren männlichen Arbeitskräfte der Umgebung angewiesen.

Mit dem Giftgas, das im Burgwald lagerte, hätten Menschen im Umkreis von 20 Kilometer getötet werden können. Die Entsorgung nach dem Zweiten Weltkrieg war ein gefährliches Unterfangen.

Burgwald – Auch ein Jahr nach Kriegsende war die tausendfach tödliche Gefahr, die von der Luftmunitionsanstalt 2/XII zwischen Frankenberg und Wiesenfeld mit ihren dort gelagerten chemischen Kampfstoffen ausging, noch nicht gebannt. Als „Bekanntmachung“ erschien im Amtsblatt für den Kreis Frankenberg am 27. April 1946 diese Meldung: „Bei der ehemaligen Munitionsanstalt Frankenberg werden die dort lagernden Gasbomben zur Zeit durch die amerikanische Behörde beseitigt.

Es besteht wie während des Krieges die Gefahr des Entweichens von Gas, welches die Einwohner des Kreises Frankenberg in einem Umkreis von 20 km gefährden könnte. Bei eintretenden Ernstfällen wird die Bevölkerung durch die Alarmsirene aufmerksam gemacht.“

Obwohl der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht noch am 27. März 1945 zusätzliche Kraftfahrzeugreserven angefordert hatte, um die dort deponierten, noch geheimen Tabun-Bomben in letzter Minute dem Zugriff der amerikanischen Truppen zu entziehen, fand die 104. US-Infanteriedivison dort am 31. März die Luftmunitionsanstalt vollkommen intakt vor. Die Kampfstoffbehälter trugen sogar die Originalbezeichnung, sodass den Amerikanern sofort im Detail das riesige Gefahrenpotential der hier gelagerten, völkerrechtlich geächteten Chemiewaffen bewusst wurde.

Nachdem auf der Muna anfangs ganz reguläre Bomben, Flak- und Bordwaffenmunition eingelagert und montiert worden waren, kamen ab Mitte 1942 dort nur noch Bomben mit chemischen Kampfstoffen an, wie der Militärhistoriker Claus Bradschetl 1995 feststellte. Sie stammten aus schlesischen Fabriken, in denen KZ-Häftlinge bei der lebensgefährlichen Herstellung mithelfen mussten. Heute ist kaum noch vorstellbar, dass diese Giftgas-Bomben und -Fässer von Angehörigen der Frankenberger Luftmuna zwar streng geheim und bewacht, aber ganz normal mit der Reichsbahn heranbefördert wurden. Dafür gab es keine warnende „Bekanntmachung“ der Behörden. Generell existierten aber während des Kriegs Notfallpläne, für den Fall eines Gasalarms: Fahrradkuriere (!) sollten dann von der Muna, je nach Windrichtung, in die umliegenden Dörfer ausschwärmen und die Bevölkerung warnen.

Schadhafte Bomben mit leicht flüchtigen chemischen Kampfmitteln wurden teilweise direkt auf der Muna in einem „Neutralisationsbecken“ am Fritzbach unschädlich gemacht.

Im Jahr 1997 konnte Hans-Joachim Adler (Frankenau), der die Luftkriegsgeschichte in der Frankenberger Region intensiv erforscht hat, Zahlen für das tödliche Giftgas-Material ermitteln, das von den Amerikanern gefunden, teilweise noch auf der Muna dekontaminiert oder abtransportiert werden musste: 3400 Tabunbomben (je 50 Liter), 750 Weißkreuzbomben, etwa 250 Gelbkreuzbomben, 250 Blaukreuzbomben (2000 kg) und 300 Grünkreuzbomben. Die amerikanischen Militärchemiker wohnten während des „Entmunitionierungsprogramms“ in beschlagnahmten Wiesenfelder Häusern.

Offenbar dauerte im Frühjahr 1946 die Entsorgung der chemischen Kampfstoffe noch an. Erst dann begann mit TNT die Sprengung von 108 der 115 Bunker, Tag für Tag einer – bis 1947.

bunkerdergeschichte.de

Von Karl-Hermann Völker

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