Hugenotten prägten den Ort: 777 Jahre Wiesenfeld

Mit Bundesgold-Plakette durchs Brandenburger Tor: Der 22. Januar 1994 gehörte zu den Höhepunkten in der Dorfgeschichte der Wiesenfelder, als sie in Berlin den Preis für ihre Leistungen im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ entgegennahmen. Fotos: Völker

Wiesenfeld. Der Burgwalder Ortsteil Wiesenfeld feiert ab Freitag sein 777-jähriges Bestehen. Glaubensflüchtlinge bewahrten in der Kolonie Wiesenfeld gute Traditionen.

Sie waren quer durch Europa über die Alpen nach Nordhessen gewandert, wo sie ihren in Frankreich und Italien verbotenen protestantischen Glauben leben durften.

Aber sie hatten nicht nur dieses kostbare Gut mitgebracht, sondern auch die Fähigkeit, schwer zu arbeiten, sich gegenseitig zu helfen und zielstrebig eine neue Gemeinde zu bilden - auch wenn sie zum Bau ihres ersten „Temples“ das Holz aus dem Wald des Landgrafen noch stehlen mussten.

So entstand 1720 neben den Ländereien der einstmals reichen Johanniterkommende die kleine Hugenotten- und Waldenserkolonie Wiesenfeld.

Vom ersten Siedlungsort schauten die Einwanderer über die „Palisade“ sehnsüchtig von fern auf den Kirchturm des Johanniterklosters Wiesenfeld. Dort hatte die Dorfgeschichte schon um 1200 mit der Gründung eines Klostergutes begonnen. Landgraf Philipp verpachtete es zunächst an Adelige, ab 1755 aber durften endlich zehn Wiesenfelder und 13 Todenhäuser Familien ins heutige Dorf ziehen.

Zu ihren aus Frankreich mitgebrachten Traditionen gehörte das Prinzip der „Ältesten“ („anciens“) und des Diakons („diacre“), die für Arme und Waisen sorgten. Sie pflegten die Selbstverwaltung der Gemeinde durch die Kirchenvorstände („consistoire“), denn der Pfarrer in Louisendorf war fern und kam anfangs nur viermal im Jahr.

Alle Entscheidungen wurden von den versammelten „Chefs des familles“ basisdemokratisch getroffen, und 1870 lobte der Münchhäuser Pfarrer „die wohltuende Liebe“, mit der alle 150 „Seelen“ trotz ihrer Armut miteinander verbunden seien.

Dies wirkte bis heute weiter: Im 20. Jahrhundert organisierten sich die Wiesenfelder gern genossenschaftlich in Gefrierhaus-, landwirtschaftlichen Mähdrusch- und Maschinengemeinschaften bis zum selbst verwalteten „Jugendtreff“ heute. 1838 bauten sie in Selbsthilfe ihr erstes Schulhaus, und mit großer Opferbereitschaft unterhielten sie ihre riesige gotische Klosterkirche ebenso wie das später gebaute freikirchliche Gemeindehaus.

Je stärker das Dorf nach dem Zweiten Weltkrieg seine landwirtschaftlichen Strukturen und ehemaligen Funktionszentren wie Schule, Post, Verwaltung, Gastwirtschaft und Lebensmittelladen verlor, umso stärker engagierten sich die Bürger im Gemeinschaftsleben: Für die 750-Jahr-Feier 1988 wurden sämtliche Fachwerkfassaden denkmalgerecht renoviert, in Eigenleistung errichteten die Einwohner ein Backhaus oder machten aus dem ehemaligen Raiffeisenlager ihre „Hugenottenstube“.

Im Wettbewerb „Unser Dorf“ wurden sie 1990 und 1992 Landessieger, 1993 gewannen sie „Bundesgold“.

Von Karl-Hermann Völker

Wie die Wiesenfelder zu ihrem Spitznamen Flitz-Franzosen kamen, was es mit dem Streit um das Erbe der Heiligen Elisabeth im Ort auf sich hatte, warum es im Mittelalter Pilger nach Wiesenfeld zog - all dies und weitere Details aus der Ortsgeschichte auf einer Sonderseite in der gedruckten Donnerstagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

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